Stellungnahme zur Doku “Ich bin Viele“ aus der Reihe “37°“

Aus der Sicht der “Intervisionsgruppe von Menschen mit DIS, die im psychosozialen Bereich berufstätig sind“ und der auch wir angehören:

Der oben genannte Film ist das Portrait einer einzelnen Person mit einer DIS.

Als selbst betroffene Personen schauen wir solche Dokumentationen natürlich mit besonderer Neugier an – und auch mit besonderer Hoffnung darauf, das Thema DIS auf achtsame und informative Weise in die Öffentlichkeit gebracht zu sehen.

Denn die DIS ist bis heute eine der psychischen Erkrankungen, über die im öffentlichen Bild besonders viele Mythen und Vorurteile existieren, von der völligen Ableugnung der Validität des Störungsbildes an sich, über meist schauerliche Darstellungen in Spielfilmen, bis hin zu einer gewissen Faszination, die sich in meist emotionalen und unter Umständen voyeuristischen Darstellungen von möglichst vielen Persönlichkeitswechseln ausdrückt.

Alle diese Arten von Darstellungen sind für uns Betroffene jedoch stigmatisierend, da sie nur ganz bestimmte Aspekte des Störungsbildes darstellen und damit an der Realität einer großen Gruppe von Betroffenen vollkommen vorbeigehen.

In unserem Alltag müssen wir so immer wieder Kämpfe um Glaubwürdigkeit, Anerkennung und Augenhöhe ausfechten, die belastend und unnötig wären, wenn das Störungsbild insgesamt realistischer dargestellt wäre.

Leider hat dieser Film unsere Hoffnungen enttäuscht.
Stattdessen drängt sich uns als Betroffene der Eindruck auf, dass nach Bildern gesucht wurde, die in den Zuschauer*innen möglichst viele Emotionen wecken sollen.

Wenig nachvollziehbar beispielsweise ist die Fokussierung und Kürzung des Materials mit überwiegendem Blick auf den Moment von Persönlichkeitswechseln und eine kindliche Innen-Person, der filmerisch eine vorherrschende Rolle in der Alltagsgestaltung eingeräumt wird.

Hier werden weder die Komplexität des Störungsbildes, noch die bestehenden Kompetenzen der Betroffenen ansatzweise gewürdigt. Im Instagram-Profil der Betroffenen (Sabrinas) sowie auch in den Shownotes in der Mediathekseite wird deutlich, dass ihre erwachsene Kompetenz wesentlich stärker ausgeprägt zu sein scheint, dass beispielsweise Wechsel unter den erwachsenen Alltags-Innenpersonen weit weniger augenfällig sind und sie durchaus in der Lage ist, trotz der DIS und weiterer, schwerwiegender körperlicher Einschränkungen berufliche Kompetenzen zu entwickeln und auch in irgendeinem Ausmaß professionell zu arbeiten.

Kurz gefasst lässt sich dieser Film paraphrasieren: Menschen mit einer DIS verhalten sich kindlich, erinnern sich nicht daran und benötigen anhaltend eine 24-Stunden- Betreuung.

Die möglicherweise auch den Assistenzbedarf mit bedingenden körperlichen Erkrankungen sind in diesem Zusammenhang nicht weiter thematisiert, was neuerlich zu einer unangemessenen Reduktion führt.

Wünschenswert wäre eine Darstellung, die insgesamt die innensystemübergreifende Lebenskompetenz der Betroffenen darstellt, insbesondere in einem vergleichsweise gut recherchierten und finanzierten Format, wie es “37°“ sonst üblicherweise ist.

Als besonders schwierig aus verschiedenen Gründen empfinden wir den Beitrag des professionellen Trauma-Experten Ulrich Sachsse. Seine lapidare Erklärung der Entstehung der Störung, dass die Störung auf schwerer Gewalt beruhe und dass ein Kind, dem dies geschieht, „sich vormacht“, dass es einer anderen Person geschehe, und dass auf diese Weise die traumatischen Erfahrungen auf verschiedene Selbstzustände aufgeteilt würden, ist eine fast schon fahrlässig zu nennende, extrem verkürzte Darstellung.

Auf diese Weise entsteht ein Eindruck von bewusstem Handeln auf Seiten der Opfer, der die reale Gewalt und Einflussnahme durch die Täter*innen und die insgesamte Komplexität des Geschehens völlig verleugnet.

Des Weiteren wird das Thema Gewalt, in seinem ganzen gesellschaftlichen Kontext, im gesamten Beitrag nur nebensätzlich erwähnt, übrig bleibt vorrangig nur eine Fokussierung auf dem Leiden der Betroffenen.

Wir sehen es dabei auch nicht als Aufgabe der Protagonistin an, über erlebte Gewalt sprechen zu müssen, aber es fehlt zumindest ein kurzer Hintergrund dazu, und es fehlt vollkommen eine Einordnung in gesellschaftliche Kontexte.

Unklar bleibt bis zuletzt, was das Ziel dieses Beitrages ist. Nicht zu vergessen ist, dass es sich hier um einen Beitrag im öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit einer großen Reichweite und einem diversen Pool an Adressat*innen handelt, so dass wenig nachvollziehbar ist, wie ein nur so kleiner Ausschnitt ohne Verweis auf das sehr viel breitere Spektrum und Bild von Menschen mit einer DIS gezeigt wird?

Viele Betroffene mit einer DIS sind sehr funktional in ihrem Alltag, arbeiten in Vollzeit, sind in der Lage, funktionierende soziale Beziehungen zu unterhalten, sind zum Teil sehr kreativ. Gleichzeitig ist diese Stabilität – wie ja auch in dem Beitrag durchaus deutlich wurde, denn auch die Sabrinas waren früher in der Lage, zu studieren und als Lehrerin zu arbeiten – keine Selbstverständlichkeit, und es ist für sehr viele Betroffene ein ewiger Kampf, Anerkennung für ihre Einschränkungen und die benötigte Unterstützung in Form von fachkundiger therapeutischer Langzeit-Therapie zu erhalten.

Es gibt zu wenige ausgebildete Traumatherapeut*innen mit Kassensitz; wird ein Therapieplatz gefunden, so ist die Finanzierung der benötigten Anzahl an Stunden ein andauernder, belastender Kampf.

Über die Dissoziative Identitätsstruktur in all ihren Ausprägungen und in all den Schwierigkeiten, mit denen sowohl hochfunktionale als auch stark unterstützungsbedürftige Betroffene im Alltag wirklich zu kämpfen haben, könnten so viele Aspekte erzählt werden.

Sollte es das Ziel sein, ein breites Publikum mit einer schweren Lebensgeschichte zu unterhalten, „Das Faszinosum Mensch mit DIS“? Wir können uns des Eindrucks nicht erwehren, dass hier mit realem Schrecken und Gewalt „Unterhaltungsfernsehen mit Quote“ gemacht wird, ohne dass eine auch nur ansatzweise angemessene Reflexion dieser ja auch noch tagtäglich in unserer Gesellschaft stattfindenden Gewalt erfolgt. Dies ist bitter und schier nicht zu fassen, nicht zuletzt vor dem Hintergrund des Bekanntwerdens der Verbrechen in Lügde, Bergisch Gladbach und Münster und der unverändert so immens hohen Dunkelziffer.

Wir als Menschen, die auch Viele sind, distanzieren uns von dieser Form von einseitiger, immer wieder gleicher Berichterstattung zu Lasten der Betroffenen.

Auch wenn dieser Beitrag als Portrait eines einzelnen Menschen mit DIS angelegt ist, wurde mit diesem Beitrag (erneut) die Gelegenheit verschenkt, komplexer, tiefgehender und vielfältiger, aber vor allen Dingen auf Augenhöhe mit den Betroffenen über die Dissoziative Identitätsstruktur zu berichten.

Unterzeichner*innen: “Intervisionsgruppe von Menschen mit DIS, die im psychosozialen Bereich berufstätig sind“
Kontaktadresse: someofmany@posteo.de

Warum wir nicht mehr mit jedem diskutieren

Die Existenz ritueller/ritualisierter, organisierter Gewalt anzuerkennen hat nichts mit glauben zu tun, sondern mit wissen und mit Haltung.

Menschen, die diesbezüglich Zweifel säen und verbreiten, die Gewaltopfer verhöhnen oder verleugnen, haben keine Bereitschaft, wirklich offen zuzuhören und den eigenen Horizont zu erweitern. Aus verschiedensten Gründen.

Vor ein, zwei Jahren noch vertraten wir die Meinung, es sei nötig und sinnvoll, trotz allem mit solchen Zweifler*innen ins Gespräch zu kommen, auch öffentlich. Es wäre kontraproduktiv, sie zu ignorieren oder zum Feind zu erklären – dies würde der Sache an sich und auch der “Glaubhaftigkeit“ der Betroffenen schaden.

Heute sehen wir das anders: Wir diskutieren nicht mehr über die Tatsache der rituellen/ritualisierten, organisierten Gewalt – schon mal gar nicht mit False Memory-Anhänger*innen, Satanic Panic- Vertreter*innen und Co.

Warum? Weil es eine sich totlaufende Endlosgeschichte ist, die einfach nur Energie und Lebenszeit frisst und von Anfang an keine offene Einstellung mitbringt.

Sich abzuarbeiten an Gegenübern, die sich einen Spaß daraus machen, zu jeder Äußerung “Aber’s“ zu erfinden, ist erniedrigend.

Sich einzulassen auf die Denk- und Argumentationsweise von jemandem, der einfach nur an seinem “Nein!“ festhalten will, ist vergeb’ne Liebesmüh‘.

Sich zu öffnen mit eigenen Erfahrungen, Verletzungen und Erkenntnissen, in der Hoffnung, den/die andere*n so zu erreichen, dass ein Mitfühlen entstehen kann, ist bei “aggressiven Zweifler*innen“ nicht nur naiv, sondern auch gefährlich.

Unter anderem deshalb haben wir unsere Einstellung inzwischen verändert und uns von der Idee des “runden Tisches für alle“ verabschiedet.

Traurig, ja. Ärgerlich und frustrierend. Aber vor allem erleichternd.

Unser Fokus liegt nun auf der Stärkung und der Vernetzung von Betroffenen und Unterstützer*innen – denn:

“Was wäre, wenn… ?!!!“

Wenn die Flucht endet

Wir waren seit mehr als 20 Jahren nicht mehr in dieser Stadt. Auch nicht im weiteren Umkreis. Nicht, weil wir die Gegend nicht mögen würden. Sondern weil wir vor Menschen geflüchtet sind, die in dem Bereich ihren Lebensmittelpunkt hatten und zum Teil noch haben.

Der Abbruch fast aller sozialen Kontakte (auch der guten), der weiteren beruflichen Entwicklung, der speziellen “Heimatlichkeit“ -zugunsten einer Überlebenssicherung in einem anderen Bundesland- war nötig und schmerzhaft.

Wir haben mehr als 20 Jahre keinen Fuß mehr in diese oder benachbarte Städte gesetzt, aus Angst vor Rückschritten, Eingriffen, Kontrollverlusten… “Gemieden wie der Teufel das Weihwasser“- wie passend!

Jetzt haben wir keine Angst mehr. Jetzt können wir wütend darüber sein, dass uns Täter*innen verschiedene “no go – areas“ aufgezwungen haben. Wir sind nicht mehr auf der Flucht. Im Gegenteil: Jetzt kommen wir zurück! Weil wir uns mit uns selbst sicher sind, dass wir uns halten und schützen können. Thank you for 20 Jahre richtig gute Therapiearbeit!

Belgische Fritten mit Sate-Sauce. Die bekommen wir nur dort und die haben wir vermisst. Und ich frage mich, ob es wohl länger als einen halben Tag dauern wird, bis ich wieder in den gewohnten Singsang-Dialekt verfalle.

Das Rheinland. Wir machen kein Geheimnis mehr daraus, dass wir dort geboren, aufgewachsen und gefoltert wurden. Wir benennen auch, dass der Wirkungskreis unserer Täter*innen sich auf das dortige Grenzgebiet bezogen hat. Aber es gehört ihnen nicht!

Der Boden kann nichts für den Krieg, den Menschen auf ihm führen.

Wir fahren natürlich nicht nur wegen der tollen Fritten dort hin.

Wir werden am 9. September in Köln aus unserem Buch lesen und anschließend diskutieren.

Ohne Maske, ohne Versteck, ohne Angst und mit mindestens zwei ausgestreckten Fuck-you-Fingern Richtung Täter*innenkreis.

20 Jahre Flucht sind vorbei.

Betrug erkennen

©PaulaRabe

Die Wahrheit ist: Du bist nicht mehr und auch nicht weniger wert als andere.

Du wirst genauso ausgebeutet, belogen und manipuliert wie andere.

Du bist eins ihrer Opfer, eins von vielen: Egal.

Wirst du wütend, wenn du das liest? Möchtest du widersprechen?

Aber ich habe besondere Aufgaben, besondere Rechte und Pflichten. Ich habe einen höheren Rang, mehr internes Wissen, bin vielschichtig ausgebildet/trainiert. Andere werden nach Gebrauch eliminiert, ich kann Einfluss nehmen.

Ich verstehe, dass du das denkst- weil du es denken musst, um zu überleben.

Was wäre, wenn du erkennen würdest, dass das elitäre Gedankengut eine gigantische Mogelpackung ist?

Was wäre, wenn du fühlen würdest, dass du damit von einer Gruppe sadistischer, macht- und geldgeiler Würstchen wie eine Marionette im Griff gehalten wirst?

Du gehörst keiner Elite an!

Es gibt kriminelle Gruppierungen, deren Mitglieder Gewalt praktizieren und dabei mehr oder weniger Ideologien anhängen (sei es aus Überzeugung oder als simple Rechtfertigung o.a.).

Es gibt Gruppierungen, die auf diesem Wege viele Millionen erbeuten und somit auch gesellschaftlich und politisch Macht ausüben können.

Aber: Alle, die sich selbst als Elite ansehen und dich darin mit einbeziehen, sind Lügner*innen.

Sie erzählen nicht nur dir das Märchen von der Unverzichtbarkeit, Auserwählung, Begabung, Lebenslänglichkeit…

Das zu realisieren, ist einer der schlimmsten Schmerzmomente im inneren “Ausstieg“ aus organisierter Gewalt.

Und gleichzeitig ist es eine große Chance.