Gelesen, gehört, gesehen, gefühlt

Die Lesung ist nun schon fünf Tage her und es fühlt sich an, als hätten wir einmal ein anderes Universum besucht. Inzwischen sind wir wieder zu Hause- aber wir müssen uns noch zusammensammeln, glaube ich. Innerlich verstreut, äußerlich zerstreut. Und müde.

Die Veranstaltung im Foyer des Kölner Filmhauses war -zumindest für uns- eine besondere. Im Rheinland zu lesen, öffentlich sichtbar und erkennbar zu sein, ist eine Anmaßung und eine Befreiung zugleich. Je nachdem, wen man fragt. Soweit wir das beurteilen können, saß niemand von jenen im Publikum, die unsere öffentlichen Aktivitäten missbilligen. Glücklicherweise fühlt es sich jetzt im Nachhinein auch nicht so an, als müssten wir innere Bestrafungsmantren starten oder uns sonstwie niedermachen. Schön!

Wir haben einen Schatz mit nach Hause gebracht: Einen kleinen, hellgrünen Karton mit vielen bunten Zetteln darin. Wir hatten die Menschen bei der Lesung gebeten, uns Rückmeldungen aufzuschreiben oder aufzumalen, wie in einem Gästebuch- damit wir alle uns das zu Hause in Ruhe anschauen und so auch konservieren können. Die Worte in dieser Gästebox sind wunderbare Geschenke.

Überhaupt haben uns verschiedene Begegnungen sehr berührt: Langjährig Vertraute, Fremde, flüchtig Bekannte kamen auf uns zu; freundlich, wohlgesonnen, respektvoll, vorsichtig. Der Austausch nach der Lesung war offen, persönlich – jemand sagte: „intim“… und ja, das haben wir auch gefühlt: Da entstand plötzlich eine Nähe, etwas „Dichtes“, Verbindendes.

Wir sind froh und dankbar, dass wir diese Veranstaltung zu dieser Zeit an diesem Ort mit diesen Menschen machen konnten- und behalten sie beeindruckt und berührt in Erinnerung.

Unsere Reise beinhaltete jedoch nicht nur die Lesung. Und die ersehnten belgischen Fritten. Und das Wiedersehen mit Freund*innen und der Lieblingskrankenschwester von damals. Und die hart erkämpften Stinkefinger.

Wir kommen mit offenen emotionalen Wunden nach Hause. Mit angetriggerten Erinnerungsfragmenten. Mit vielen unterdrückten Tränen. Mit Schock irgendwo weit innen. Mit Erschöpfung aus hundert Jahren. Mit Wissen zu Orten, die wir noch mal sehen mussten und wollten.

Daraus muss sich in der nächsten Zeit noch etwas zurechtwachsen.

Bis wir wieder irgendwo lesen.

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16 Kommentare zu „Gelesen, gehört, gesehen, gefühlt

  1. wie schön, dass ihr Euch die Zeit und den Raum gebt, wieder zuhause anzukommen, Euch zusammen zu sortieren, innerlich, äußerlich … Wunden zu lecken, nach zu spüren, was geschehen ist. SOOO viel Input in so kurzer Zeit an so einem besonderen Ort.
    Die Schatzkiste – was für eine wundervolle Idee!!!

  2. Es ist wichtig, sich die Zeit zu nehmen, sich erst einmal wieder zu sammeln. Ich war sehr froh, bei der Lesung dabei gewesen zu sein. Das Zusammenrücken, das man spürbar wahrnehmen konnte war unglaublich toll. Ruht euch gut aus. ❤

  3. Wir waren auch dabei und haben es ebenfalls einen unglaublich schönen und wertvollen Raum empfunden den ihr mit eurer Lesung geschaffen habt. Ein irgendwie so vertrautes und ermutigendes miteinander. Wir sind hier noch immer dabei all das dort bei euch wahrgenommene zu verarbeiten und zu sortieren und können gut verstehen dass ihr es nun auch erst ein Mal müsst. Gerade nach so so viel Mut 🌼💚

  4. Hey Ihr,
    Herzlichen Glückwunsch zu der so geglückten Lesung! Die Idee mit der Feedbackbox finden wir so genial. Wir hoffen, ihr könnt den Inhalt dieser Box jetzt nach und nach einsickern lassen, und möge es euch beim Integrieren von allem helfen. Wir wären wahnsinnig gern zu eurer Lesung gekommen, aber Köln ist für uns sehr weit weg, und obendrein auch alte Heimat. Es war dann einfach nicht in unser Leben zu kriegen.

    1. Wir haben uns auch gefreut über unsere Begegnung! Ist schon speziell, wenn man sich dann analog trifft und noch ganz fremd ist, wobei man doch schon viel Privates über die Blogs voneinander gelesen hat, oder?
      Schön, dass Euch die Widmung freut. :-)

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