Reisen und fokussieren

Während wir schon mal einige Dinge zusammensuchen, die wir mitnehmen wollen auf unsere „Lesereise“ nach Köln Anfang September, denke ich: „Wir sind die Einzigen aus unserem familiären Umfeld, die ausgestiegen sind.“ Damit meine ich: Wir sind die Einzigen aus dieser Sippe, die im Erwachsenenalter keine aktive oder passive Täter*innenschaft mehr ausüben. Krass gut und krass Scheiße.

Manchmal möchte ich mich vor die versammelte Mannschaft stellen und brüllen: „Warum?? Warum hat sich kein Schwein von Euch anders entschieden?? Wir haben´s doch auch hingekriegt!“. Ein Brüllen zwischen rasender Wut und tieftrauriger Verzweiflung.

Ich kann mir diverse Gründe vorstellen, warum diese Menschen so leben und handeln, wie sie es tun. Und tatsächlich muss ich dabei Unterschiede machen zwischen den männlichen und den weiblichen Familienmitgliedern. Wir haben mehr aktive männliche und passive weibliche Täter*innen im Gruppenkontext erlebt, als umgekehrt. Warum das so war, hat geschichtliche, kulturelle, politische, gesellschaftliche, psychologische u.a. Hintergründe. Allermeistens haben die gruppenzugehörigen Frauen die Gewalt der Männer gedeckt, verschwiegen, geduldet, ausgehalten, verklärt, unterstützt. Es gab aber auch „weibliche Ausnahmen“ in höheren Positionen in der Gruppenhierarchie und mit ausgeprägten sadistischen, gewaltvollen Charakteren. Grundsätzlich kann ich aber zu jener Gruppierung, der wir in den achtziger, neunziger Jahren ausgesetzt waren, sagen, dass die Anzahl misshandelnder, folternder, vergewaltigender Männer deutlich dominierte.

Heute sind diese Männer alt geworden. Sie haben es sich bequem gemacht in ihrem gut gehüteten, abgesicherten Nest und sehen offenbar keinerlei Veranlassung, Verantwortung für ihr damaliges und heutiges Handeln und Sein zu übernehmen. Niemand von ihnen hat einen Grund, sich einer Strafverfolgung zu stellen.

Und die Frauen? Die Mütter, Tanten, Omas von damals? Warum haben sie bis heute nicht die Entscheidung getroffen, zu gehen? Habe ich Mitgefühl mit diesem personifizierten „Ich kann nicht!“? Ein bisschen. Entschuldige ich es? Nein, mich hat ja auch noch niemand von ihnen darum gebeten.

Die Töchter, Cousinen, Schwestern- jene Generation(en), zu der auch wir gehören und die eben diese Kinder sind, deren Folterdokumentationen zuerst analog verkauft und inzwischen digitalisiert verbreitet werden… Was tun sie heute als Erwachsene? Welche Entscheidungen sind ihnen wichtig geworden? Das, was ich bzgl. unserer Gruppierung weiß, ist ernüchternd.

Das, was ich allerdings im Austausch mit anderen Betroffenen erlebe, macht Hoffnung! Wende ich mich gedanklich vom eigenen Gruppensumpf ab und schaue darauf, wie viele Überlebende sich im Internet und in analogen Selbsthilfegruppen solidarisieren und sichtbar werden, dann erkenne ich: Es gibt so viele Aussteiger*innen, so wie uns! Es sind Frauen und Männer, diverse Geschlechter, jüngere und ältere, aus verschiedenen Generationen- alle sind auf dem Weg raus aus den jeweiligen Täter*innen-Gruppen oder haben es bereits geschafft. Wir sind eben nicht „die Einzigen“!

Es gibt so viele Betroffene, die sich gegen eine Fortsetzung der Gewalt und für ein freies, selbstbestimmtes, liebe-volles Leben einsetzen. Und es gibt Unterstützer*innen, Helfer*innen, Verbündete, Aktivist*innen, Partner*innen, Freund*innen.

Diese (!) „Sippe“ ist es, die unseren Fokus wirklich verdient hat.

Sehen wir uns am 9.September? :-)

5 Kommentare zu „Reisen und fokussieren

  1. Wir haben eben ein Hotel in Köln gebucht.
    Völlig überraschend fand mein Mann die Idee gut.
    Ich hoffe, wir sind gemeinsam Willkommen.
    Muß man sich da irgendwie anmelden? Oder denkt Ihr, dass da so oder so genug Platz ist?
    Wir freuen uns 🙂

    1. Natürlich seid Ihr beide herzlich willkommen! :-)
      Der “Notruf Köln“ veranstaltet ohne Anmeldung, aber Ihr könnt dort ja mal nachfragen bzgl. Reservierung o.a.? Wir kümmern uns nicht um Organisatorisches, deshalb wäre der Notruf halt Ansprechpartner. :-)

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