Wenn die Flucht endet

Wir waren seit mehr als 20 Jahren nicht mehr in dieser Stadt. Auch nicht im weiteren Umkreis. Nicht, weil wir die Gegend nicht mögen würden. Sondern weil wir vor Menschen geflüchtet sind, die in dem Bereich ihren Lebensmittelpunkt hatten und zum Teil noch haben.

Der Abbruch fast aller sozialen Kontakte (auch der guten), der weiteren beruflichen Entwicklung, der speziellen “Heimatlichkeit“ -zugunsten einer Überlebenssicherung in einem anderen Bundesland- war nötig und schmerzhaft.

Wir haben mehr als 20 Jahre keinen Fuß mehr in diese oder benachbarte Städte gesetzt, aus Angst vor Rückschritten, Eingriffen, Kontrollverlusten… “Gemieden wie der Teufel das Weihwasser“- wie passend!

Jetzt haben wir keine Angst mehr. Jetzt können wir wütend darüber sein, dass uns Täter*innen verschiedene “no go – areas“ aufgezwungen haben. Wir sind nicht mehr auf der Flucht. Im Gegenteil: Jetzt kommen wir zurück! Weil wir uns mit uns selbst sicher sind, dass wir uns halten und schützen können. Thank you for 20 Jahre richtig gute Therapiearbeit!

Belgische Fritten mit Sate-Sauce. Die bekommen wir nur dort und die haben wir vermisst. Und ich frage mich, ob es wohl länger als einen halben Tag dauern wird, bis ich wieder in den gewohnten Singsang-Dialekt verfalle.

Das Rheinland. Wir machen kein Geheimnis mehr daraus, dass wir dort geboren, aufgewachsen und gefoltert wurden. Wir benennen auch, dass der Wirkungskreis unserer Täter*innen sich auf das dortige Grenzgebiet bezogen hat. Aber es gehört ihnen nicht!

Der Boden kann nichts für den Krieg, den Menschen auf ihm führen.

Wir fahren natürlich nicht nur wegen der tollen Fritten dort hin.

Wir werden am 9. September in Köln aus unserem Buch lesen und anschließend diskutieren.

Ohne Maske, ohne Versteck, ohne Angst und mit mindestens zwei ausgestreckten Fuck-you-Fingern Richtung Täter*innenkreis.

20 Jahre Flucht sind vorbei.

22 Kommentare zu „Wenn die Flucht endet

  1. Das klingt sehr gut. Flucht beendet. Herzlichen Glückwunsch zu all der Kraft, die es brauchte bis ans Ende der Flucht zu gelangen. Wir freuen uns sehr für Euch. Das habt ihr euch verdient.
    Jetzt lest ihr in Köln und wir sind ausgerechnet dann in Urlaub. Wanderurlaub auf Madeira, lange angespart und herbei gesehnt. Trotzdem jetzt irgendwie schade. Die Fuck-you-Finger hätten wir gerne gesehen.(Ein anderes mal vielleicht.) Alles Liebe.

  2. Glückwunsch, 👍
    Wir würden gerne zur Lesung kommen.
    Wo lest ihr denn und um welche Uhrzeit? Und vor allem: ist der Ort barrierefrei erreichbar?
    Dann würden wir gern mit euch den Stinkefinger hochhalten 🖕

    1. Freut uns, dass Ihr kommen wollt.
      Wir lesen im Foyer des Filmhauses. Schau doch mal auf der Homepage bzgl. Barrierefreiheit, ich weiß es gerade nicht genau.
      Die genaue Uhrzeit (früher Abend) usw. geben wir noch bekannt.
      Wir freuen uns auf viele Stinkefinger!

  3. Wir kommen auch aus genau dieser Ecke. Und wir waren seit 36 Jahren nicht mehr dort. Würde sich vielleicht auch immer noch merkwürdig anfühlen vor allem weil diese Jahre gar nicht wie zu uns gehörig anfühlen. Toll, dass du da jetzt mit einem anderen Gefühl hinfahren kannst!

    1. Kann ich gut verstehen, dass es sich für Euch vielleicht immer noch merkwürdig anfühlen würde. Wie das dann tatsächlich bei uns vor Ort ist oder auch im Nachgang wissen wir natürlich auch nicht. Aber die innere Haltung ist einfach völlig anders jetzt als früher.

  4. Stinkefinger, Laseraugen, breiter Rücken – ich wünsche euch das für die Lesung (falls ihr es überhaupt braucht – vielleicht stellt sich auch die absolute Coolness ein?)
    Haaa es ist gut zu lesen, dass ihr das macht und euch den Raum nehmt 💕

    1. Oh ja, das können wir gut gebrauchen, danke! Absolute Coolness kann ich mir nämlich eher nicht vorstellen.
      Raum nehmen ist schon krass irgendwie, ne?

  5. Hallo, ja, diese Gegend war für uns so lange No-Go, jetzt wohnen unsere Töchter sehr nahe dort und wir überschreiben für uns Altes. Wir wären gerne gekommen am 9. September, aber wir sind in den ersten beiden Septemberwochen im Urlaub. Du schreibst, es wird noch andere Lesungen in NRW geben. Wann und wo? Bzw. wo kann das gelesen werden?

    1. Wie gut, dass das gehen kann mit dem Überschreiben!
      Schade, dass Ihr am 9.9. nicht kommen könnt. Nachfolgetermine in NRW stehen noch nicht fest. Aber in diesem Jahr sicher nicht mehr.
      Einladen kann man uns aber grundsätzlich immer. :-)

      1. Ich möchte das an eine Ergo weitergeben.Hast du einen Link dazu oder einen Flyer?

  6. Danke! Ich geb beides an meine Ergo weiter, die das dann hoffentlich erfolgreich an das lokale Traumanetzwerk weiter gibt.

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