Leid(en) zulassen.

Ein „besonders harter Brocken“ zu sein macht dich nicht zum Superhelden*in.

Ich glaube, der Moment, in dem man das Leid(en) zulässt, statt es verhindern, verstecken oder vermeiden zu wollen, ist bahnbrechend.

Immer wieder höre, lese, erfahre ich den äußeren und inneren Fokus auf „Genesung“ (unterschiedlich definiert): Traumafolgen mögen idealerweise aufgelöst (oder abgemildert) werden, der Mensch möge die erlebte Gewalt als Teil seiner Biographie anerkannt und integriert (verabschiedet?) haben. Überleben, weiterleben, trotzdem und mit allem leben. Hauptsache, es tut nicht mehr (so) weh.

Wir wissen und beschäftigen uns schon seit über 20 Jahren von/mit unserem Vielesein und den zugrundeliegenden Traumata. Was uns immer wieder bei beruflich und privat Unterstützenden / Begleitenden und auch bei uns selbst begegnet (ist), ist die Scheu vor dem Leid. Die Angst vor dem „Unaushaltbaren“ oder vor heftigen Gefühlen.

Manchmal wirkt(e) es so, als würde die Abwesenheit von Schmerz, Trauer, Wut, Rachegelüsten, Entsetzen, Ekel, körperlichen Beschwerden usw. als Zeichen des Fortschritts, einer Heilung oder einer besonderen Stärke angesehen werden.

„Es hat mir damals nichts ausgemacht“ klingt vielleicht typisch dissoziativ und ungesund (denn die Gewalt/der Kontext war doch schlimm!). „Es macht mir heute nichts mehr aus“ soll hingegen quasi ein Schlachtruf der/des konstruktiven, wehrhaften und starken Überlebenden sein?? Daran stimmt etwas nicht ganz!

Damit das Leiden nachlässt, muss es erst mal gespürt werden dürfen und seinen Ausdruck finden. Zurückgehaltenes, unterdrücktes, bekämpftes Leid macht nicht gesünder, sondern schwächt, zermürbt, zerfrisst.

Gewalt trifft und schädigt den Körper und die Psyche. Um sie ggf. jahrelang überleben zu können, dissoziiert der (zum Teil noch sehr junge) Mensch. Je länger, desto automatischer und tiefgreifender. Die Gewalt wird letztlich nicht ausgehalten, sondern vielmehr vom Bewusstsein weg-gehalten. Die Belastungen (zum Beispiel in Form von körperlichem und seelischem Schmerz, Verletzungen, Wunden, Isolation, Hilflosigkeit und Ohnmacht) sind vorhanden, finden aber als bewusst er- und gelebtes Leid keinen Raum. Es geht in erster Linie um „Anpassung an die Umstände“, um Kompensation, Unauffälligkeit.

Erwachsen zu werden in einem gewaltvollen Umfeld bedeutet, an verschiedenen inneren und äußeren Stellen verhärten zu müssen und Schutzschichten zu entwickeln. Die (emotionalen) Wunden werden quasi zugespachtelt, das brüchige Fundament und die „Identitätssäulen“ (notdürftig) fixiert. Irgendwie muss, soll, will und kann der Mensch „halten“.

Jene Orte am/im „Ich“, auf die die Gewalt getroffen ist, bleiben aber auch im Erwachsenenalter noch besonders sensible Bruchstellen. Ich denke nicht, dass es besonders wertschätzend ist, Tapferkeitsorden zu verteilen, wenn sie vorbildlich unsichtbar oder unkompliziert sind.

Ein Trauma hinterlässt Eindrücke, und zwar auf überwältigende und massive Weise. Es ist logisch, dass an dieser Stelle ein Leid ensteht und bleibt (auch wenn man es nicht sieht). Wo soll es denn sonst hin? Und es unlogisch zu glauben, es würde sich über die Jahre von selbst in Luft auflösen („Zeit heilt alle Wunden“). Noch unlogischer ist es, davon auszugehen, dass vielzählige Traumata den Menschen besonders widerstandsfähig werden lassen- nach dem Motto: „Je öfter, desto dissoziativer, desto abgehärteter.“

Am Leben geblieben zu sein ist kein Beweis für lebendig sein!

„Es“ darf weh tun. Es darf sein, dass du dich nicht mehr wieder einkriegst. Du darfst etwas „nicht können“. Du musst nicht mithalten, gleichziehen oder „immer besser werden“. Du darfst untröstlich sein. Dein Körper darf „schwächeln“ und zeigen, wo und wie die Gewalt ihm begegnet ist. Das Leid ist und war real und existent und bedeutsam!

Wenn dich jemand zu beruhigen, zu trösten, zu ermutigen versucht und du merkst, dass es dich nicht berührt, dir nicht hilft, dir unangenehm oder lästig ist, dann darfst du dich abwenden. Du hast das Recht, dich nicht unterstützen zu lassen und nicht die Pflicht, „dankbar für alles zu sein“. Du hast das Recht, deine Meinung und Haltung immer wieder zu verändern, Dich zu verändern.

Die Definition von „Heilung“ oder „Genesung“ gehört allein dir. Was andere Menschen unter einer „Verarbeitung“ verstehen, oder wie für sie eine „Überwindung des Erlebten“ aussieht, ist kein Maßstab, nach dem du dich richten musst.

Das Leben nach langjähriger Gewalt und mit deren Folgen ist nicht einfach in ein „Davor“ und „Danach“ einsortierbar. Ich glaube nicht, dass wir irgendwann „fertig“ sind und ich erlebe unseren Weg nicht als „geradeaus“. Unser Damals und unser Heute begegnen sich in/an Schlenkern, Umwegen, Kreuzungen, Haltepunkten.

Ich erwarte nicht, dass unsere gewaltgeprägten Lebensjahre irgendwann „keine Rolle mehr spielen“. Ich hoffe, wir erhalten uns unsere Berührbarkeit und Verletzlichkeit, unsere Tränen inklusive Rotz, unseren Zorn und unsere ureigene „Hässlichkeit“- denn all das hat gute Gründe, Berechtigung und Geschichte!

Wir haben den Kontakt mit diesen Bruchstellen über viele Jahre wachsen lassen und sie gehören genauso zu uns, wie unser Durchhaltevermögen, unsere Lebensverbundenheit, unser „Ganzgebliebenes“. Ohne die Bereitschaft, Leid wahrzunehmen und es zuzulassen, dass uns immer wieder „das Herz bricht“, wären wir zwar weiterhin am Leben, aber eben nicht lebendig.

30 Kommentare zu „Leid(en) zulassen.

  1. Ihr sprecht uns so aus der Seele!!!!
    Auch, wenn man sich in Zeiten wie diesen gerade Linderung und alles weg wünscht. Wird es doch auch als nicht gesehen gefühlt, wenn geskilled werden soll statt zu zu hören. Zu helfen zu spüren warum wie was….
    Danke für euren Beitrag

  2. Wir haben vor allem den Wunsch, einen Weg aus dem immer wiederkehrenden Schmerz zu finden, einen Umgang mit der Vielstimmigkeit, die uns so oft überrollt – immer noch nach so vielen Jahren

    1. Den Wunsch verstehe ich gut. Hast Du eine Idee, wie sich der Schmerz verändern kann? Oder bleibt der Schmerz, wie er ist, aber Euer Umgang damit ändert sich? Und die Vielstimmigkeit… ja… das ist manchmal „lawinös“, würde ich sagen…

  3. Ja der Umgang müsste sich verändern, ich hab nur noch keine rechte Vorstellung in welcher Form. Zunächst ist es so, dass er durch den Abbau dissoziativer Barrieren überhaupt erstmal spürbar wurde und je mehr die Wahrnehmung füreinander wächst desto mehr Schmerz spüre ich.
    Lawinös, ja das ist ein sehr treffendes Wort.

      1. Verbindung schaffen, die gut tut und ein Gemeinsamkeitsgefühl entstehen lässt. Sich nicht mehr alleine fühlen. Realisieren, was ist, wer man ist, was war. Kontakt zum Leben merken und feststellen, dass man doch nicht tot ist. Endlich wieder „klare Konturen“ an/in sich wahrnehmen. Zum Beispiel ;-)

  4. Wow Paulines was für ein toller Text!
    Sehr berührend, anrührend und spricht so viel an was da ist, Angst macht, verzweifeln läßt.
    Wir wissen, dass ihr damit so Recht habt. Aber was macht ihr gegen die Angst sich in den Wunden, in dem Schmerz, in dem Unaushaltbaren zu verlieren? Kennt ihr die Angst da nicht mehr draus „aufzuwachen“ oder sich zu verlieren und da dann gar nicht mehr raus zu kommen? Wie geht ihr damit um? Mögt ihr sagen wie man das schaffen kann?
    Danke für den Beitrag.
    Liebe Grüße
    Lisa

    1. Die Angst, sich selbst zu verlieren, kennen wir auch. Auch die Angst, in Emotionen zu „ertrinken“, wenn sie erst einmal spürbar geworden sind. Ich glaube, für uns war und ist es hilfreich, verschiedene Umgangsideen zusammenzutragen, wie man welches Gefühl händeln könnte. Was braucht in welcher Form etwas Tröstendes, kann das von außen und von innen kommen, wo sind ruhige Aktivitäten und Rückzug angesagt, wann hilft es, sich (sportlich) zu bewegen, inwiefern kann kreativer Ausdruck nützlich sein, usw. Strategien und Möglichkeiten gegen ein Ohnmachtsempfinden. Wir sind auch starken Emotionen nicht hilflos ausgeliefert! Wir können uns darauf verlassen, dass schon allein körperlich irgendwann ein Stop gesetzt wird, wenn etwas stattfindet, was uns als Körper-Geist-Seele-System überfordert. Vielleicht ist das bei Euch ähnlich?
      Wir nehmen Eure Fragen mal gedanklich mit durch´s Wochenende. Sie sind anregend, daraus mal einen ganzen Beitrag zu machen.
      Liebe Grüße!

      1. Vielen Dank für eure Antwort. Wir denken uns immer was helfen würde und was wir gerne machen könnten/würden aber wenn es so ist haut es uns jedesmal so um, dass wir zu nichts fähig sind. Das macht jedes Mal noch zusätzlich Angst. So einen Stop, wie ihr ihn beschreibt schaffen wir gar nicht. Würdet ihr uns sagen wie ihr das schafft? Wir bekommen den Körper und die Schmerzen nicht beruhigt und von einem Stop sind wir weit weit entfernt. Wie schafft man das?
        Über so einen Artikel würden wir uns sehr freuen. Dieser war auch schon so gut für uns! Nochmals vielen Dank dafür!

      2. Ich glaube, wenn die Angst und die Schmerzen usw. schon ein gewisses Ausmaß überschritten haben, dann KANN so ein bewusstes Stop gar nicht gesetzt werden. Ich denke, das liegt daran, dass in so einem „Umgehauen-Zustand“ ein Teil des Gehirns aktiv ist, der nicht einfach bewusst und durchdacht beruhigt werden kann. Amygdala vs. Hippocampus und so ;-) Wir würden versuchen herauszufinden, ob es Frühwarnzeichen gibt und ob in einem „noch nicht ganz umgehauen, aber nah dran“-Moment ein Stop gesetzt werden kann. Und erst dann, wenn also wieder „Ruhe im Karton“ ist, bzw. wenn es erst gar nicht zu einer Überflutungsreaktion gekommen ist, kann das Gehirn überhaupt erst Neues und Anderes ausprobieren und lernen und verinnerlichen.
        Verständlich, was ich meine?

  5. Was für ein wundervoller Beitrag! Wir sind gerade so tief berührt davon. Ihr sprecht uns damit aus dem Herzen!

    Wäre es für euch in Ordnung, wenn wir ihn rebloggen?

    Vielen Dank für das Teilen dieser Herzensworte! 😊

  6. Boa danke. Der Text passt gerade gut zu meiner Wendung. Danke vor allem für den Absatz: „Es hat mir damals nichts ausgemacht“ klingt vielleicht typisch dissoziativ und ungesund (denn die Gewalt/der Kontext war doch schlimm!). „Es macht mir heute nichts mehr aus“ soll hingegen quasi ein Schlachtruf der/des konstruktiven, wehrhaften und starken Überlebenden sein?? Daran stimmt etwas nicht ganz!

  7. danke mal wieder für eure fähigkeit, zusammenhänge in worte zu fassen.
    wir sind leider auch eher aus der durchhalte-fraktion, und das hat uns auch ziemlich weit gebracht und struktur genug für ausstieg und lebenskonsolidierung gegeben. jetzt ist allerdings seit einiger zeit etwas anderes dran, weil wir uns ausbrennen, wenn wir so weiter machen. und es ist echt erstaunlich, wie unser großartiger „mut“ dahin krümelt, wenn wir uns wirklich unseren gefühlen zuwenden.
    im grunde wissen wir schon, haben wir schon erfahren, was ihr schreibt. aber euer text ist eine sehr gute erinnerung daran. auch, wofür es sich lohnt.

    1. Durchhaltevermögen ist ja grundsätzlich positiv, solange die Grenzen wahrgenommen und berücksichtigt werden. Bis ans Lebensende die Zähne zusammen zu beißen ist jedoch nichts, was wir für sinnvoll und „liebevoll mit sich selbst“ halten. Trotzdem erkennen wir in „Funktionalität“ und „Alltagsbewältigung“ auch viel Stärke. Ihr offenbar auch.
      Es freut mich/uns, dass der Text unterstützend für Euch ist.

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