öffentlich- ja, nein, vielleicht?

Ich habe das Gefühl, es gibt manchmal kein „dazwischen“, wenn man als Mensch mit dissoziativer Identitätsstruktur Öffentlichkeitsarbeit machen will: Entweder man präsentiert sich als total fittes, kontrolliertes, „echt weit gekommenes“ Viele-System (und verschweigt/versteckt dabei die Verletzung, die Not, die Krisenzeiten), oder man wird in der öffentlichen Auseinandersetzung einfach nicht für voll genommen. Die starken Seiten sind herzlich willkommen; allerdings nur bis zu einem gewissen Punkt, denn wenn´s das allgemeine Denk-Maß übersteigt, wird ordentlich am Ast gesägt. Dann muss man uns ganz schnell wieder gewaltvoll vom Sockel runterholen, auf den wir uns selbst überhaupt nicht gestellt haben! „Sei mein Sonnenscheinchen, aber wage dich nicht, mich zu blenden!“ Und was ist mit den Schatten? Ich meine, was ist mit den anderen Seiten? Die, die sich nicht für „die Gesellschaft“ den Arsch aufreißen wollen, nur damit man die „konstruktive Überlebende“-Urkunde bekommt?

Wie soll unsereins im Diskurs oder in der gesellschaftlichen Wahrnehmung denn bitteschön sein? Nicht zu viel „Opfer“ (bloß nicht klagen oder kränkeln!), aber doch noch so sehr, dass man sich als „Außenstehende*r“ prima abgegrenzt, unbeteiligt, überlegen fühlen kann? Und auf jeden Fall so, dass nicht zu viel Bewegung von uns ausgeht, oder was? Aber ganz bestimmt muss man Integrationswillen beweisen, stimmt´s? Ich meine, sowas wie „sich an allgemeine (fremddefinierte) Regeln halten“, „mitarbeiten“, „sich bemühen“, „Genesungswillen zeigen“ und auf jeden Fall „Normalität“ anstreben?

Wenn Menschen wie wir es schon wagen, den Mund irgendwo öffentlich aufzumachen, dann sollten wir nicht zu selbstbewusst, zu fordernd, zu kritisch, zu zweifelnd, zu neu, zu selbstverständlich (!), sondern gefälligst dankbar, demütig, bescheiden und auf keinen Fall kompliziert sein. Ist das nicht ätzend? Ist das nicht furchtbar „unwürdig“?

Wenn´s darum geht, für sich Hilfe zu organisieren, sieht´s übrigens ganz genauso beschissen spaltend aus: Einerseits sind wir zu fit („Du bist doch so eine Schlaue, hast Abi gemacht und so, wieso hängst du denn schon ewig im HartzIV-Bezug?“; „Naja, Ihr macht doch so viel, da kann´s Euch doch nicht so schlecht gehen!“; „Also, Sie sind doch richtig gut drauf, schauen mir so frech in die Augen, da merkt man gar nicht, dass Sie angeblich…“), andererseits zu kaputt („Nee, bei deiner Geschichte…“; „Meint Ihr wirklich, Ihr könnt…“; „Nein, mit sowas arbeite ich therapeutisch nicht, das ist mir zu heftig…“). Irgendwie immer zu viel und zu wenig gleichzeitig. An der einen Stelle müssen wir uns ducken und auf die Tränendrüse drücken, um überhaupt irgendeine Chance auf Unterstützung zu haben, an der anderen Stelle müssen wir uns steinhart machen und jede Belastung an uns abprallen lassen.

Wie viel Gewalt tun wir (und andere öffentlich sprechende Menschen) uns eigentlich an, wenn wir uns dafür einsetzen, die dissoziative Identitätsstörung und die zu Grunde liegende Gewalt ins gesellschaftliche Bewusstsein zu holen? Wenn wir Hilfe einfordern, die uns zusteht? Welchen Preis sind wir zu zahlen bereit, wenn wir informieren, reflektieren, schreiben, diskutieren, Gegenargumentationen analysieren, uns wehren, widersprechen, Vernetzung betreiben, u.a.? Wie viel profitieren andere davon und wie viel wir selbst? Wie viele Lebensminuten, -stunden, -tage, -jahrzehnte und wie viel Energie investieren wir, heilsame (für wen eigentlich?) Veränderungen im Innen und Außen zu erreichen? Und wie oft ertragen wir es, vor die Wand zu laufen, weil manche Veränderungen und Bewegungen (noch) gar nicht erwünscht und geduldet werden (können)?

Wann (endlich) gestatten wir uns, dass es „jetzt aber echt mal reicht“?

Es ist uns ein Anliegen, mit unseren Texten/Worten eine Offenheit anzuregen (in uns selbst und im Gegenüber), zu berühren, einen kleinen Moment starre Denk- und Gefühlsgrenzen zu lockern, ein Mitgehen und vielleicht sogar ein „Miterleben“ zu ermöglichen. Wenn wir uns zeigen, zeigt sich auch das Gegenüber. Das empfinden wir (!) als zutiefst sinnvoll und heilsam, weil da Menschen -wenn auch nur kurz- zueinander finden, die jeweils ganz eigene und zum Teil sehr unterschiedliche (Er-)Lebensrealitäten haben. Das Tolle daran ist: Es passiert!

Das sind unsere Hauptmotivationen, weshalb wir mit unserem Vielesein sichtbar werden und uns im Kleinen engagieren. Das sind die Gründe, weshalb wir uns für Lesungsveranstaltungen entschieden haben, statt für Politik. Die großen Weltveränderungswünsche haben wir an den Nagel gehängt. Wir haben nämlich nicht (mehr) vor, uns in diesem Leben (doch noch) totzukämpfen.

Menschenbegegnungen auf einer Ebene, miteinander „Auftauen“, das Herz der/des anderen vielleicht für eine Sekunde spüren können, zwei (oder mehr) innere Kontinente, die sich treffen; hören/sehen/wahrnehmen, was unsere Worte und Gedanken beim Gegenüber machen und was das mit uns macht- das ist unsere „Klein-Klein“-Öffentlichkeitsarbeit, die zumindest in uns selbst große Kreise zieht.

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43 Kommentare zu „öffentlich- ja, nein, vielleicht?

  1. Wenn ihr oder andere viele über ihren Alltag über ihre Gefühlswelt schreiben öffnen sich für mich als nicht Multi aber Partner einer multiplen neue Welten.
    Seit wir von der multiplität wissen habe ich für mich Gefühls- und Gedankenwelten geöffnet an der Grenzen ich zuvor nicht ansatzweise hätte anreichern können.
    Ich habe Geschichten gehört die mich weinen lassen.
    Ich habe Geschichten gehört die mich lachen lassen.
    Ich bin mir meiner eigenen Geschichte und dem Aufbau meiner eigenen Gedankenwelt auf eine Art bewusst geworden wie es sonst nicht denkbar gewesen wäre. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen das ich ein besserer und bewussterer Mensch wurde.
    Das bedeutet aber nicht das ich keine Schwankungen in meinem Leben habe. In meinen Gefühlen, in meiner Belastbarkeit, in meiner Wahrnehmung und vielen anderen Dingen auch.
    All das findet sich auch bei nicht multiplen nur meist nicht so extrem.
    Der Unterschied ist das multiple extremere Dinge erlebt haben als nicht multiple. Wie könnte man also kein Verständnis zu extremeren Schwankungen haben?
    Ich denke doch nur wenn man seine eigene Welt nicht erweitert hat.
    Wie anfänglich gesagt seit auch ihr ein Teil der zu der Erweiterung meiner Welt beiträgt.
    In diesem Sinne hoffe ich das die die sich den extremen kritisch gegenüber sehen auch eine Möglichkeit finden ihre Welt zu erweitern.
    Habt einen schönen Tag und macht weiter so 😊✌

  2. Wir brechen gesellschaftlich gedeckte Tabus und berühren systemimmanente Machtstrukturen, die, wie wir wissen, aber leider oft abspalten, sehr starke Netzwerke haben. Ja, und dann? Ein Arzt schreibt in einen Kurzbericht als „Diagnose“ Dissoziative Psychose, schönen Dank auch. Wir waren ein kleines Mädchen und hatten überhaupt keine Überlebenschance als die Totalanpassung und kriegen nach so unendlich vielen Jahren immer noch und immer wieder solche brutalen Abwatschungen und der Arsch merkt wahrscheinlich nicht Mal, wen er da vertritt und was er da macht. Unser nicht-dissoziierender Partner sagt dazu: Vergiss es, ärgert euch nicht darüber, macht weiter und vergesst nicht, mit welchen Strukturen ihr zu tun habt, wenn ihr Wahrheiten benennt, aber gebt solchen angepassten Schleimern keine Macht über euch. In diesem Sinne: Never give up!

    1. Liebe Anni, …. diese Diagnose haben wir auch bereits zweimal bekommen. Solche Gutachten habe ich dann nicht in unsere „vorzeigbaren“ Befunde eingeordnet, sondern ignoriert. Vor allem wenn’s von der Uni-Klinik kommt, wo ein anderer Arzt in einem langen Befundbericht DIS bestätigt, tun diese Fehldiagnosen dennoch weh.

      Super Stellungnahme von deinem Partner. ☺️ Never give up. So ist es!
      Liebe Grüße
      „Benita“

  3. Oh, Pauline – wie sehr Du mit diesem Beitrag mein Gefühl von nie richtig sein wiedergibts. So wahr, man ist entweder zuviel oder zuwenig….für Hilfe z.B. (wieso brauchst Du denn Therapie? Du bist doch ne taffe Frau und wenn der Zusammenbruch mal wieder war, dann kann eine Therapie da auch nicht helfen, man ist in diesem Zustand nicht therapierbar….) Ehrlich, ich geb mich nur noch erkennbar, wenn ich „Auserwählte“ treffe, die anderen verstehen sowieso nur Bahnhof.
    Und bei den Lesungen habe ich Glück. Meine Geschichten sind so verschlüsselt (die Puppe in der Puppe – verschiedene Ebenen dahinter, dass die Mehrheit der Zuhörer oder Leser, nur die vordergründigen Aussagen mitbekommen, aber mindestens 2 Drittel werden seelisch angesprochen und merken es gar nicht.) Und die wirklich schweren Brocken-Geschichten vermeide ich auf Lesungen zu präsentieren. Wer einen guten Blick hat und ein bisschen mehr wahrnimmt, spürt es nicht nur, was da noch mitschwingt – sondern kann auch kognitiv in das Dahinter einen Blick werfen. Das reicht mir im Moment – solche Lesungen sind auch so schon Stress – aber ein bisschen feige fühle ich mich doch – weil ich mich nicht oute als eine Viele.

  4. Liebe Pauline-s,
    Ein hervorragender Beitrag. Wir finden uns sehr in deinen Worten wieder. Es ist als hätten wir darüber geschrieben. Danke dafür. Gerne möchten wir diesen Beitrag rebloggen, wenn es für euch passt. Er spricht uns so aus dem Herzen.
    Herzliche Grüße
    „Benita“

  5. Hallo Pauline-s, ich lese: Der Grat nicht „zu… oder zu…“ zu sein, der Grat des „gerade richtig“ fühlt sich zu schmal an, als dass man dort angenehm spazieren könnte. Ich kenne das. Aber wenn ich nun genauer überlege, MIT WEM sich dieser Grat so unerträglich schmal anfühlt, kann ich es doch genau eingrenzen.
    Fühlt es sich für Dich so schmal an, wenn Du mit Deiner Lebenspartnerin zusammen bist?
    … in den Augen von Gleichdiagnostizierten?
    … mit manchen Verwandten? falls Du da noch Kontakte hast…
    … in ganz bestimmten Vereinen oder anderen Hobby-Gruppen?
    … im Helferwesen?
    … beim Einkaufen im Supermarkt oder anderen banalen Alltagsaktivitäten?
    Kannst Du das für Dich eingrenzen? Oder meine Beispiele (gern ergänzt durch eigene) in eine aufsteigende Reihenfolge bringen? … würde mich sehr interessieren…
    Alles Liebe schickt
    s.

    1. Wo wir uns genau richtig fühlen meinst Du? Es sind irgendwie nur Momentaufnahmen für uns. Wir können nicht sagen: Mit dieser Person X fühlen wir uns absolut und immer „richtig“. Weil die Problematik vor allem ja in uns selbst liegt, in dem, dass wir uns selbst nicht als „okay so wie wir (als Viele) sind“ empfinden. Zumindest nicht ständig. Aber es gibt vertraute Menschen und Umgebungen und Tätigkeiten, wo wir entspannter mit uns sind und uns nicht (immer) so furchtbar anstrengen müssen: Zu Hause, mit uns allein, mit der Lebenspartnerin, mit der besten Freundin, während des Kreativseins, während des Singens, in der Natur, im Garten… Zum Teil in der Therapie… Und Du?

      1. „genau richtig“ wäre für mich ein zu hoher Anspruch. Ich bin zufrieden mit „der Grat fühlt sich nicht zu schmal an, als dass ich existieren kann.“ Mit meinem Mann ist das fast immer so – also tatsächlich hängt das bei mir schon stsark an Personen -, da bin ich okay… mit Freunden auch meistens, in der Arbeit sehr oft. In diesen Situationen ist halt sehr viel Alltagsteam, und damit auch selten irgendein Empfinden von viele-sein.
        Allein sein – schwierig. Einerseits habe ich da am wenigsten Druck, andererseits ist hier das viele-Erleben auch sehr viel deutlicher, und das ist nicht wirklcih angenehm… aber ich darf doch so sein, wie ich bin, daher gut eigentlich.
        Ich denke, dass ich in der Therapie am ehesten das Gefühl habe: „ich bin nicht opferstereotyp genug, weil zu wenig Duckmaus“ gleichzeitig aber „ich habe die falschen Probeme, weil zu wenig PTBS Symptomatik und zu viel DIS-Mist“, (wo ich eben noch keine Fachleute getroffen habe, die damit Erfahrung haben, abgesehen von meiner Fachärztin, die ich aber nur alle paar Monate mal sehe). Ja, ich denke, da fühle ich mich am verkehrtesten… ach weil KR mich oft mit Borderline vergleicht (so als ihr bekannter Bezugspunkt bei strukturellen Störungen) und ich dann immer wieder das Gefühl habe, cih sollte mehr borderlinig sein, gleichzeitig darf ich das aber natürlich nicht, weil dann hab hätte ich ja mehr Probleme.
        Versteht man das irgendwie? was ich da so wirr schreibe?? lg s

  6. Oh wie ich das hasse. Dieser Zwang das „perfekte“ Opfer zu geben um der Sanktion nicht mehr ernst genommen werden zu entgehen. Wie schafft ihr es damit umzugehen? Ohne das die Gefühle irgendwann überkochen?

    1. Wir erlauben uns Prioritäten. Schauen genau, wo sich welcher Kampf lohnt. Lassen da los, wo wir etwas als aussichtlos empfinden, obwohl wir im Recht sind (z.B. OEG-Verfahren). Gucken, wo sich was offen ansprechen lässt und wo wir davon profitieren und nicht zu viele Federn lassen. Die Wut über Ungerechtigkeiten und Vorurteile und Diskriminierungen bringen wir zum Teil nach außen und sprechen das in einem passenden Kontext an, vor allem verarbeiten wir sie aber mit uns allein. Zum Beispiel beim Gemüsebeet-Beackern. :-)

  7. Wie sehr kenne ich dieses Problem! Und wie oft war ich schon drauf und dran die Öffentlichkeitsarbeit ganz aufzugeben. Nicht umsonst wurde Der Bunte Ring von einer Organisation mit 8 Mitarbeitern wieder zu einer privaten Webseite. Einzig und allein die ‚Hilferufe‘ der Betroffenen, die noch auf der Suche sind, sind der Grund, warum Der Bunte Ring als private Informations-Webseite weiter besteht. Es gab so viel positives Feedback von den Mit-Betroffenen, Kliniken, Fachleuten, Studenten und auch einigen Angehörigen. Und ja, es gab massive Anfeindungen – wie ihr es beschreibt ein „vor die Wand laufen“.

    Und irgendwann musste ich hier eine klare Abgrenzung ziehen zwischen Arbeit mit dem Gesundheitssystem, Vorträgen und TV-Berichten & Interviews. Leider.

    Doch an einer bestimmten Stelle ist der Selbstschutz und die Achtsamkeit auf das eigene System wichtiger als die große Arbeit in der vorderen Reihe.

    1. Ja, da gebe ich Dir absolut Recht: Selbstschutz geht vor! Und es ist gut, wenn Du entscheiden konntest, was nicht mehr geht- und was aber doch noch möglich ist!

  8. Wir haben ein bisschen auf der Formulierung „sich nicht (doch noch) totkämpfen“ zu kauen.

    Weil: Wir merken an uns, dass viele (öffentlich wahrnehmbare) Dinge erst gehen, seit es uns besser geht und wir eben nicht mehr ständig das Gefühl haben, bei allem ginge es immer um Leben und Tod.

    Wir denken, dass jede Form der Öffentlichkeit für eine bestimmte Öffentlichkeit gemacht werden muss. Und, dass man sich das mehr oder weniger aussuchen kann. Ihr macht Lesungen, wir machen das Podcast, viele bloggen, manche machen Gespräche mit den Menschen, die ihnen ganz nah stehen. Irgendwie sind wir in den letzten Jahren darüber weggekommen zu glauben, dass es so etwas wie Ansprüche an Überlebende gibt, wie ihr sie hier skizziert.
    Wir merken, dass es Vermeidungsstrategien gibt, rape culture, victim blaming … der ganze Gewaltblumenstrauß, der zu Ablehnung und Vertuschung führt – aber 0 etwas persönliches mit den Betroffenen zu tun hat.

    Wir merken, dass das wichtig für uns geworden ist in den letzten Jahren. Glaubwürdigkeit ist nicht wichtig. Vorzeigbarkeit ist nicht wichtig.
    Recht haben ist nicht wichtig.
    Authentisch sein ist wichtig. Weiterentwicklung ist wichtig.
    Reflektion ist wichtig.
    Das sind ganz zarte Dinge. Vielleicht noch zu zart für „die große Öffentlichkeit“, aber doch groß genug für die Öffentlichkeit, die sich anhört, was man zu sagen hat.

    Viele Grüße!

    1. Habe ich Euch richtig verstanden?: Die Vermeidungsstrategien bzw. der „Gewaltblumenstrauß“ hat für Euch nichts persönliches mit den Betroffenen zu tun, es sind auch keine Ansprüche, wie wir sie beschrieben haben- sondern? Wenn es nichts Persönliches ist, was ist es dann für Euch?
      Wir stimmen Euch total zu: Bestimmte Öffentlichkeit für eine bestimmte Öffentlichkeit- das hat sehr verschiedene Gesichter! Und wir erleben diese „zarten Dinge“ auch und wertschätzen sie sehr.

      1. Ja hast du. Wir sehen es als gewaltvolle Abwehr- und Vermeidungsstrategie.
        Hinz da steht und als Lügner bezeichnet wird oder Kunz ist doch schnurzegal – hauptsache man muss nicht anerkennen, dass es Gewaltform XY gibt; etwas ändern oder – allerschlimmstes! sich ändern, reflektieren, sich selbst als Person anerkennen, die etwas damit zu tun hat im weitesten Sinne.

      2. Das ist eine hilfreiche, distanzierte Sichtweise, die uns darin bestärkt, bei uns selbst zu bleiben und nicht zu sehr in Wut zu geraten, wenn uns solche Abwehrmechanismen begegnen. Nach dem Motto: „Es geht hier gar nicht um uns, sondern um unser Gegenüber.“

      3. Ja, das es geht nicht um mich, sondern um das Gegenüber ist schwierig anzunehmen und ich fürchte, dass sich das jene, die es nicht anerkennen auch so sehen. So ist dann mit einer ablehnenden Öffentlichkeit zu keinem Konsens zu kommen. Das dann nicht persönlich zu nehmen ist die Aufgabe. …. Und dennoch diese Mechanismen beschreiben und aufzeigen, denke ich. Wenn genug Kraft da ist dafür.
        …. Danke für diesen hilfreichen Dialog.
        Alles Liebe
        „Benita“

  9. Dieses Empfinden kommt mir recht bekannt vor.

    Allerdings…………es ist ein Empfinden, was ich heute so in dieser Weise nicht mehr habe.
    Sicherlich gibt es Tage, da bin ich gefrustet und denke sowas wie „ich muss das hier auch alles nicht tun“. Tage an denen ich es „leid“ bin, meine Zeit mit Betroffenen zu verbringen, die mich beschimpfen und demütigen, nur weil ich ihnen nicht noch Honig um den Mund schmiere, wenn sie vollkommen überzeugt sind, dass alle anderen die Schuld an ihrem Leid zu tragen haben.
    Es gibt diese Tage, da frage ich mich, warum ich mir das alles antue.
    Und dann schaue ich auf die Betroffenen, die dankbar meine Worte aufsaugen. Die die sich hoffnungsvoll daran klammern was ich zu sagen habe. Denen meine Worte ein ums andere Mal durch Krisen helfen. Und ich sehe die wenigen, denen es gelingt wirklich innere Heilungsarbeit zuzulassen.

    Ganz anders allerdings erging es mir, als ich noch ausschließlich als Bloggerin schrieb. Als ich für Täter erreichbar war und mich immer wieder Nachrichten erreichten, die mich gezielt triggern sollten.
    Damals habe ich alles sehr persönlich genommen, als gäbe es gar keinen Selbstschutz in mir, keine unsichtbare Schutzhülle zwischen mir und der Welt. Ich war das Bäumchen im Wind, was gar zu schnell drohte umzukippen. Und nach außen trat ich auf wie ein robuster Baum. Es war die starke Fassade, hinter der ich meine Verletzlichkeit zu verstecken suchte, so wie ich es als Kind gelernt habe.

    Mit den Jahren an intensiver Heilungsarbeit bin ich gewachsen.
    Ich bin nicht mehr dieses Bäumchen. Wenn es mir schlecht geht, dann kann ich dazu stehen und wenn ich stark wirke, dann bin ich es auch.
    Ich begreife, dass Betroffene, die sich an mir „abarbeiten“ wollen nicht diejenigen sind, denen ich bereit bin Energie und Zeit zu widmen. Da gibt andere Menschen, die weniger selbst betroffen sind und das dann besser hinbekommen.

    Weißt du Pauline, ich habe mit der Zeit den Eindruck gewonnen, dass es für alles die passenden Abschnitte im Leben gibt. Zeiten wo es passend ist, sich auf eigene Heilungsarbeit zu konzentrieren und Zeiten wo es dran ist, sich „öffentlich“ zu zeigen.
    Die Schwierigkeit liegt darin, selbst zu erspüren, wann genau was wirklich passt. Gelingt mir das, habe ich auch nicht mehr das Gefühl, zu kämpfen oder mich verbiegen zu müssen.

    Ich schicke dir liebe Grüße.

    1. Hallo, danke für Deine Rückmeldung. Arbeitest Du direkt mit anderen Betroffenen oder inwiefern hast Du da Kontakte, in denen Du unterstützt?
      Ich glaube auch, dass es zu verschiedenen Zeiten verschiedene Prioritäten geben kann und darf- und manchmal kann auch Vieles parallel geschehen. Unsere innere „Heilungsarbeit“ findet ja permanent statt, manchmal ist mehr Raum dazwischen, um mehr oder weniger anstrengende Dinge zu tun. In jedem Fall wollen wir authentisch sein- auch und gerade, wenn wir etwas öffentlich tun/sagen.
      Ebenfalls liebe Grüße!

      1. Ich habe eine Gruppe für Betroffene von frühkindlicher, komplexer Traumstisierung aufgebaut und bin dort verantwortlicher Admin. Es wenden sich häufig Betroffene hilfesuchend privat an mich und soweit es mir möglich ist, bin ich dann auch da und helfe so wie kann.
        Die Gruppe ist im Unterschied zu den meisten Gruppen zum Thema Trauma schon sehr speziell und ohne Frage auch nicht für jeden passend. Zumal ich dort (wenn auch ungewollt) eine recht starke Präsenz habe.

      2. Der Zeit- und Energieaufwand mag viel sein, aber er lohnt sich für jeden der davon profitiert. Jeder einzelne Mensch, der eine Krise übersteht, weil er sich traut, mich dann anzuschreiben oder in der Gruppe einen Hilferuf zu senden, war den Aufwand wert.

  10. … Ich hätte da noch ein Gutachten im Angebot, das zum lachen oder doch eher zum weinen ist:‘ DIS ja, PTBS als Grundlage dafür kann nicht bestätigt werden, da nicht ausreichend Symptome‘
    Streng dich an, versuch zurecht zu kommen, das anzuwenden was du schon lernen konntest, und du bekommst dann so ein Gutachten.
    Wenns nicht so dämlich wär, würd ich echt verzweifeln.

    Ich sage mir inzwischen, ich setzte mich da ein, wo es meine Kräfte zulassen, und ich der Meinung bin, es könnte etwas bringen, aber inzwischen gucke ich immer erst, ob mein Leben das grad her gibt, wie hier schon andere schrieben: Selbstfürsorge.
    Dennoch: ich finde, ihr macht tolle Arbeit, könnt toll schreiben, lasst euch nicht entmutigen.
    Liebe Grüße

    1. Ich frage mich bzgl. des Gutachtens, welche Ursache denn für die DIS statt zugrundeliegender Traumatisierungen gegeben sein soll? Gibt es Menschen mit DIS ohne begleitende PTBS? Gut, wenn man zwischendurch lachen kann, auch wenn´s grundsätzlich zum Heulen ist.
      Danke für Deine bestärkenden, freundlichen Worte! Ebenfalls liebe Grüße!

    2. Ich habe kürzlich in einem Fachbuch gelesen, dass DIS eine PTBS ausschließt. Ich meine es war im „Werde, wer du wirklich bist“ von Alison Miller.
      Also davon ausgegangen wäre es sogar so, dass grundsätzlich keine PTBS vorhanden sein kann, wenn eine dissoziative Identitätsstruktur als Überlebensmuster entwickelt wurde.

      So gesehen klingt die Aussage im Gutachten sinnig.

      1. Das ist ja interessant. Weißt Du, wieso das ausgeschlossen wird? Warum kann eine posttraumatische Belastungsstörung nicht neben einer DIS existieren?

      2. Ich müsste nochmal nachschauen, ob ich die Textstelle finde. Von meinem Verständnis und dem was in meinem Kopf hängengeblieben ist, meine ich, dass die Überlebenstrategie der Dissoziation eine voll ausgeprägte Posttraumatische Belastungsstörung ausschließt, weil genau die bei Dissoziation von Persönlichkeitsanteilen nicht mehr nötig ist.
        Ich würde meinen, dass im Zweifel wohl einzelne Anteile Symptome von PTBS oder auch Persönlichkeitsstörungen zeigen können, aber der Mensch als Ganzes hätte dann dennoch keine vollausgeprägte Störung im Sinne einer PTBS, Borderline etc.

        Aber ich lese da gerne nochmal nach und lasse es euch gegebenenfalls wissen.

      3. Habe die Textstelle sogar direkt gefunden. Alison Miller schreibt dort: „Dissoziative Aufspaltung ist ein Abwehrmechanismus und ein Schutz gegen die Entwicklung einer PTBS, bei der Flashbacks und Albträume, Körpererinnerungen und überwältigende Gefühlszustände ein Leben unerträglich machen können.“ Zu finden ist das im „Werde, wer du wirklich bist“ auf Seite 8.

      4. Danke fürs Raussuchen! Ich verstehe aber in dem Zusammenhang dann nicht, wie genau jene Symptome, die doch auch Menschen mit DIS erleben, zugeordnet werden, wenn nicht zu einer Störung „post trauma“? Naja, da müsste ich Frau Miller dann am besten mal direkt fragen ;-)

      5. Ich denke, die Symptome mögen in dem wie sie sich zeigen gleich erscheinen, aber real betrachtet betreffen sie eben nur bestimmte Persönlichkeitsanteile, während andere gleichzeitig im Alltag funktionieren können, als gäbe es keine Flashbacks.
        Vor allem solange es kein Co-Bewusstsein gibt.
        Jemand ohne DIS ist da was die Symptomatik einer PTBS angeht nicht fähig trotz Flashback nach außen adäquat zu handeln.

        Ist btw auch das, was ich so all die Jahre erlebt habe. Heftigste Flashbacks und dennoch merkt im außen keiner was. Einer von uns erstarrt und ist unfähig sich zu bewegen, ein anderer bringt uns dennoch nach Hause als würde nichts sein.
        Wirklich anders wurde das erst, seit wir mehr im Mix vorne sind. Wobei wir aber eben inzwischen auch deutlich stabiler sind und uns auch besser selbst stabilisieren können.

      6. @rainbowlight – das finde ich äußerst interessant und ich vermute auch, dass die Abwehrmechanismen einer DIS völlig andere „Gehirnwege gehen“, die PTBS Symtome nicht mehr nötig machen, höchstens wenn ein späteres Schocktrauma (wie Unfall oder so) dazukommt, und das ist dann nach kurzer Zeit vielleicht auflösbar – aber die DIS bleibt, weil es ein jahrelang eingeübter Weg der Abwehr ist – sozusagen konditioniert. Danke!
        Das ist aber teuer dieses Buch – ne das ist nicht drin in meinem Budget.

      7. @melinasschreibfamilieblog – bei jemandem mit DIS würde auch ein späteres Schocktrauma auf Grundlage von DIS gespeichert. Zumindest wenn der Beginn der Traumatisierung im frühkindlichen Alter lag. Denn dann hat sich das Gehirn entsprechend entwickelt und wird auch später auf ein Schocktrauma genauso reagieren wie auf jedes andere Trauma. Selbst jede Ähnlichkeit zum erlebten Trauma wird dann in dissoziierender Weise vom Gehirn behandelt. Spricht das Ereignis wird in einzelnen Fetzen abgespeichert.

        Ja, das Buch ist sehr teuer und ich persönlich habe damit auch eher keine guten Erfahrungen gemacht. Hat uns sehr heftig getriggert.

  11. Nur für die Richtigkeit ;-)
    In diesem/meinem Gutachten ist Traumata schon als Grundlage für DIS benannt, aber (der Gutachter meint) wir haben nicht ausreichend Symptome um von einer PTBS zu sprechen, er geht davon aus, wir haben die Traumata so weg gesteckt, bzw hätte sich die PTBS inzwischen gelegt/verwachsen.

    Mir fällt dazu echt nix mehr ein…

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