ritueller Missbrauch und Skeptiker

Ich habe diesen kleinen, aussagekräftigen Vortrag zum Thema „satanisch-ritueller Missbrauch als Verschwörungstheorie“ auf Youtube gesehen. Es sprachen auf der „Skepkon“ 2018 (Konferenz für Wissenschaft und kritisches Denken, veranstaltet von der „Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften e.V.“) unter anderem die Kriminalpsychologin Lydia Benecke, ein polizeilicher Ermittler und ein sich selbst so bezeichnender Satanist (den ich so nichtssagend fand, dass ich nicht näher auf ihn eingehen werde).

Informiert wurde ich über diesen Vortrag von anderen Menschen mit DIS, einer Traumatherapeutin und einem themenbezogenen Emailverteiler. Immer mit dem sinngemäßen Hinweis: „Da wird unsereins aber mal wieder ordentlich an den Karren gepinkelt.“ Um es vorwegzuschicken: Ja, das stimmt.

Trotzdem bin ich in zwei Punkten froh, dieses Video gesehen zu haben:

1.) Der polizeiliche Ermittler berichtet von einem Fall, in dem sich die Hinweise zur rituellen Gewalt als „falsch“ herausgestellt haben sollen. Die (angeblich) betroffene Frau habe selbst keine (gerichtsverwertbaren, klaren) Aussagen machen können, wohingegen die behandelnde Psychotherapeutin sehr aktiv und möglicherweise suggestiv Einfluss genommen habe. Angaben zu Orten und Zeitpunkten des Täterkontaktes erwiesen sich nach einer Observierung als unstimmig. Der Polizist spricht weiter nicht nur negierend über diesen Einzelfall, sondern zeigt diese Haltung generell zum Themenkomplex „rituelle Gewalt“: „Gibt´s nicht; im Verborgenen kann das gar nicht funktionieren, hört auf damit (v.a. an Therapeuten_innen gerichtet), diesen Bullshit, der da so allgemein verbreitet wird, mit zu unterstützen!“ Gerätst Du als Überlebende_r bei Anzeigenerstattung an so einen Ermittler, kannst Du einpacken. Soviel ist klar.

Gehen wir jetzt aber einfach mal davon aus, dass sich der Fall, über den der Herr Polizist erzählt, tatsächlich so ereignet hat, wie er es wiedergibt- denn das halte ich nicht mal für so unwahrscheinlich! Dann bin ich froh, dass er thematisiert wird- nur nicht mit diesem herablassenden, sich lustig machenden Unterton. Ich habe in einem anderen Beitrag bereits geschrieben: Eine dissoziative Identitätsstörung kann (wie jede andere „Krankheit“ auch) fehldiagnostiziert sein. Sie kann bewusst und unbewusst simuliert werden und dies kann von (distanzlosen, fachlich unprofessionellen) Psychotherapeuten_innen auch verstärkt werden.

Keine bequeme Wahrheit, aber eben auch möglich.

In so einer Klienten_innen-Therapeuten_innen-Beziehung kann eine sehr ungute Opfer-Retter_in-Dynamik enstehen und man sollte den „Versorgungs- und Aufmerksamkeitsnutzen“ darin nicht unterschätzen. So kann es eben auch passieren, dass solche Dramatiken der Polizei begegnen- und was sich daraufhin für ein Bild entwickelt, berichtet der Kriminalkommissar ziemlich eindrücklich. Es tut weh, das so zu hören, aber ich finde es auch wichtig.

Der besagte Fall kann sich aber auch aus einem anderen Grund so dargestellt haben: Die behandelnde Psychotherapeutin hat sich zu früh oder aus wildem Aktionismus heraus an die Polizei gewandt. Hat eine Klientin während einer laufenden Therapie immer wieder Täterkontakte, wird immer wieder neu traumatisiert, kann sich irgendwann der Punkt „Es muss jetzt sofort aufhören!“ bei der Behandlerin (!) einstellen. Zeigt die Betroffene selbst wenig bis keine Eigeninitiative, gerät der Entwicklungsprozess dauerhaft ins Stocken, ertönt immer wieder der (verbale oder nonverbale) „Rette-mich-Schrei“- dann kann das Hinzuziehen der Polizei sich wie die beste (letzte) Lösung anfühlen. Meine Meinung dazu: Man tut Überlebenden damit keinen Gefallen, sofern sie nicht in der Lage sind, aussagekräftige, eventuell gerichtsverwertbare Angaben zu machen. Und erst Recht hilft man ihnen damit nicht weiter, wenn nicht alle Innenpersonen an einem Strang ziehen (wollen). Im Gegenteil: Schlimmstenfalls entsteht ein unglaubwürdiges, nicht ernst zu nehmendes Bild über die/den Überlebende_n- und den/die Therapeuten_in (UND DIS + rituelle Gewalt allgemein!) bei den Strafverfolgungsbehörden. Und letztlich reiben sich einfach nur die Täter_innen zufrieden die Hände.

Ich hoffe, dass jene (Trauma-)Therapeuten_innen, die dieses Video sehen, bzw. die Erzählungen des Polizisten hören, sich in Folge dessen daran erinnern, wie wichtig es ist, korrekt zu arbeiten und genau zu reflektieren: In der Diagnostik, der (angemessen distanzierten) Aufarbeitung mit den Klienten_innen und der eventuellen Begleitung im „Ausstieg“ aus organisierten Kreisen. Es gibt so viele Fallstricke! Und die Überlebenden sind schließlich die Leidtragenden! Und das ist noch weitaus schlimmer als ein möglicherweise angeknackstes Ego einer öffentlich niedergemachten Psychotherapeutin.

2.) Lydia Benecke, die bühnenfitte Gothicqueen unter den Kriminalpsychologen, bemängelt im Video, dass sich in (kleineren) Traumatherapeutenkreisen alle nur gegenseitig zitieren und wissenschaftliche Belege fehlen. Sie hat Recht, nur nicht mit der negativen Bewertung! Manche Fachleute beziehen sich immer wieder aufeinander- wieso sollten sie das auch nicht machen, wenn die Inhalte der jeweiligen Aussagen doch stimmig und wertvoll sind?! Lydias vermutliche Kumpels der „False Memory-Bewegung“ werden doch nichts anderes tun: Sich innerhalb ihres eigenen (selbst als korrekt empfundenen) Dunstkreises Kontextes bewegen. Unprofessionalität unterstellt sie ihnen deswegen hingegen nicht, wohl aber den (Trauma-)Therapeuten_innen. Nun ja.

Wissenschaftliche Ergebnisse, polizeiliche Erkenntnisse, Fakten, Fakten, Fakten- ja, die könnten wir alle in der Tat wirklich brauchen, um die Existenz der rituellen Gewalt hieb- und stichfest zu belegen. Jedes gescheiterte Strafverfahren scheint ein Argument dagegen zu sein, jeder öffentlich diskutierte Widerspruch, jedes „Nix Genaues weiß man nicht…“. Als Kriminalpsychologin sitzt (steht, tanzt, headbangt) Frau Benecke doch in einer guten Position, um genau diese Aufklärungsarbeit weiter vorantreiben zu können und sich der Untersuchung vermeintlicher (eventuell simulierender) und realer Betroffener zu widmen. Oder möglicherweise emotional überreagierende Psychotherapeuten_innen, die Klienten mit DIS und ritueller Gewalterfahrung magisch anzuziehen scheinen, zu beraten. Stattdessen hat sie sich allerdings für die Therapie der Straftäter entschieden. Auch ein Statement.

Ich würde mir wünschen, dass dieses Video in Überlebenden- und Helfer_innenkreisen nicht nur einen empörten Schulterschluss auslöst (im Widerstand gegen False-Memory-Aktivisten und Co), sondern auch einen ehrlichen, offenen Blick in den Spiegel.

Wo geben wir solchen Vorträgen Futter?

Wie kann gute, wissenschaftlich fundierte und differenzierte Medienberichterstattung zum Thema „DIS“ und „rituelle (organisierte) Gewalt“ aussehen?

Woher nehmen wir unsere Wahrheiten? Und wie bringen wir sie nach außen?

Wie weit reicht unser Horizont?

 

 

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25 Kommentare zu „ritueller Missbrauch und Skeptiker

  1. Ich habe das Video auch gesehen und schon zuvor die endlose Diskussion beim Deutschlandfunk mit steigendem Blutdruck gelesen. Ich bin da sehr gespalten. Weil Frau Benecke sicher in Teilen Recht hat, genau der Aspekte wegen, die du auch aufgreifst. Allerdings finde ich das ganze zu pauschal und zu wenig differenziert. Es wird so vehement die Existenz ritueller Gewalt geleugnet, dass der Eindruck entsteht, auch DIS Erkrankungen wären komplett nur suggeriert oder vorgetäuscht.
    Ich habe schon häufiger Vorträge von ihr besucht (die durchaus gut und interessant waren zum Thema BDSM und Psychopathen) und immer ist auch diese DIS-Betroffene anwesend und sehr aktiv in der Publikumsdiskussion. Allerdings wurde sie (für mein Empfinden) von Frau Benecke dann immer sehr gönnerhaft und von oben herab einbezogen, so das für mich der Eindruck entstand, dass sie diese DIS- Betroffene instrumentalisiert.
    Aus irgendeinem Grund hat Frau Benecke von Anfang an ein sehr zwiespältiges Gefühl bei mir hinterlassen und ob ich den schon gebuchten Vortrag tatsächlich noch besuchen werde, lass ich mir noch offen. Aktuell bringt mich nur der Name schon auf die Palme. Zumal bei den Diskussionen auch sehr stark das Gefühl von Machtlosigkeit entsteht. Sie diskutiert und rationalisiert alles nieder und das nehme ich, so wie sie es macht, tatsächlich als „täterähnlich“ wahr. Und kann die auftauchenden Vorwürfe, sie sei Teil einer solchen Gruppierung schon auch nachvollziehen.
    Zumindest war ihre Berufswahl mit Tätern und nicht Opfern zu arbeiten definitiv richtig! Denn von Opfern hält sie mal gar nichts…

    1. welche DIS-Betroffene meinst Du denn? Jene, über die der Polizist berichtet? Oder jemand anderes? Wo tauchen denn die Vorwürfe auf, L.B. sei Teil einer Gruppierung? Mich nerven solche Spekulationen total (obwohl natürlich etwas Wahres dran sein kann): Ich glaube, dass solche Spekulationen dazu beitragen, das Bild der Verschwörungstheorie zu verhärten: „Sobald man was Kritisches, Skeptisches sagt, wird man in die Täterecke gepackt.“ Ich denke, man kann der Seite der Skeptiker nur stabil begegnen, indem man so sachlich und neutral wie es irgendwie möglich ist argumentiert, nachfragt, etc. Und ich würde Frau B. in diesem Zusammenhang einfach gerne fragen, woher sie ihre Erkenntnisse ganz konkret nimmt und ob sie wissenschaftlich korrekt gearbeitet hat. Was für mich bedeutet: Alle Möglichkeiten auszuleuchten und nicht nur Beweise/Belege für die eigene Vorannahme zu suchen.

      1. Nein. Es ist nicht die, von der im Video die Rede ist. Eine andere, die aber auch recht präsent ist, seit vielen Jahren eine Homepage betreibt und vermutlich den meisten darüber bekannt ist.
        Voraus ging eine Facebook Diskussion auf der Seite vom Deutschlandfunk, da dort das Thema aufgegriffen wurde. Dort war Frau Benecke sehr aktiv und das endete mit dem Vorwurf.
        Leider hatte ich bei dieser Diskussion nicht den Eindruck das mit sachlichen Argumenten etwas zu erreichen wäre. Wobei ich aber vermute das es Frau Benecke überwiegend darum geht die Verbindung mit satanischen Sekten als Verschwörungstheorie darzustellen und nicht allgemein darum das es nicht tatsächlich „kleinere“ Gruppierungen gibt, die im Bereich Kinderfolter Geld verdienen und dann unter anderem auch Rituale einsetzt um Opfer zu verwirren oder ähnliches.
        Das ist der Punkt, wo ich finde sie sollte stärker differenzieren, dann würde sicherlich die Gegenseite (auf Facebook auch viele Therapeuten und Unterstützer von Opfern) nicht so heftig reagieren.
        Die Art und Weise regt mich einfach auf.🙄

      2. Die DIS-Betroffene, die mir in der Diskussion beim DLF auffiel, und die beständig Lydia Benecke zur Seite stand, betreibt diese Seite: http://www.blumenwiesen.org/. Sie sagte in der Diskussion, dass sie ihre DIS inzwischen überwunden habe. Was die Ursache ihrer überwundenen DIS ist, sagte sie nicht. Sie leugnet die Existenz von ritueller Gewalt. Dafür kam sie sogar auf die Facebook-Seite von ifgbsg.org, um die Botschaft dort zu verkünden.

      3. Ich habe bisher nur auf dem Blog der gwup gelesen und kommentiert, da taucht die Person auch auf. Über ihre Geschichte und Motivation ist mir nichts bekannt und ich mag darüber auch nicht spekulieren.

      4. Spekulationen führen sicher nicht weiter, da stimme ich zu. Die Haltung, die sie in öffentlichen Diskussionen vertritt, bekannt zu machen und im Bewusstsein zu haben, halte ich allerdings für wichtig.

  2. Liebe Pauline_s,
    genau der diesem Vortrag vorangehende Shitstorm gegen den Deutschlandfunk wegen seines Beitrags über rituelle Gewalt war es, der mich auf euren Blog trieb, um zu eurer Meinung zu „False Memory“ nachzulesen. Und da entdeckte ich, dass ihr wieder aktiv bloggt, was mich wirklich freut.
    Umso mehr auch über eure sehr durchdachte, besonnene Haltung in diesem Fall – Hut ab davor. Ich finde es ziemlich schwierig, da einen kühlen Kopf zu bewahren, was allerdings vor allem den Shitstorm gegen den DLF auf Facebook betrifft. Denn den Vortrag habe ich noch nicht gesehen, daher meine Frage: verleugnen sie da pauschal, dass es rituelle Gewalt gibt? Faktisch war es nämlich letzteres, was Lydia Benecke bei besagtem Shitstorm mit einer Vehemenz tat, die schon weit über professionelle, wissenschaftliche Überzeugung hinaus ging. Auch vor Beleidigungen scheute sie nicht zurück. Das gibt zu denken, was für Motive hinter dieser Vehemenz und dem organisierten Versuch, den DLF einzuschüchtern, stecken. Was auch immer es ist, die Zielrichtung und Wirkung ist klar täterfreundlich.
    Die KommentatorInnen versuchten ihre Kritik am DLF und seinem Beitrag in Skeptizismus zu verpacken (und wahlweise Verteidigung von Satanismus), dabei ist, wie ihr auch schreibt, der Schluß von einem Fall auf die Gesamtheit des Phänomens das Gegenteil von skeptisch oder wissenschaftlich. Sie stellen es aber so dar.

    1. Ja, es ist nicht so leicht, besonnen zu bleiben. Aber ich finde es unheimlich wichtig. Ich höre in dem Vortrag auf jeden Fall die Verleugnung satanischer ritueller Gewalt, sowohl durch den Polizisten, als auch durch L.B.

  3. Hallo zusammen! 😊

    Ich wurde darauf aufmerksam gemacht, dass nicht allein über Lydia Benecke, sondern explizit auch über mich geschrieben wird. Daher möchte ich mich gerne zu einzelnen Punkten selbst äußern und auf sie eingehen.

    Es stimmt zumindest, dass ich in Köln zu Vorträgen von Lydia Benecke gehe. Bei dem Sadistenvortrag, bei dem es um die Unterscheidbarkeit gefährlicher und ungefährlicher Sadisten anhand wissenschaftlicher Kriterien ging, war ich tatsächlich. Das war im April vor drei Jahren. Lydia und ich haben uns bei dieser Gelegenheit kennengelernt, sie kannte meine Seite. Bei der Diskussion war ich wirklich aktiv beteiligt, das kann ich soweit bestätigen.

    Ich möchte hier ein paar Dinge klar sagen. Zumindest bin ich mehr als Betroffene einer Dissoziativen Identitätsstörung zu sein. Für mich zutreffend hatte ich in Diskussionen geschrieben, dass diese Diagnose auf mich so nicht mehr auf die Weise zutrifft wie vor Jahren. Es hat Gründe, warum ich es so formuliere und nicht anders. Immerhin lesen das auch mein Freund , zumindest auf Facebook einer meiner Brüder, Freunde und andere mir wichtige Menschen. Das ist mir schlicht zu privat und für mich nicht erforderlich, mich dazu ausführlicher öffentlich zu äußern. Selbst auf Facebook lesen bei mir zahlreiche Menschen mit, die ich persönlich gar nicht kenne. Wichtig ist mir, auch im Sinne der aktuellen Diskussion, dass die Diagnose dieser Traumafolgestörung allein keine konkreten Rückschlüsse zulässt, was jemand individuell erlebt hat.

    Nun, dahin zurück, dass ich mehr bin als das. So bin ich selbst Skeptikerin und Mitglied der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften e.V.. Dorthin kam ich tatsächlich durch Lydia Benecke und zwar um aktiv mitzuarbeiten, als Skeptikerin war ich längst aktiv. Etwas, das auch zu mir gehört, ist mein nach acht Semestern aus gesundheitlichen Gründen abgebrochenes Psychologiestudium, das ich auch für meine Internetseite nutze für Menschen, die Betroffene von Traumafolge- und Persönlichkeitsstörungen sind, so dass es so nicht umsonst war und ich anderen Menschen etwas geben kann. Zudem möchte ich auch Fehlannahmen über die einzelnen Störungen entgegenwirken, also auch über die Dissoziative Identitätsstörung. Das mit ist ein wesentlicher Grund übrigens, warum ich mich in meiner Eigenschaft als Skeptikerin überhaupt als DIS-Betroffene zu erkennen gebe. Ich bringe damit eine weitere Perspektive einbringe, obwohl ich sehr froh, dass mein Leben sehr viel leichter geworden ist und ich bestimmte Symptome seit Jahren nicht mehr habe. Mir ist es wichtig, dass Menschen, die mich neu kennenlernen in einem ganz anderen Kontext, keine unzutreffenden Rückschlüsse ziehen.

    In der Tat habe ich mich auch auf der Seite des DLF aktiv eingebracht. Mir liegt eine differenzierte Darstellung konkreter Fakten am Herzen. An dem Kommentaren hier sehe ich, dass es in bestimmten Punkten inhaltliche Unklarheiten gibt. Lydia Benecke sagt zum Beispiel klar, dass die Dissoziative Identitätsstörung als Traumafolgestörung wissenschaftlich anerkannt ist.

    Ja, wir Skeptiker sprechen und schreiben von falschen Erinnerungen, was ein sensibles Thema ist und zu Missverständnissen führen kann. Vornweg, weder Lydia Benecke, weitere Skeptiker oder ich stehen in irgendeiner Verbindung zu der privaten Stiftung, die den keinesfalls wissenschaftlichen Begriff des „False Memory Syndromes“ geprägt hat. :) Wir orientieren uns an dem, das durch wissenschaftliche Forschung bekannt ist und, dass es falsche Erinnerungen gibt, ist erwiesen. Ebenso, dass sich frühere Annahmen darüber, wie unser menschliches Gedächtnis Erfahrungen als Erinnerungen speichert, als unzutreffend erwiesen haben. Die Skeptikerin und Forscherin Dr. Julia Shaw distanziert sich ausdrücklich in ihrem Buch „Das trügerische Gedächtnis“ von der Stiftung und dem vermeintlichen „False Memory Syndrome“. Ich verstehe selbstverständlich gerade als DIS-Betroffene, dass man das leicht missverstehen kann, wenn von false memories die Rede ist und automatisch der Gedanke an diese Stiftung da ist. :) Einer der Gründe mich in meiner Eigenschaft als Skeptikerin auch auf persönlicher Ebene als DIS-Betroffene zu erkennen zu geben, ist auch, deutlich zu machen, wie wichtig ist, hier ganz differenziert zu formulieren, was genau wir als Skeptiker mit false memories meinen und was wir damit nicht meinen. :)

    Zum eigentlichen Thema, nämlich rituellem Missbrauch. Wir Skeptiker wollen, dass machen wir auch sonst, genau hinsehen, wofür es objektive Beweise gibt und wofür nicht. In Kommentaren hier konnte ich sehen, dass teilweise verstanden wurde, worum genau es uns geht und dass ein sorgsames therapeutisches Vorgehen erforderlich sein, soll niemand letztlich Schaden nehmen.

    Ja, Dirk Bosse schilderte einen konkreten Fall dieser Art. Sein Interview dient uns Skeptikern als konkretes Beispiel. Im diese Woche erscheinenden Skeptiker, unserer Zeitschrift, könnt ihr sein Interview vollständig lesen und erfahrt so auch, dass es sich letztlich nicht um einen Einzelfall handelt. Was wir als Skeptiker übrigens sehr wohl sagen, ist, dass es sexuellen Missbrauch und Misshandlungen in Sekten tatsächlich gibt. Mein Skeptiker-Kollege Dr. Sebastian Bartoschek äußerte kürzlich in einem Gespräch mit Lydia Benecke, dass man diese Art von Missbrauch durch Wiederholungen durchaus ritualisiert nennen kann. Der Unterschied ist, irgendwann kommt das raus und lässt sich nicht ewig geheimhalten. Einzelne Skeptiker beschäftigen sich seit Jahren mit Sekten und so auch mit Missbrauch in Sekten. Es ist ja auch so, dass uns das jeweils interessiert. Wir wollen durch Aufklärung zu mehr Klarheit sorgen, allerdings auch da, wo sich bei näherer Überprüfung feststellen lässt, dass es dafür keine objektiven Beweise gibt. Da, wo einzelne Therapeuten in der beschriebenen Weise vorgehen und nicht evidenzbasierte Verfahren im Rahmen der Traumatherapie einsetzen, kann Menschen Schaden entstehen. Das wollen wir deutlich machen und verstehen das durchaus als Opferschutz. Warum sollte es unbekannt bleiben, dass einzelne Therapeutinnen in vergleichbarer Weise vorgehen wie dies Lydia Benecke beschreibt und auch von dem Kriminalbeamten Dirk Bosse berichtet wurde.

    Gerade da, wo wirklich traumatisiert sind, ist es doch in deren Interesse genau hinzusehen.

    Ich möchte, um eine andere Perspektive einzubringen auf das Buch „Der Junge, der wie ein Hund gehalten wurde“ des Kinder-und Jugendpsychiaters Bruce D. Perry verweisen. Darin wird deutlich, woher die Satanic Panic kommt, die von echtem Missbrauch in Sekten differenziert werden muss. Er beschreibt als Beispiel den konkreten Fall mehrerer Kinder, die in den USA aus ihren Familien heraus in Obhut genommen worden waren und zu evangelikalen Christen gebracht wurden, die nun eine Pflegefamilie für diese Kinder werden sollten. Leider aber wurden sie dort misshandelt, indem sie durch „Festhaltetherapie“ dazu gebracht werden sollten, über Missbrauch durch Satanisten zu berichten. Daraufhin wurden diese Kinder erneut in Obhut genommen und von der Polizei zu Bruce D. Perry gebracht, der nun die Aufgabe hatte, diesen auf diese Weise traumatisierten Kinder zu helfen.

    Aus den USA gibt es Fälle, wo Menschen lange Jahre ihres Lebens unschuldig in Haft waren. Ich meine, da lohnt es sich genau hinzusehen, wo es tatsächlich Missbrauch in Sekten gibt, wo aber nicht und die Hintergründe andere sind, auch wenn es tatsächlich um DIS-Betroffene geht. In Deutschland sind diese jahrzehnte zurückliegenden Hintergründe aus den USA und Canada nicht so bekannt, wie es für eine differenzierte Betrachtung an sich geboten ist, wenn Journalisten das Thema aufgreifen. Leider.

    Zur hier angesprochenen organisierten Kriminalität wie auch Missbrauchsabbildungen, natürlich gibt es diese leider. Das bestreiten wir Skeptiker ebenfalls nicht. Gerade Lydia Benecke wird nichts anderes sagen dazu, schließlich ist sie Straftätertherapeutin. Arbeit mit diesen Menschen ist letztlich auch Opferschutz, möchte ich anmerken. Sie arbeitet mit Sexual-und Gewaltsraftätern, damit diese lernen andere Entscheidungen zu treffen und nicht mehr für andere Menschen Leid zu verursachen.

    Freundliche Grüße

    P.s. Ich hatte übersehen vor dem Schreiben des Kommentars, dass ich gerade bei WordPress nicht eingeloggt war. Sollte mein Kommentar nun doppelt ankommen, liegt das daran .:)

    1. Hallo,
      könntest du bitte die Links und Quellenangaben zu den Studien teilen, die falsche traumatische Erinnerungen zweifelsfrei belegen (Abgesehen von Dr. Julia Shaw). Das würde ich mir gerne genauer anschauen.
      Ich kenne bislang keinen wissenschaftlichen Versuch, der traumatische Erinnerungen hätte in der Art und Weise hervorbringen können, wie sie Betroffene erleben. Auch die Forschung von Dr. Julia Shaw operiert zwar mit Gedächtnis, nicht jedoch mit dem Auftreten von Flashbacks und Co.
      Vielen Dank!
      Liebe Grüße,
      Sofie

  4. Zum Datum des Vortrags, diesen hielt Lydia Benecke am 10. Mai im Rahmen des Skepticals. Das Skeptical ist der Publikumstags zu Beginn unserer Skeptikerkonferenz SkepKon, die vom 10.-12.05. in Köln stattfand. Somit war dieser Vortrag bereits vor Beginn der Diskussion auf der Facebookseite des Deutschlandfunks und steht mit dieser in keinem kausalen Zusammenhang. Das Video vom Vortrag wurde jedoch erst letzte Woche auf YouTube veröffentlicht, so wie wir nach und nach auch die Aufzeichnungen anderer Vorträge zu ganz unterschiedlichen Themen veröffentlichen. Es war also nur lediglich eine Frage der Zeit, bis die Aufzeichnung vom Vortrag von Lydia Benecke online gestellt würde. Trotz der zeitlichen Nähe hat das nichts mit der Diskussion auf der Facebookseite des DLF zu tun. Die zeitliche Nähe hat vielmehr damit zu tun, dass wie oben bereits angesprochen, in dieser Woche die neue Ausgabe unserer Zeitschrift erscheint, in der das vollständige Interview mit dem Kriminalhauptkommissar Dirk Bosse und ein insgesamt durchaus sehr lesenswertes Interview mit dem Satanisten zu lesen ist, das später geführt wurde.

    Ich denke, die zeitlichen Zusammenhänge scheinen unklar zu sein, daher wollte ich darauf nochmal gesondert eingehen. 😊

    1. Hallo Frau Kreusel, welche Rolle Frau B. einnimmt, ist sehr gut in den Vorträgen zu sehen und sie versteckt es noch nicht mal, sondern führt es in ihren Live-Vorträgen vor gesamten Publikum aus. Sie beherrscht Ihr Geschäft. Es kann keine Zusammenarbeit auf gleicher Augenhöhe sein. Mal davon abgesehen verstehe ich noch immer nicht, welche Intention Sie verfolgen und ich war überrascht, als ich Ihre Beiträge auf der DLF-Facebookseite las. So suchte auch ich vor einigen Jahren gerne mal die Blumenwiesen.org auf. Wie lange ist denn der Uraltfall „schwarzer Orden“ des Herrn Bosse her? Mitte der 90iger? Wahrscheinlich war der Fall auch sein einziger. Besonders qualifiziert zum Thema rG wirkt er in dem Video nicht, eher auf den Stand aus dem Jahr, in dem er den Fall bearbeitete. Seine Schilderungen mögen vielleicht alle stimmen und dass es auch Therapeut_innen gibt, die nicht ganz astrein arbeiten, klar, alles ist möglich. Einen (Uralt)Fall plus FMSF-Argumente zu nehmen, um damit Betroffene einzuschüchtern und den Helfer_innenkreis bloßzustellen, also wirklich, ich bin entsetzt über diese Opferfeindlichkeit!

  5. Weiß nicht, ob ihr das gesehen habt. Ich hab aus dem Vortrag auch Konfetti gemacht.
    Und mir hängt jetzt nochimmer wieder die imaginäre Kotze im Hals, wenn ich daran denke. Schaut gerne auch mal bei mir vorbei.

  6. Schlimm, und auch absolut unwissenschaftlich finde ich (immer wieder) komplett ausschliessende Behauptungen. Es gibt solche und solche „Fälle“, aber aus einem (oder von mir aus auch mehreren „Fällen“) zu schließen: es gäbe keine rituelle Gewalt in größeren organisierten Gruppen, wie es der Polizist z.B tut, entbehrt jeder wissenschaftlichen Grundlage. Pauline, ich finde eure argumentative Vorgehensweise gut und respektvoll (wenn sie bestimmt auch viel „kostet“), beide Annahmen sind zu betrachten, und für möglich zu halten, ganz bestimmt gibt es nicht nur und ausschließlich die eine Wahrheit. Soviel wäre gewonnen, wenn beide Sichtweisen „Hand in Hand“ gehen würden, was aber nur ginge, wenn tatsächlich, auch auf Seiten der FMSF, wie den Skeptikern Interesse an den KlientInnen bestünde, und das kann ich hier (wie auch in anderen Argumentationsketten der FMSF sowieso) nicht erkennen! BÄH!!!

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