Innen-Geheimnisse und Therapie

Als wir uns vor 1999 Jahren stationär in einer Psychosomatischen Klinik befanden, passierte während einer Einzeltherapiestunde etwas sehr Prägendes: Die Psychotherapeutin thematisierte gegenüber einer unserer alltagsgestaltenden Innenpersonen aktuell stattfindenden Täterkontakt. Diese Innenperson war amnestisch für die erlebte Gewalt und vor allem für die Aufrechterhaltung unserer Alltagsfunktionalität zuständig. Die Psychotherapeutin hatte das Wissen über unsere akute Gefährdung durch Täterzugriffe von anderen Persönlichkeiten aus unserem System erhalten. Für uns selbst war es damals noch nicht ausreichend möglich, selbst im Innern einen Austausch zu gestalten und solche wichtigen Informationen im Bewusstsein festzuhalten. In diesem Zusammenhang und in der Absicht, uns dabei zu helfen, uns zu schützen, sprach die Therapeutin also mehrere Informationen offen aus, die im Innern mehr oder weniger absichtlich als Geheimnisse behandelt wurden.

Ein Ergebnis dieser konfrontativen Aktion der Kliniktherapeutin war, dass die „neu informierte Innenperson“ in einen Schock geriet und über mehrere Tage heftige Dissoziationszustände in Form von Verlust des Hörvermögens, Geh- und Sprechunfähigkeit, u.a. zeigte. Auch für uns als System bedeutete dies eine große Instabilität: Jene „Geheimnisträger“ im Innern fühlten sich verraten und im Stich gelassen, es brach große Angst vor „Bestrafung“ aus, Erinnerungsbilder durchfluteten uns unkontrolliert- und der so wichtige und nötige Innenkontakt, der ja gestärkt und unterstützt werden sollte, brach völlig zusammen.

Die Therapeutin hatte etwas offengelegt, von dem sie nicht genau wusste, wer von uns darüber eigentlich Kenntnis hatte. Sie krachte durch unsere dissoziativen Barrieren, ohne es in diesem Moment genau zu merken. So etwas kann passieren.

In einer Therapie mit Menschen mit Dissoziativer Identitätsstruktur werden naturgemäß solche „dissoziativen Geheimnisse“ erkennbar: Die eine Persönlichkeit weiß von der anderen nichts, nicht alle wissen alles „von früher“, Gewalterlebnisse werden ins innere „Off“ verschoben und „vergessen“, es gibt Hierarchien/Machtverhältnisse untereinander, u.a. Aus guten Gründen- nämlich (Über-)Lebenssicherung- werden innere Grenzen sowohl bewusst, als auch unbewusst mit mehr oder weniger schweren Geschützen verteidigt.

In einem multiplen Persönlichkeitssystem existiert Vieles nebeneinander und gleichzeitig: Autonomiebestreben und der Wunsch nach Bindung, Verdrängung und Erinnern, Leben- und Sterbenwollen, Kraft und Lähmung, Blindheit und Durchblick, Leere und Fülle, Stärke und Schwäche- und ganz viel dazwischen… Im Gegensatz zu nicht-dissoziativ identitätsstrukturierten Menschen sind diese Gegensätzlich-und Nebeneinanderkeiten zur gleichen Zeit präsent. Nicht (oder: nicht immer) im Sinne von „im Außen aktiv und sichtbar“, sondern grundsätzlich von „im Innern lebendig“ (aber nicht immer gleichzeitig von allen fühlbar).

Wird in einer Therapie damit gearbeitet (um es be-greifbarer werden zu lassen) und werden die unterschiedlichen Strömungen nach außen sicht- und erkennbarer, bedeutet das nicht gleichzeitig, dass der/die Klient*in ständig ein klares Bewusstsein dafür hat! Der/die Therapeut*in bekommt aufgrund seiner/ihrer Außensicht mehr vom Gesamtbild mit, während die „Puzzleteile“ nur die „direkte Nachbarschaft“ sehen können (wenn überhaupt).

Findet etwas aus dem Innern seinen Weg nach außen ins Sicht-, Hör-, Fühlbare, ist das ein wertvoller Schatz. Manchmal braucht dieser einen besonderen Schutz. Auch vor den anderen „inneren Augen und Ohren“. Wenn es sich als sicherer Platz anfühlt, diesen Schatz der Selbst-Auskunft erst mal nur bei der/dem Therapeuten*in zu betrachten und die Abgrenzung im Innern aufrecht zu erhalten (sofern das aktiv beeinflussbar sein sollte), kann das eine gute, achtsame Vorgehensweise sein.

Wir finden es wichtig, die Hintergründe näher zu beleuchten, weshalb innere Geheimnisse existieren und wofür dissoziative Barrieren nötig sind. Wenn es in der therapeutischen Arbeit im weitesten Sinne um „Integratives“ (als Prozess, als innere Verbindung, als „einen Umgang mit der erlebten Gewalt finden“) gehen soll, kann es unserer Erfahrung nach Umwege über den/die Therapeuten*in als „sicheren Zwischenlagerplatz“ brauchen: Als Kommunikations- und Vermittlungshilfe zwischen den Persönlichkeiten; als vorübergehender „sicherer Ort“ für Informationen und Dinge, die „nach außen sollen“, weil sie im Innern zu schwer oder zu viel (alleine) zu tragen sind; als äußere Meta-Ebene, usw.

Manches kann sich nur in so einer Umgebung und unter solchen Voraussetzungen zeigen.

Nun, was könnte also geschehen, wenn der/die Therapeut*in von einer Persönlichkeit aus einem dissoziativen System hört, dass aktuell gewaltvoller Täterkontakt stattfindet, von dem andere nichts wissen? Was ist, wenn die informierende Persönlichkeit darum bittet, dieses Geheimnis (erst mal) nicht an andere des Systems weiterzugeben? Wenn der/die Therapeut*in auf die „Schweigebitte“ eingeht und die Verantwortung für die Informationsverteilung alleine dem Persönlichkeitensystem überlässt, entsteht möglicherweise eine „alte Situation“: „Jemand weiß Bescheid und sagt/tut nichts (/hilft nicht).“

Gewalt findet auf einer Geheimnisgrundlage statt. Das, was zur Entstehung der DIS geführt hat, bleibt oft lange im Verborgenen und ist belegt mit „Nicht hören, nicht sehen, nicht sprechen (dürfen)“. Geht es nun in einer Therapie an diese verinnerlichten „Tabuzonen“, kann das alles Mögliche reaktivieren: Die damals erlebte Einsamkeit und Hilflosigkeit, die Angst und die Erwartung, für den „Verrat des Geheimnisses“ bestraft zu werden, Täterintrojekte, die Wut auf Menschen, die gewusst aber nicht geholfen haben, etc. Zwischen Therapeut*in und Klient*in kann es zu schwierigen (Gegen-)Übertragungssituationen kommen- es bietet sich einfach so viel Material dafür! Auf beiden Seiten.

Es kann Bestandteil einer Reinszenierung von Traumaaspekten werden, wenn der/die Therapeut*in in die inneren „Verschwiegenheiten“ des Persönlichkeitensystems mit einbezogen wird und dazu aufgefordert wird, „nichts an andere weiterzugeben“. Vielleicht wird sogar darauf gewartet, dass ein Verrat passiert- man fühlt sich in seiner alten Erwartung bestätigt, im Stich gelassen zu werden, bzw. in seinem Vertrauen nur enttäuscht zu werden.

Aber wie kann denn ein guter, vertrauensvoller Umgang mit „sensiblen Informationen“ innerhalb einer Psychotherapie stattfinden? Was soll passieren, wenn der/die Therapeut*in Kenntnis über etwas erlangt, das dem „Alltagsbewusstsein“ der/des Klienten*in noch verborgen ist? Wenn man hierbei erstens dem Prinzip der therapeutischen Distanz und zweitens der Absicht der Selbst-Erkenntnis folgt, sollte wohl am ehesten zurückhaltend interveniert werden. Der/die Klient*in geht seinen/ihren eigenen Weg im eigenen Tempo.

Wir meinen aber auch, dass es Momente geben kann, in denen die Therapeutenseite die Entscheidung treffen muss, konfrontativ zu agieren. Natürlich ist der Idealfall immer eine achtsame Vorgehensweise- und der Fokus sollte auf dem Wohl des/der Klienten*in liegen, nicht auf der „Erleichterung“ des/der Therapeuten*in (dafür gibt´s ja Supervision). Aber unserer Erfahrung nach kann es Situationen geben, die ein „Aufrütteln“ erfordern, bzw. in denen es unverantwortlich, unethisch und unprofessionell wäre, (dissoziative oder andere) innere Barrieren vollkommen unbenannt und somit gegebenenfalls lebensbedrohlich destruktiv sein zu lassen. Eine sehr schwierige Gratwanderung, nicht nur für den/die Unterstützer*in.

Die inneren und äußeren Grenzen eines Menschen mit DIS sehen anders aus, als die des/der Therapeuten*in. Das, was in der Position der/des Betroffenen nicht offen thematisiert werden darf oder kann, weil es sich im Dargestelltsein zu bedrohlich anfühlen würde, ist möglicherweise aus dem Blickwinkel der Unterstützungsperson ein elementarer Bestandteil von „Heilung“. Letztlich entscheidet jedoch immer der/die Betroffene, um was es für sie/ihn gehen soll und welche Prioritäten sie/er setzt. Was aber nicht bedeutet, dass die Grenzen der/des Therapeuten*in weniger wichtig sind!

„Geheimnismitträger*innen“ haben Mitspracherecht. Und: Wenn einmal eine Information bei ihnen gelandet ist, entscheiden sie letztlich selbst, was sie damit tun.

Das sollte man bedenken, wenn man sie aussucht.

 

Advertisements

Viele sind schlau(er)?

Wie ist das eigentlich:

Ist man schlau, WEIL man Viele ist? Oder obwohl? Oder wie?

Gibt es automatisch weniger Nutzungsmöglichkeiten des gesamtsystemischen Wissens/Könnens/Begreifens, je zerrissener und unkommunikativer man innen ist?

Steigert sich die Intelligenz sogar, wenn ein multiples System integrativ zusammenwächst oder zumindest deutlich enger miteinander verbunden ist?

Und werden bei einer erfolgreichen Traumabearbeitung auch in Sachen Intelligenz mehr Kapazitäten frei?

Für mich gibt es bei diesen Fragen verschiedene Aspekte: Welche Schulbildung durchlief wer wie lange, welche Möglichkeiten der Allgemeinwissensaneignung hatte jemand, inwiefern wurde emotionale Intelligenz entwickelt, wie viel „Schlauheit“ war bisher überhaupt „erlaubt“, wo behindern Traumafolgen die Leistungsfähigkeit und Kognition, wer hat wann wie viel Zugriff auf so etwas wie eine „innere Bibliothek“, was lohnt sich eigentlich im Leben, wie unterdrückt und niedergeschlagen ist das eigene Selbstbild, wie viel Dissoziation ist im Alltag nötig, etc.

Die einzelnen Innenpersonen befinden sich auf sehr unterschiedlichen „Niveaus“. Sie durften, mussten, konnten mehr oder weniger lernen bisher, sind mehr oder weniger eingeschränkt in ihrem Verstehen und Umsetzen. Eine gewisse Alltagsfunktionalität muss ja immer gegeben sein (der/ein Sinn der DIS!), bei manchen Systemen entwickelt sich sogar eine sehr hohe, sehr komplexe Leistungsfähigkeit im Beruf u.a. Auch ohne intensive innere Auseinandersetzung und bewusste Kommunikation scheint so etwas (für eine begrenzte Zeit vielleicht?) möglich zu sein, manchmal sogar ohne klares Wissen über das Vorhandensein einer DIS.

Wie kann das klappen? Wie ist es möglich, dass quasi im Verborgenen Dinge Hand in Hand laufen, Denken und Aktionen ineinanderfließen, (unbewusste) Wissensquellen recht zuverlässig angezapft werden können? Ohne Tagebuchschreiberei, innere Konferenzen, runde Tische, o.a.? Es scheint mir zum Teil ein natürlicher Vorgang zu sein, etwas, das sich eben „wie von selbst“ bewegt, Kreise zieht, Innenpersonen ohne ihr bewusstes Wissen miteinander verbindet, fast ein Eigenleben führt. Schwarmintelligenz?!

Ich finde es sehr tröstlich, mich mit diesen Fragen und Gedanken auseinanderzusetzen. Vor allem dann, wenn mich das Gefühl des inneren Getrenntseins richtig fertig macht. Wenn ich den Eindruck habe, alle(s) strebt auseinander.

Ich kann mich auf etwas „ganz Natürliches“ in uns verlassen. Etwas, das stattfindet, auch wenn wir uns als „gar nicht da“ erleben. Ich stelle mir Wellenbewegungen vor: Es kommt und geht, es ist mal wilder und ursprünglicher, mal sanft und seicht, mal spült es etwas an, mal nimmt es etwas mit sich. Es ist immer in Bewegung und immer im Wachstum, auch wenn kein Lüftchen weht. Auch wenn ich meine, kein Teil davon zu sein: Es berührt mich immer, selbst wenn ich es nicht merke.

Ich weiß, was ich kann. Bzw. ich weiß, was ich mal gelernt habe. Aber ich habe nicht mal den Hauch einer Ahnung von dem, was sonst noch in uns schlummert. Worauf ich zurückgreifen könnte, wenn wir enger zusammenrücken würden. Oder was anderen plötzlich zur Verfügung stehen würde. Ich denke nicht an eine wundersame Einstein-Entwicklung und ich widerspreche der These, Menschen mit DIS seien grundsätzlich hochintelligent. Ich glaube, das Ganze ist weitaus weniger spektakulär.

Vielleicht verteilt sich das, was man als Intelligenz bezeichnet, irgendwann gleichmäßiger im System, je näher wir uns kommen- statt sich zu einem galaktischen Plus zu addieren. Fände ich auch irgendwie „normaler“ und gesünder. :-)

 

Bananenschlüssel

„Es nützt nix: Die schwarzbraune Banane muss raus in die Biotonne, sonst haben wir schnell Flucht-, nein, Quatsch, Fruchtfliegen in der Küche!“, denke ich.

Ich hasse die Biotonne. Trotzdem schnappe ich mir den Schlüsselbund, laufe schnell barfuß durch den Hausflur, öffne die Haustür, die hinter mir ins Schloss fällt, hebe den Deckel der Tonne, erblicke den stinkenden Madenmatsch, das Fliegengewimmel und den anderen Triggerkram, der uns mörderisch grinsend direkt in die Flashbackhölle führen will-

und komme nur Sekunden später wieder zu mir, als meine Hand die Banane Richtung Türschloss bewegt.

Ich bin irritiert. Wollte ich etwa gerade damit aufschließen?

Wo ist der Schlüssel??

Mir schwant Böses.

Mit ekelverzerrtem Gesicht hebe ich den Deckel der Biotonne langsam hoch. Da unten drin, ganz unten, in der biologisch wertvollen Stinkepampe, liegt unser Schlüsselbund.

Vor lauter „Schnell, schnell! Bloß weg hier!“ haben wir in einem unaufmerksamen, kurzzeitdissoziierten Zustand statt der Banane den Schlüssel in die Tonne geworfen.

Jemand von uns entwickelt sich notgedrungen zum Superhelden: Sie streckt den Arm ganz weit nach unten in die Tonne, hält den Atem an und fischt den Schlüsselbund (klebrig und oberfies) heraus. Dann lässt sie die Banane mit spitzen Fingern hineinfallen, schlägt den Deckel zu, schließt mit dem triefenden Schlüssel die Haustür auf, rennt zurück in die Wohnung und ruft so inbrünstig wie es nur geht: „IIIIGITT!!“

Und dann, nach minutenlangem Händewaschen, sich schütteln, den Schlüssel abspülen und Naserümpfen-

kommt eine kleine, aber herzhafte Lachattacke.

Ekeltraining im Alltag eben. (puh, was für ein böser Scherz!)