Wenn ein (Tat-)Ort verschwindet.

Das braun-grünliche Wasser scheint leichte Wellen zu schlagen. Die Straße ist weg, der Vorgarten ist weg, das Kellerfenster ist weg. Das Haus wird von einem Fluss umschlossen, der erst seit wenigen Tagen existiert.

Er betrachtet das Foto immer wieder. Er wartet auf das Gefühl der Erleichterung. Auf den Impuls, das Glas zu erheben und anzustoßen. Auf eine Art von Triumph. Gerechtigkeit?

Stattdessen spült es ihn erneut fort wie einen der Kois aus dem Gartenteich. Sie legt das Handy mit dem Foto auf ihre Brust und lehnt sich zurück. Mitleid. Sie kann nicht anders fühlen. Bedauern. Schmerz?

Der Adventskalender mit dem Sterntalermädchen. Fangen spielen auf dem Rasen. Bratkartoffeln, Vla, Sesamstraße. Stricknadelklappern, looking for freedom, Telefonbänkchen. Schultüte, Schwesternkichern, Karneval, Laternebasteln. Zu Hause.

Sie denkt, sie müsste all das retten, damit es nicht untergeht. Und sie spürt nicht, dass es in ihrem Kopf schon längst gesichert ist. Das Wasser ist woanders.

Er holt sich und schließlich auch sie wieder zurück. Das Foto verschwindet. Das Haus ist nicht mehr ihr Zuhause. Schon Jahrzehnte nicht mehr.

Was bleibt ist die Frage, warum sich niemand über den fast bis zur Decke überfluteten Partykeller freuen kann. Es gäbe doch Grund!

Verliert sich eine Spur? Verlieren sich ihre Spuren? Wie viel sichert der Kopf?

Wie viel soll, kann, darf, muss bleiben?

Info zum Radiofeature

Das Radiofeature

Kinderfolter – Sexuelle Gewalt in organisierten und rituellen Gruppen“,

das am kommenden Sonntag (18.07.21)

auf WDR5 zu hören sein sollte,

wird an diesem Tag

nicht ausgestrahlt werden.

Edit: Der Grund ist ein Veto des Jugendschutzbeauftragten. Man darf auf einen Alternativtermin zu einer späten Tageszeit hoffen.

Radio-Dokumentation über Kinderfolter in organisierten und rituellen Gruppen

Am 18.07.21 wird auf WDR5 ein Radiofeature zu ritueller und organisierter Gewalt gesendet.

Inhalt:

„Die Trennung zwischen der normalen Welt und der gewalttätigen Welt, die war komplett“, sagt Melanie Roth. Seit frühester Kindheit wurde sie von den Mitgliedern und Kund:innen einer organisierten Gruppe systematisch körperlich, sexuell und seelisch schwer misshandelt. Wie können Betroffene das aushalten und auf den ersten Blick unauffällige Kinder und Jugendliche sein? Ihr Bewusstsein hat – ausgelöst durch Folter und Todesangst – das Unaushaltbare abgespalten und es in etlichen separaten Persönlichkeitsanteilen gespeichert. Ein psychischer Überlebensmechanismus, medizinisch als dissoziative Identitätsstörung (DIS) bezeichnet.

Der Fonds Sexueller Missbrauch  zählte in den vergangenen Jahren mehrere Hundert Hilfeersuchen. Doch nur sehr wenige Betroffene erstatten Anzeige gegen ihre Peiniger:innen. Ein strafrechtlicher Beweis für die Verbrechen organisierter und ritueller Gruppen in Deutschland fehlt bisher – auch weil für den Tatbestand des Missbrauchs der Kontext erst einmal sekundär ist und Opfer mit einer dissoziativen Identitätsstörung keine einfachen Zeuginnen sind. Mittlerweile werden die Hinweise vom Berliner Familienministerium ernst genommen. Schon die pädosexuellen Netzwerke von Lügde, Bergisch Gladbach und Münster haben gezeigt: Es gibt Gewalt, die lange jenseits der Vorstellungskraft der meisten Menschen lag.

https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/dok5/folter-kinder-gewalt-sekten-rituale-100.html