Mit dem Porsche in die Erschöpfung

Inzwischen sind fast 8 Monate vergangen, seitdem uns die Klinik, auf deren Warteliste wir stehen, mitgeteilt hat, dass wir „ungefähr im Oktober 2019“ mit einer Aufnahme rechnen können.

Innerhalb dieser 8 Monate haben wir zwei Lesungen veranstaltet; uns aus dem einen Theaterprojekt verabschiedet und ein neues begonnen; uns mit Geschwisterverstrickungen und Täterkreisaktionismus auseinandergesetzt (und fünf Mal unerwünschte Post aus diesem Kontext erhalten); unseren Garten beackert; sieben Kilo zu- und wieder abgenommen; Traumaexpositionen bewältigt; ein Konzept im Bereich „Peer-Beratung“ entwickelt und aktuell auf Eis gelegt; schlimme Nachrichten von erkrankten lieben Menschen erhalten; festgestellt, wie richtig und wahr Erinnerungsfetzen sind, die bisher als „unmöglich“ eingestuft wurden; knapp 40 neue (Außen-)Menschen näher kennengelernt; gehofft, bloß nie wieder etwas von der Klinik zu hören und gleichzeitig gewünscht, es gäbe irgendetwas oder irgendwen, der stellvertretend für uns auf die Bremse tritt, weil wir es selbst nicht schaffen…

Wir merken, dass wir immer noch und immer wieder in die Dynamik des „Wegmachens“ rutschen. Es gibt kraftvolle Zeiten, in denen außen so viel geht: So viele Menschen-/Gruppenkontakte, so viel Lernen und Wagen und Tun. Das fühlt sich erst mal toll an. Wir überlegen, wie wir unsere Fähigkeiten und Talente in einen angemessen bezahlten Job verwandeln könnten. Und dann bemerken wir irgendwann, dass immer mehr Therapietermine abgesagt werden, dass wir uns quasi unbemerkt „verloren“ haben. Wir sind innen schließlich ein verkrumpelter Haufen dicht aneinanderhängender Personen, die trotz dieser Nähe emotional nichts mehr voneinander mitbekommen. Und irgendwo ganz weit innen, nach hinten weggeschossen, existiert das „Andere“: Die Not, das Schwere, das so sehr Angestrengte, das Grenzwertige, usw. Man könnte fast sagen: Nie sind wir multipler als in Zeiten großartiger Funktionalität und Produktivität. Und gleichzeitig: Nie sind wir gefühlsmäßig weiter entfernt von unserem Vielesein, als in solchen Phasen.

Ein Grund, weshalb wir uns Mitte letzten Jahres für eine Klinikzeit entschieden hatten, war genau diese Dynamik. Wir waren an einem Punkt, an dem klar wurde, dass wir „raus müssen“, dass wir uns (weiter) krank machen, wenn wir uns immer wieder so verlieren. Ackern, laufen, transformieren, Leben fressen, Energie spüren und einsetzen- so verführerisch, diese Zeiten, in denen so viel geht. So viel Selbst-Wert, Sinnhaftigkeit, Überlegenheit gegenüber den Folgen der Traumatisierungen. Verbunden mit permanenter Selbstverletzung im Sinne von Ignoranz gegenüber Innenpersonen, die das Tempo, der Fokus und die Intensität unseres Lebens vollkommen überfordert. Das Ergebnis dieser Dynamik ist unter anderem irgendwann meistens bodenlose Erschöpfung, körperliche Krankheit (oder Rheumaschübe) oder explodierende dissoziative Symptomatik (Fugue, Stuporanfälle, o.a.)- und immer wieder stehen wir als dieser verkrumpelte Personenhaufen davor und man fragt sich: „Wo kommt das plötzlich her, es läuft doch super gerade?!“

Wir wollen lernen, einen anderen Rhythmus in unserem Leben zu entwickeln, den alle von uns mitgehen können. Das bedeutet, dass manche von uns das Gefühl aushalten müssen, mit einem Porsche unterm Hintern gezwungenermaßen durch eine Dreißigerzone zu tuckern: „Der Motor dröhnt bei angezogener Handbremse.“ Es wäre sicherer, vom Gas zu gehen, das ist uns klar. Wir haben seit 1998 einen Führerschein, aber überhaupt keine Fahrpraxis. Im Porsche zu sitzen bedeutet nicht automatisch, ihn gut handhaben zu können. Außerdem ignorieren wir immer wieder den Gesamtzustand des Fahrzeuges. Die Karosserie ist toll, aber wie sehen z.B. die Reifen aus?

Nun ist in den letzten 8 Monaten weiterhin genau das passiert, was wir von uns kennen: Raus aus dem „Fertigsein“ in der Jahresmitte, rein in den Energierausch (wie geht das eigentlich?) und jetzt? Die Erschöpfung schleicht bereits bedrohlich in unser Bewusstsein- und der Mechanismus des Augenverschließens findet trotzdem weiter statt. Wir wissen, was läuft, wir wissen, was vermutlich in den nächsten Wochen kommen wird- und wir stehen betrachtend daneben, blicken fast gelähmt oder eher blockiert auf diesen Menschen, der rückwärts auf einen Abgrund zuläuft, ohne ihn zu warnen oder aufzuhalten.

Gesellschaftlicher, politischer, privater „Applaus“ für besonders gut arbeitende, konstruktive, „kaum belastete“, starke Gewalt-Überlebende, denen man „ihr Paket“ gar nicht ansieht, ist nicht immer hilfreich. Manchmal ist es lebensnotwendig, gerade in Phasen, in denen alles „wunderbar normal“ zu sein scheint, dass man uns „irritiert“, indem man zum Beispiel fragt: „Wie geht es jenen von Euch, die man derzeit gar nicht sieht?“

Nicht immer finden wir allein die Bremse.

 

 

Werbeanzeigen

Die Schönheit des Morbiden

Ich fühle ihre kalten Finger in meinen Gedanken. Hauchzart legt sich meine Hoffnung um ihre Haut. Ich darf nicht zu stark sein.

Wenn sie mich berührt weiß ich, dass mein Ja zerreißen kann und die Gefahr droht, dass kleine Teile von mir in ihr Nein rieseln und es sogar noch kräftigen könnten.

Ich bin beinahe atemlos, als ich versuche, meine Gedanken so sanft und gleichzeitig stabil wie möglich zu halten. Ihre kalten Finger erwärmen sich nicht an meiner Energie, aber ich dulde den Temperatursturz in uns. Das Zittern darf kommen.

Das eisiges Nichtmehrkönnen trifft auf das heiße Lebenwollen. Ein morbid – schöner Augenblick, in dem ich eine Sekunde lang den Impuls habe, sie zu greifen und zu halten, damit wir zusammen bleiben können.

Täte ich es, würde sie zerfallen. Und ich?

Ihre kalten Finger verdrehen mir den Kopf.

Ich beginne zu lachen. Weil mir gerade nichts Besseres einfällt.

Überdosis Zauberhaftigkeit und Leben

Wir haben Nachwuchs:

dsc_0656-45752311.jpg
©GeteilteAnsichten

Angrenzend an unseren Garten sind die beiden kleinen Bärchen zur Welt gekommen. Uns fiel das Gescharre und Gefiepe in der letzten Zeit zwar auf, aber wir gingen von einem Marder aus. Heute überraschte uns schließlich diese niedliche Waschbärfamilie. Die Mutter lockte ihre Kinder aus der oben gelegenen Wurfhöhle hinaus und kletterte mit ihnen gemeinsam einen Baum hinunter. Glücklicherweise ließen sie sich von unserem verzückten Juchzen und vom Fotoapparat gar nicht stören. Dann machten sich Mama und Kind Nr.1 auf den Weg über die Steine und über die Hecke- und Kind Nr.2 traute sich offenbar nicht so richtig. Es kletterte zurück nach oben und produzierte wirklich bedauernswerte Geräusche. Am liebsten hätten wir es auf den Arm genommen (Raubtier? so what?! ;-) ). Es passierte eine Weile nichts mehr (bzw. für uns nicht sicht- und hörbar) und manche von uns machten sich Sorgen, ob Kind Nr.2 nun für immer allein gelassen werden würde. Aber die Mutter kehrte nach ungefähr 1 Stunde zurück, um es zu holen.

Wunderbar. In der Tierwelt ist die Mama-Kind-Beziehung noch in Ordnung.

Solche Erfahrungen in und mit der Natur berühren unser(e) Herz(en) tief und nachhaltig. In solchen Momenten spüren wir, dass und wie Heilung in uns stattfinden kann. Es ist kein Blabla, keine „falsche Hoffnung“, keine Utopie, keine Naivität. Da wächst sich etwas mindestens „gesünder“, vor allem aber entsteht eine innere Gewissheit, zur richtigen Zeit im richtigen Leben zu sein.

 

 

 

 

Herr Schulz kauft Glück

Herr Schulz kauft sich

das kleine Glück,

ganz brav und frisch,

das gute Stück.

Er trägt es stolz

ins feine Haus,

wirft Scham und Schuld

zum Fenster raus.

Der kleine Schatz

bleibt nun für immer,

er schmückt

das schallgedämmte Zimmer.

Herr Schulz hat vorgesorgt

und weiß,

die Sache wird noch ziemlich heiß:

Das kleine Glück zerrinnt und bricht,

beachtet er die Vorsicht nicht.

Sauber, sicher, dunkel, leise-

Herr Schulz empfindet sich als weise.

Doch eins hat er hier überseh’n:

Der Schatz kann sich

nach innen dreh’n.

Das kleine Glück,

des Hauses Schmuck,

verändert sich

mit krassem Ruck.

Im feinen Haus bleibt nichts

für immer,

bald brennt auch schon

das ganze Zimmer.

Herr Schulz kauft sich

das gute Stück,

und später gibt’s dann

kein Zurück:

Glücksschatz vergräbt Herrn Schulz sehr tief-

das sind die Geister, die er rief.

Nach der Gewalt #13

Ich sitze vor der freundlichen Sachbearbeiterin des Jobcenters.

„Wir haben Sie anscheinend seit 2014 nicht mehr auf dem Schirm gehabt.“, sagt sie kopfschüttelnd.

Bis dahin waren wir als voll erwerbsgemindert eingestuft. Man hätte uns neu begutachten müssen. Hat das Jobcenter aber versäumt, weil wir als Mitglied einer Bedarfsgemeinschaft irgendwie unsichtbar waren.

Jetzt wird alles umgemodelt, bzw. auf den aktuellsten Stand gebracht, weil die berufliche und gesundheitliche Situation unserer Lebenspartnerin sich geändert hat. Viel nerviges Bürokratiegedöns.

Die Sachbearbeiterin gleicht die Angaben im Computersystem mit uns ab: Adresse, Daten, Lebenslauf.

„Seit wann sind Sie denn eigentlich krank?“

„Äh, seit, das kann man gar nicht so genau eingrenzen, also…“

„Waren Sie schon während des Studiums krank?“

„Ja…“

„Haben Sie es deshalb auch während der Diplomarbeit abgebrochen?“

„Ähm, nein, im Grunde, doch, ja…“

„Bedauerlich.“

Innen donnert das Wutgrollen. „Bedauerlich“, ja. Aber die Wahrheit ist: Nicht die „Krankheit“ hat zum Abbruch geführt, sondern ein Zusammenbruch nach einem massiven Übergriff der Tätergruppierung, ein anschließender monatelanger Klinikaufenthalt, die Unterbringung in einem Frauenhaus und letztlich die lebensnotwendige Flucht ans andere Ende Deutschlands.

Das sage ich der Sachbearbeiterin nicht. Es ist in dem Moment, für diese Erledigung nicht von Bedeutung.

Im Innen macht es aber was.

Jedes Mal, wenn wir mit unserer gewalttraumabedingten Armut konfrontiert werden, unsere zerbröckelte berufliche Laufbahn rechtfertigen müssen oder den Begriff der psychischen Krankheit ohne weitere Ergänzung abnicken, kommt die Wut wieder hoch.

Und jedes Mal, wenn wir in Sachen BAföG-Schulden um Stundung bitten müssen, haben wir Mordphantasien.

Es wäre anders gelaufen, hätten sie uns damals einfach laufen lassen.