10 Beispiele…

10 Beispiele, wie Sie NICHT reagieren sollten, wenn Ihnen ein Mensch sagt, sie/er habe/sei eine multiple Persönlichkeit:

  1. „Oh Gott, Du Ärmste(r)! Hast du heute schon an Selbstmord gedacht?“
  2. Hahaha!“ Herzhaftes Schlagen auf beide Oberschenkel „Also, jetzt hör auf, hahaha!“ Lachtränen aus den Augen wischen und lautstark die Nase putzen. „Und als nächstes erzählst du mir noch, du wanderst mit dem Papst nach Lampukistan aus! Hahaha!“
  3. „Wie, multipel? Jetzt mit so Anfällen und spucken und sabbern und sowas?“
  4. Schweigen. Nippen an der Kaffeetasse. Blick auf die Uhr. Blick aus dem Fenster. „Es regnet heute bestimmt noch!“ Seufzen.
  5. „Jaja, ich weiß, meine Nachbarin zum Beispiel, die ist auch immer so komisch und letztens erst, da hat sie wieder ihren Schlüssel verloren und ich sag noch so zu der anderen Nachbarin, weißt du, die oben drüber, ich sag noch zu der, immer verliert die Roswitha ihren Schlüssel, das ist doch nicht normal!“
  6. Erschrockenes Aufspringen. Sachen zusammenraffen. Flüchten. Wohnung kündigen. Aufnahme ins Zeugenschutzprogramm beantragen.
  7. „Ach, keine Sorge, ich kenne da einen gaaaaanz lieben Pfarrer, der macht auch so Dämonenaustreibungen und so!“
  8. „Aha. Na, schön. Jedem das seine. Für mich wär das ja nix.“
  9. „Meine Güte, wo hast du dir DAS DENN wieder eingefangen? Warst du letztens im Ausland? Ich sag immer wieder: Leute, lasst euch impfen!“
  10. „Viele Persönlichkeiten? Hat doch jeder! Denk doch nicht immer, du wärst was Besonderes!“

 

 

10 Beispiele, wie Sie NICHT reagieren sollten, wenn Ihnen jemand erzählt, sie/er habe sexualisierte Gewalt erlebt

  1. Schulterzucken. „Na und? Kennt doch heutzutage jeder!“
  2. Augen aufreißen, Oberkörper vorbeugen. „Und was ist da ganz konkret passiert?“
  3. „Ach soooo, deswegen bist du lesbisch!“
  4. „Also, nun schau dich doch mal an, wie unwahrscheinlich ist das denn bitteschön?!“
  5. „Jaja, irgendwann MUSSTE das ja mal passieren! Bei deinem Kleidungsstil!“
  6. Heulattacke. Zusammenbruch. „Das halte ich nicht aus!“ Notarzt. Psychiatrie.
  7. Unaufgefordert das Handy zücken. 110 wählen. „Ja, hallo, ich habe hier eine Strafsache zu melden!“
  8. „Naja, das ist jetzt aber kein Grund, sich so hängen zu lassen!“
  9. Energischer Schlag auf die Schulter des Gegenübers. „Das schaffst du schon! Unkraut vergeht nicht! Du musst nur wollen!“
  10. „Und das sagst du ERST JETZT?“

 

Von Spinnen, Triggern und unstimmiger Rücksicht.

Ich hatte sie schnell gesehen, die große Spinne an meinem Fenster. Ein imposantes Netz hatte sie innerhalb kurzer Zeit zwischen dem Schmetterlingsflieder und dem Fensterrahmen gewebt. Und als ich sie entdeckte, wölbte sich ihr Leib kugelig. Da sind Spinnenkinder drin, dachte es in mir. Viele winzigkleine Spinnenkinder, die alle wie verrückt herumkrabbeln. Die Mutter baut ein Zuhause und bringt sie freudig auf die Welt. Vielleicht möchte sie uns teilhaben lassen am Wunder der Geburt. Tiere sind großartige Geschöpfe, oder nicht?

Statt beeindruckt weiter zu beobachten, erwischte mich der Ekel mit voller Wucht. Er stieg meinen Rücken hinauf, umschlang meine Schultern, presste meine Brust zusammen und würgte meinen Hals. Ich rief unsere Lebensgefährtin. „Mach das weg“, sagte ich atemlos, „Bitte mach das sofort weg!“. Ich wollte mich nicht so fühlen. Ohne zu zögern und ganz selbstverständlich erledigte unsere Partnerin die Sache und sorgte dafür, dass die Spinne aus unserem Blickfeld verschwand.

Nun schaue ich wieder auf mein Fenster. Das Spinnennetz ist weg. Die schwangere Mutter auch. Ich hoffe, sie hat anderswo ein neues Nest für ihre Kinder gestalten können. Außerhalb meines Einblicks. Ich mag Tiere. Aber dieses Exemplar… Die Erinnerungen an den gezielten Einsatz krabbelnder Insekten und Spinnen innerhalb des sogenannten Ekeltrainings durch die TäterInnen zeigen sich auf unserer Körperebene. Wir finden einen Umgang damit. Aber es quält uns. Das sind Traumafolgen. Wir möchten sie nicht haben. Nicht erleben. Nicht fühlen. Am liebsten wäre es mir, ich könnte diese Wahrnehmung von Ekel und Angst weiter abspalten, könnte die Spinne dort lassen, wo sie ist, könnte hinschauen und weiter einfach „nichts“ fühlen.

Ich wünschte, Trigger-Vermeidung könnte immer funktionieren.
Ich lese den letzten Satz des obenstehenden Textes von vorgestern und schüttle den Kopf. Nein, das stimmt so nicht.

Ich denke, dass Trigger-Vermeidung nicht immer funktionieren sollte.

Die Spinne am Fenster ist ein Beispiel, bei dem beim Lesen vielleicht manche verständnislos die Schultern zucken und sagen: „Ist doch nur eine Spinne und sie wurde ja nicht mal getötet! Wenn Ihr Euch dadurch besser fühlt..?!“

Aber wie sieht es aus, wenn man die Trigger-Vermeidung im direkten, menschlichen, nahen Umfeld betrachtet? Wenn man andere Menschen einbezieht, bzw. einbeziehen muss und sie gegebenenfalls bittet (oder auffordert), etwas Bestimmtes nicht zu tun?

Unsere Lebensgefährtin kam vor einer Weile von einem Flohmarkt nach Hause und hatte ein Bild ergattert, welches sie in der Küche aufhängen wollte. Es war für uns schnell spürbar, dass die abgebildete Figur Erinnerungen an Gewaltzusammenhänge aktivierte. Wir wussten, dass wir unsere Partnerin hätten bitten können, das Bild nicht in der Küche aufzuhängen. Für sie wäre das gar kein Problem gewesen und sie hätte verständnisvoll reagiert. Aber wollen wir andere Menschen einschränken oder ihr Handeln generell beeinflussen, weil uns irgendetwas daran triggert?

Es ist doch nur ein Bild… Man kann es umhängen oder weghängen. Es ist nicht so wichtig. Es liegt unserer Partnerin nicht besonders am Herzen. Gar kein Drama. Genauso wenig wie das Spinnennetz.

Wir sind sehr froh, dass es Menschen in unserem Umfeld gibt, denen unser Wohlergehen am Herzen liegt. Die gern dazu beitragen, uns in unserem Leben zu unterstützen. Mit manchen können wir über bestimmte Auslösereize sprechen, die uns immer wieder und immer noch besonders heftig erwischen. Es ist möglich, Alternativen und Lösungen zu finden und es ist völlig in Ordnung, um Rücksicht zu bitten. Meistens sowohl für unser Gegenüber, als auch für mich-uns selbst. Weil wir wissen, dass es nicht um Peanuts geht.

Mit manchem müssen wir allerdings trotzdem alleine einen Umgang finden, weil wir es uns nicht „zurechtvermeiden“ können und wollen. Unser Leben und unser Alltag konfrontieren uns zwangsläufig und immer wieder mit Auslösereizen. Rückerinnerungen an Traumainhalte gehören zur Symptomatik einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Das ist ein Teil unseres Jetzt-So-Seins, genauso wie unsere gewaltvolle Vergangenheit. Gestern und heute geraten aneinander, haben Berührungspunkte, kicken uns ins innere Aus. Ursprünglich „harmlose“ Gegenstände, Worte, Farben, Gerüche, Umstände, o.a. sind in uns verknüpft mit Gewaltsituationen, TäterInnen, Tatdetails, usw. Zum Teil durch den Täterkreis gewollt und konditioniert, zum Teil auch zufällig (bzw. im damaligen Zusammenhang logisch) entstanden. Diese Lebensrealität war/ist UNSERE und nicht die unseres Umfeldes!

Menschen, die uns besonders nahestehen, so wie unsere Partnerin, kommen mit unserer Lebensrealität natürlich mehr oder weniger in Berührung. Es gibt gemeinsame Schnittstellen. Wir sind froh und dankbar, wenn wir uns nicht immer erklären müssen, sondern unser Gegenüber „mitdenkt“, einfach, weil sie/er uns ganz gut kennt und einiges von uns und unseren Erfahrungen weiß. Es erleichtert uns (kurzfristig), wenn unsere Lebensgefährtin etwas von vornherein nicht tut oder uns mit etwas nicht konfrontiert, weil sie weiß (oder ahnt), dass es traumatische Erinnerungen bei uns auslösen kann. Manchmal ist es hilfreich, wenn wir nicht extra darum bitten müssen (… wenn wir überhaupt identifizieren und benennen können, was eigentlich einen Auslösereiz konkret darstellt…). Selbstverständlich ist diese Rücksichtnahme für uns aber nicht.

Es gibt für uns Grenzen im Kontakt mit unserem Umfeld. Wir machen für uns selbst Abstufungen in der Belastungsqualität bestimmter (uns bekannter) Trigger. Nicht alles wirkt gleich schlimm. Manches können und wollen wir aushalten und durchstehen. Manches sprechen wir an und versuchen, mit unserem Gegenüber eine gute gemeinsame Lösung zu finden. Einiges lässt sich sehr einfach und unkompliziert „umgehen“, ohne dass es großen „Verzicht“ oder eine Einschränkung beim anderen Menschen bedeuten würde. Und ohne dass wir uns dadurch als „Opfer“ fühlen müssen. Wir sind kein rohes Ei und wollen auch nicht so behandelt werden.

Wir haben im privaten und therapeutischen/ärztlichen Kontext schon viel Unsicherheit beim Thema „Trigger-Vermeidung“ erlebt: Menschen, die davon ausgingen, die Farben Schwarz, Lila oder Rot in ihrer Kleidung nicht tragen zu dürfen, weil uns diese an satanistische Roben oder Blut erinnern könnten; Menschen, die einen Handschlag zur Begrüßung unterdrückten, weil sie pauschal damit rechneten, uns als „Gewaltopfer“ damit zu triggern und/oder Grenzen zu überschreiten; Menschen, die betont leise sprachen, oder uns nicht anschauten, oder ihre Wohnung umräumten (Dekoration wegstellten, u.a.), bevor wir zu Besuch kamen, usw. Ist das etwas, was die Überlebenskraft und das „Hier und Jetzt“ in den Fokus rückt?

Wenn wir lernen wollen, Trigger zu entschärfen oder zu neutralisieren, müssen wir ihnen aufmerksam begegnen und ihnen eine neue (!) Bedeutung geben. Die alten eingefahrenen „Gehirnautobahnen“, die festgetretenen Trampelpfade, die hochaktiven Synapsen-Automatismen- das alles ist unserer Erfahrung nach nicht durch Trigger-Vermeidung dauerhaft veränderbar. Wir wollen vor allem wahrnehmen, was in uns passiert und dies irgendwie und irgendwo im Inneren „verbinden“. Aufhören zu dissoziieren und anfangen zu assoziieren. Dabei nehmen wir auch Hilfe von außen in Anspruch, aber wir erwarten sie nicht automatisch.

Wenn wir unser Umfeld mit in eine Trigger-Dramatik hineinziehen, geben wir den „alten Geistern“ Futter.

Dann binden wir Menschen in eine gewaltvolle Dynamik ein, die eine andere Lebensrealität hatten/haben, als wir. Für sie ist es eben nur ein Bild, eine Farbe, eine Geste, ein Wort. Zum Glück ist es das für sie! Dadurch können wir lernen- und so wird nämlich ein Schuh draus, und nicht so: „Oh, ich lebe mit einer Gewaltbetroffenen zusammen, also muss ich lernen, wo ich grundsätzlich vorsichtig zu sein habe!“. Mitgefühl und Einfühlungsvermögen finden wir sehr wertvoll, ebenso Offenheit und „Mitschwingen-Können“. Aber Sonder-Schonprogramm für immer und alle Zeiten und generell? Nein, danke. Das macht uns krank.

Unsere Lebensgefährtin hatte früher keine Angst vor Spinnen. Heute findet sie sie nicht besonders ansprechend, gerät aber auch in keinen sehr belastenden Gefühlszustand, wenn sie eine sieht. Seitdem unsere Partnerin uns kennt und mehr von uns weiß, reagiert sie allerdings alarmiert, wenn sie eine Spinne in unserem Haushalt entdeckt. Nicht panisch, aber aufmerksam sensibilisiert. Es ist für sie selbstverständlich, dass sie das Tier von uns fernhält und es nach draußen bringt. Ohne dass wir jedes Mal darum bitten müssen. Eine ganz neutrale Haltung hat unsere Lebensgefährtin also nicht mehr zu Spinnen. Unsere (Er-)Lebensrealität hat sich hier mit ihrer verbunden, unsere Gewalterfahrungen färben auf sie ab. Nicht auf eine dramatische Art und Weise, aber doch spürbar.

Diese „Entwicklung“ ist leider insgesamt ziemlich steigerungsfähig- und wir finden es wichtig, genau auf diese Dynamik aufzupassen, sie zu thematisieren und gemeinsam darauf zu achten, wo unser Gegenüber in ihrer/seiner Rücksichtnahme zur/zum MitspielerIn im „alten Film“ wird.

 

Ich schaue wieder auf unser Fenster.

Ich möchte versuchen, beim nächsten Mal, wenn vielleicht eine andere Spinnenmama dort ihr Netz gestaltet, unsere Lebensgefährtin dazuzurufen. Dann möchte ich sie fragen, was sie dort sieht. Und dann möchte ich ihre Hand ergreifen und ganz kurz gemeinsam aus-halten. So dass nicht meine (frühere) Lebensrealität ihre heutige prägt, sondern umgekehrt.

Nachtwach

„Es ist nicht dasselbe Bett, schau!“

Sie reißt immer noch die Augen auf, erkennt aber nichts. Im Gestern gefangen. In den Erinnerungen.

„Ich berühre jetzt deine Hand.“

Sie zuckt nicht zusammen, als ich ihre kalten Finger greife. Aus den angststarren Augen quellen nun Tränen. Keine Trauer ist das, sondern ein biologischer Schutzmechanismus nach über einer Stunde zwinkerlosen Starrens.

„Meine Hand und deine Hand fühlen jetzt gleich den Teddybären. Er wohnt noch nicht so lange bei uns. Er ist neu. Er kommt nicht von früher.“

Der Teddy bewirkt nichts. Ich weiß nicht, wie ich sie zurückholen kann.

„Nachtwach“ weiterlesen

kurzzeitig

Kalte Füße, nasse Socken. Stehen inmitten einer Wasserpfütze, den Blick nach oben gerichtet. Verwundert, dass Regen fällt. An ihr vorbei.

Autos, Fahrradklingeln, reflektierende Lichter in den Augenwinkeln. Einen Rucksack vor den Bauch gepresst. Schuhe baumeln, an den Schnürsenkeln zusammengebunden, an der Seitentasche.

Ein Haus mit einer Treppe. Hinsetzen und sich trauen, genauer hinzuschauen. Was und wer ist das hier? Wie heißt diese Stadt? Was befindet sich im Rucksack?

Ein kleines Gerät ohne Kabel, Antenne oder Batterie. Ganz flach. Schwarz. Ein Taschenrechner scheint es nicht zu sein. Nutzlos für sie.

Ein Portemonnaie. Klimpergeld und ein Schein. Die D-Mark ist es nicht. Karten. Flache, kleine, dünne Karten, teilweise mit Fotos. Es scheint immer dieselbe Frau zu sein. Die Sicht verschwimmt und die Buchstaben sind viel zu klein. Es ist

ein ihr völlig fremder Rucksack. Fremder Inhalt. Fremdes Leben.

Regen tropft in die geöffnete Tasche.

Sie konzentriert sich einen Moment, um nach einem Taschentuch zu suchen. Sie findet eins.

In den nächsten 2 Stunden hält sie sich am Papier fest.

Bis das Wasser es aufgelöst hat.

Genau wie sie.

Dann ist ein anderer Tag.

Eine andere Zeit.