Blog-Schließung

Wir haben aus verschiedenen Gründen entschieden, “Geteilte Ansichten“ nicht mehr weiter zu führen.

Stattdessen fokussieren wir uns nur noch auf den Blog “Kontaktpunkte“ und alles, was auch analog damit zu tun hat.

Wir freuen uns, wenn Ihr bei Interesse mit “umziehen“ mögt und uns dort folgt.

Wir danken Euch sehr herzlich dafür, dass Ihr uns in den sage und schreibe 10 Jahren “Geteilte Ansichten“ so treu, zugewandt, herzlich und inspirierend begleitet habt.

Alles Gute für alle und viele liebe Grüße,

Paula u.a.

Kontakt zur Gruppe für Viele, die im psychosozialen Bereich arbeiten

Nach unserem Aufruf zur Gründung einer Kontaktgruppe ist tatsächlich auch eine Gruppe entstanden, die sich austauscht und unterstützt.

Bezüglich Neuaufnahme-Möglichkeiten haben uns in der Zwischenzeit immer wieder auch Interessent*innen angeschrieben.

Zukünftig übernimmt aber ein anderes Gruppenmitglied die Kommunikation dazu, nicht mehr wir.

Wir bitten Euch deshalb, ab jetzt die Emailadresse

dis.austauschgruppe ät gmail dot com (ohne Leerzeichen)

für Fragen bzgl. der Gruppe zu nutzen und nicht mehr unsere private oder Peerberatungs- Adresse.

Dankeschön und viele freundliche Grüße,

Paula u.a.

Gelesen, gehört, gesehen, gefühlt

Die Lesung ist nun schon fünf Tage her und es fühlt sich an, als hätten wir einmal ein anderes Universum besucht. Inzwischen sind wir wieder zu Hause- aber wir müssen uns noch zusammensammeln, glaube ich. Innerlich verstreut, äußerlich zerstreut. Und müde.

Die Veranstaltung im Foyer des Kölner Filmhauses war -zumindest für uns- eine besondere. Im Rheinland zu lesen, öffentlich sichtbar und erkennbar zu sein, ist eine Anmaßung und eine Befreiung zugleich. Je nachdem, wen man fragt. Soweit wir das beurteilen können, saß niemand von jenen im Publikum, die unsere öffentlichen Aktivitäten missbilligen. Glücklicherweise fühlt es sich jetzt im Nachhinein auch nicht so an, als müssten wir innere Bestrafungsmantren starten oder uns sonstwie niedermachen. Schön!

Wir haben einen Schatz mit nach Hause gebracht: Einen kleinen, hellgrünen Karton mit vielen bunten Zetteln darin. Wir hatten die Menschen bei der Lesung gebeten, uns Rückmeldungen aufzuschreiben oder aufzumalen, wie in einem Gästebuch- damit wir alle uns das zu Hause in Ruhe anschauen und so auch konservieren können. Die Worte in dieser Gästebox sind wunderbare Geschenke.

Überhaupt haben uns verschiedene Begegnungen sehr berührt: Langjährig Vertraute, Fremde, flüchtig Bekannte kamen auf uns zu; freundlich, wohlgesonnen, respektvoll, vorsichtig. Der Austausch nach der Lesung war offen, persönlich – jemand sagte: „intim“… und ja, das haben wir auch gefühlt: Da entstand plötzlich eine Nähe, etwas „Dichtes“, Verbindendes.

Wir sind froh und dankbar, dass wir diese Veranstaltung zu dieser Zeit an diesem Ort mit diesen Menschen machen konnten- und behalten sie beeindruckt und berührt in Erinnerung.

Unsere Reise beinhaltete jedoch nicht nur die Lesung. Und die ersehnten belgischen Fritten. Und das Wiedersehen mit Freund*innen und der Lieblingskrankenschwester von damals. Und die hart erkämpften Stinkefinger.

Wir kommen mit offenen emotionalen Wunden nach Hause. Mit angetriggerten Erinnerungsfragmenten. Mit vielen unterdrückten Tränen. Mit Schock irgendwo weit innen. Mit Erschöpfung aus hundert Jahren. Mit Wissen zu Orten, die wir noch mal sehen mussten und wollten.

Daraus muss sich in der nächsten Zeit noch etwas zurechtwachsen.

Bis wir wieder irgendwo lesen.

Wenn man in Köln angekommen ist

Morgens, 8 Uhr in Köln: Es ist laut, stickig, wuselig. Durch das gekippte Fenster hört man so viel Lärm, wie bei uns zu Hause in der Straße selbst an Silvester nicht. Normalerweise mag ich Seeed- nur jetzt gerade nervt mich dieser Honk mit seiner Autobeschallung. Hinzu kommen verschiedene Handyklingeltöne, rufen, schreien, lachen, Kindergeräusche, knallende Autotüren, Hybridautogesumme, Hundebellen, Mülltonnendeckelklappern, Türklingeln, TV-Gedudel, blablabla- nur kein Möwengeschrei.

Ich brauche kühle Luft und öffne das Fenster komplett. Es hat kein Fliegengitter, weil’s hier in der Großstadt keine oder kaum noch Insekten gibt – anders als bei uns zu Hause. Keine Mückenstiche, kein typischer Meereswind, keine Ruhe, keine Katzen- hier fehlt Vieles. Alles anders.

Naja. Dafür gibt’s hier eine Kita-Schnitzeljagd an einer Hauptverkehrsstraße, während bei uns die “Lütten“ auch in einer verkehrsberuhigten Zone an die Hand genommen werden; Hipster-Läden in verschiedenen Versionen (nicht alle davon haben meiner Meinung nach Sinn); im Umfeld von “ich geh mal kurz um den Block“ siebenunddreißig unterschiedliche Möglichkeiten, irgendwas zu essen oder zu trinken; abgefahrene Postkarten und eine Kneipe namens “Tante Kurt“. Kann man sich schon mal angucken das Ganze, so isses ja nu nich…

Außerdem haben wir schon das beste Tiramisu der Welt bekommen; dazu noch Hilfsangebote in der Nacht und liebe Nachrichten. Es konnten Tränen laufen, die geholfen haben. Es durfte die Erkenntnis entstehen: “Wir müssen nicht alles (alleine) schaffen“. Und ein erdendes, haltgebendes Telefonat mit Ehefrau und Katzen fand auch statt.

Ich schaue mich um und weiß, dass es wichtig und richtig ist, dass wir hier sind. Und ich weiß, dass es noch viel wichtiger ist, dass wir von hier bald wieder wegfahren können.

Reisen und fokussieren

Während wir schon mal einige Dinge zusammensuchen, die wir mitnehmen wollen auf unsere „Lesereise“ nach Köln Anfang September, denke ich: „Wir sind die Einzigen aus unserem familiären Umfeld, die ausgestiegen sind.“ Damit meine ich: Wir sind die Einzigen aus dieser Sippe, die im Erwachsenenalter keine aktive oder passive Täter*innenschaft mehr ausüben. Krass gut und krass Scheiße.

Manchmal möchte ich mich vor die versammelte Mannschaft stellen und brüllen: „Warum?? Warum hat sich kein Schwein von Euch anders entschieden?? Wir haben´s doch auch hingekriegt!“. Ein Brüllen zwischen rasender Wut und tieftrauriger Verzweiflung.

Ich kann mir diverse Gründe vorstellen, warum diese Menschen so leben und handeln, wie sie es tun. Und tatsächlich muss ich dabei Unterschiede machen zwischen den männlichen und den weiblichen Familienmitgliedern. Wir haben mehr aktive männliche und passive weibliche Täter*innen im Gruppenkontext erlebt, als umgekehrt. Warum das so war, hat geschichtliche, kulturelle, politische, gesellschaftliche, psychologische u.a. Hintergründe. Allermeistens haben die gruppenzugehörigen Frauen die Gewalt der Männer gedeckt, verschwiegen, geduldet, ausgehalten, verklärt, unterstützt. Es gab aber auch „weibliche Ausnahmen“ in höheren Positionen in der Gruppenhierarchie und mit ausgeprägten sadistischen, gewaltvollen Charakteren. Grundsätzlich kann ich aber zu jener Gruppierung, der wir in den achtziger, neunziger Jahren ausgesetzt waren, sagen, dass die Anzahl misshandelnder, folternder, vergewaltigender Männer deutlich dominierte.

Heute sind diese Männer alt geworden. Sie haben es sich bequem gemacht in ihrem gut gehüteten, abgesicherten Nest und sehen offenbar keinerlei Veranlassung, Verantwortung für ihr damaliges und heutiges Handeln und Sein zu übernehmen. Niemand von ihnen hat einen Grund, sich einer Strafverfolgung zu stellen.

Und die Frauen? Die Mütter, Tanten, Omas von damals? Warum haben sie bis heute nicht die Entscheidung getroffen, zu gehen? Habe ich Mitgefühl mit diesem personifizierten „Ich kann nicht!“? Ein bisschen. Entschuldige ich es? Nein, mich hat ja auch noch niemand von ihnen darum gebeten.

Die Töchter, Cousinen, Schwestern- jene Generation(en), zu der auch wir gehören und die eben diese Kinder sind, deren Folterdokumentationen zuerst analog verkauft und inzwischen digitalisiert verbreitet werden… Was tun sie heute als Erwachsene? Welche Entscheidungen sind ihnen wichtig geworden? Das, was ich bzgl. unserer Gruppierung weiß, ist ernüchternd.

Das, was ich allerdings im Austausch mit anderen Betroffenen erlebe, macht Hoffnung! Wende ich mich gedanklich vom eigenen Gruppensumpf ab und schaue darauf, wie viele Überlebende sich im Internet und in analogen Selbsthilfegruppen solidarisieren und sichtbar werden, dann erkenne ich: Es gibt so viele Aussteiger*innen, so wie uns! Es sind Frauen und Männer, diverse Geschlechter, jüngere und ältere, aus verschiedenen Generationen- alle sind auf dem Weg raus aus den jeweiligen Täter*innen-Gruppen oder haben es bereits geschafft. Wir sind eben nicht „die Einzigen“!

Es gibt so viele Betroffene, die sich gegen eine Fortsetzung der Gewalt und für ein freies, selbstbestimmtes, liebe-volles Leben einsetzen. Und es gibt Unterstützer*innen, Helfer*innen, Verbündete, Aktivist*innen, Partner*innen, Freund*innen.

Diese (!) „Sippe“ ist es, die unseren Fokus wirklich verdient hat.

Sehen wir uns am 9.September? :-)