Frankreich 2019 ohne Google

Unsere Lebensgefährtin und ich sitzen gemütlich vor dem Fernseher. Es läuft ein WM-Fußballspiel. Es zieht sich ergebnislos in die Länge.

Ich: „Wann ist eigentlich endlich wieder Frauenfußball-WM? Die können´s wenigstens!“

Sie (schulterzuckend): „Keine Ahnung.“

Schweigen.

Zwei, drei Minuten vergehen.Wir reden über Katzenniedlichkeiten.

Dann höre ich innen die Information „Nächstes Jahr“ und spreche dies nach außen aus.

Sie (irritiert): „Was?“

Ich: „Die Frauen-WM. Findet nächstes Jahr statt.“

Sie: „Aha“

Ich nicke schlau, obwohl ich´s gar nicht bin.

Innen fügt jemand hinzu: „In Frankreich.“

Ich gebe es mit erhobenem Kinn und breitem Grinsen nach außen weiter: „In Frankreich.“

Unsere Lebensgefährtin schmunzelt und fragt: „Hast du gegoogelt?“

Ich: „Ja. Innen.“

Lachen und schweigen.

Das Fußballspiel bleibt stinklangweilig. Ich denke an diese sympathische schwedische Trainerin. Mir fällt der Name nicht mehr ein. Ich frage meine Lebensgefährtin:

„Wie heißt noch mal die Trainerin der Schwedinnen? Pia irgendwas? Lindström?“

Meiner Lebensgefährtin liegt die Antwort auf der Zunge, aber sie kommt nicht drauf.

Innen ruft jemand an mir vorbei ins Außen: „Suuuuundhaaaageee!

Ich erschrecke mich fast ein bisschen. Es gibt wieder Gelächter.

Sie: „Wer braucht schon Google, …“

Ich ergänze: „…wenn man doch Multipedia hat!“

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ritueller Missbrauch und Skeptiker

Ich habe diesen kleinen, aussagekräftigen Vortrag zum Thema „satanisch-ritueller Missbrauch als Verschwörungstheorie“ auf Youtube gesehen. Es sprachen auf der „Skepkon“ 2018 (Konferenz für Wissenschaft und kritisches Denken, veranstaltet von der „Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften e.V.“) unter anderem die Kriminalpsychologin Lydia Benecke, ein polizeilicher Ermittler und ein sich selbst so bezeichnender Satanist (den ich so nichtssagend fand, dass ich nicht näher auf ihn eingehen werde).

Informiert wurde ich über diesen Vortrag von anderen Menschen mit DIS, einer Traumatherapeutin und einem themenbezogenen Emailverteiler. Immer mit dem sinngemäßen Hinweis: „Da wird unsereins aber mal wieder ordentlich an den Karren gepinkelt.“ Um es vorwegzuschicken: Ja, das stimmt.

Trotzdem bin ich in zwei Punkten froh, dieses Video gesehen zu haben:

1.) Der polizeiliche Ermittler berichtet von einem Fall, in dem sich die Hinweise zur rituellen Gewalt als „falsch“ herausgestellt haben sollen. Die (angeblich) betroffene Frau habe selbst keine (gerichtsverwertbaren, klaren) Aussagen machen können, wohingegen die behandelnde Psychotherapeutin sehr aktiv und möglicherweise suggestiv Einfluss genommen habe. Angaben zu Orten und Zeitpunkten des Täterkontaktes erwiesen sich nach einer Observierung als unstimmig. Der Polizist spricht weiter nicht nur negierend über diesen Einzelfall, sondern zeigt diese Haltung generell zum Themenkomplex „rituelle Gewalt“: „Gibt´s nicht; im Verborgenen kann das gar nicht funktionieren, hört auf damit (v.a. an Therapeuten_innen gerichtet), diesen Bullshit, der da so allgemein verbreitet wird, mit zu unterstützen!“ Gerätst Du als Überlebende_r bei Anzeigenerstattung an so einen Ermittler, kannst Du einpacken. Soviel ist klar.

Gehen wir jetzt aber einfach mal davon aus, dass sich der Fall, über den der Herr Polizist erzählt, tatsächlich so ereignet hat, wie er es wiedergibt- denn das halte ich nicht mal für so unwahrscheinlich! Dann bin ich froh, dass er thematisiert wird- nur nicht mit diesem herablassenden, sich lustig machenden Unterton. Ich habe in einem anderen Beitrag bereits geschrieben: Eine dissoziative Identitätsstörung kann (wie jede andere „Krankheit“ auch) fehldiagnostiziert sein. Sie kann bewusst und unbewusst simuliert werden und dies kann von (distanzlosen, fachlich unprofessionellen) Psychotherapeuten_innen auch verstärkt werden.

Keine bequeme Wahrheit, aber eben auch möglich.

In so einer Klienten_innen-Therapeuten_innen-Beziehung kann eine sehr ungute Opfer-Retter_in-Dynamik enstehen und man sollte den „Versorgungs- und Aufmerksamkeitsnutzen“ darin nicht unterschätzen. So kann es eben auch passieren, dass solche Dramatiken der Polizei begegnen- und was sich daraufhin für ein Bild entwickelt, berichtet der Kriminalkommissar ziemlich eindrücklich. Es tut weh, das so zu hören, aber ich finde es auch wichtig.

Der besagte Fall kann sich aber auch aus einem anderen Grund so dargestellt haben: Die behandelnde Psychotherapeutin hat sich zu früh oder aus wildem Aktionismus heraus an die Polizei gewandt. Hat eine Klientin während einer laufenden Therapie immer wieder Täterkontakte, wird immer wieder neu traumatisiert, kann sich irgendwann der Punkt „Es muss jetzt sofort aufhören!“ bei der Behandlerin (!) einstellen. Zeigt die Betroffene selbst wenig bis keine Eigeninitiative, gerät der Entwicklungsprozess dauerhaft ins Stocken, ertönt immer wieder der (verbale oder nonverbale) „Rette-mich-Schrei“- dann kann das Hinzuziehen der Polizei sich wie die beste (letzte) Lösung anfühlen. Meine Meinung dazu: Man tut Überlebenden damit keinen Gefallen, sofern sie nicht in der Lage sind, aussagekräftige, eventuell gerichtsverwertbare Angaben zu machen. Und erst Recht hilft man ihnen damit nicht weiter, wenn nicht alle Innenpersonen an einem Strang ziehen (wollen). Im Gegenteil: Schlimmstenfalls entsteht ein unglaubwürdiges, nicht ernst zu nehmendes Bild über die/den Überlebende_n- und den/die Therapeuten_in (UND DIS + rituelle Gewalt allgemein!) bei den Strafverfolgungsbehörden. Und letztlich reiben sich einfach nur die Täter_innen zufrieden die Hände.

Ich hoffe, dass jene (Trauma-)Therapeuten_innen, die dieses Video sehen, bzw. die Erzählungen des Polizisten hören, sich in Folge dessen daran erinnern, wie wichtig es ist, korrekt zu arbeiten und genau zu reflektieren: In der Diagnostik, der (angemessen distanzierten) Aufarbeitung mit den Klienten_innen und der eventuellen Begleitung im „Ausstieg“ aus organisierten Kreisen. Es gibt so viele Fallstricke! Und die Überlebenden sind schließlich die Leidtragenden! Und das ist noch weitaus schlimmer als ein möglicherweise angeknackstes Ego einer öffentlich niedergemachten Psychotherapeutin.

2.) Lydia Benecke, die bühnenfitte Gothicqueen unter den Kriminalpsychologen, bemängelt im Video, dass sich in (kleineren) Traumatherapeutenkreisen alle nur gegenseitig zitieren und wissenschaftliche Belege fehlen. Sie hat Recht, nur nicht mit der negativen Bewertung! Manche Fachleute beziehen sich immer wieder aufeinander- wieso sollten sie das auch nicht machen, wenn die Inhalte der jeweiligen Aussagen doch stimmig und wertvoll sind?! Lydias vermutliche Kumpels der „False Memory-Bewegung“ werden doch nichts anderes tun: Sich innerhalb ihres eigenen (selbst als korrekt empfundenen) Dunstkreises Kontextes bewegen. Unprofessionalität unterstellt sie ihnen deswegen hingegen nicht, wohl aber den (Trauma-)Therapeuten_innen. Nun ja.

Wissenschaftliche Ergebnisse, polizeiliche Erkenntnisse, Fakten, Fakten, Fakten- ja, die könnten wir alle in der Tat wirklich brauchen, um die Existenz der rituellen Gewalt hieb- und stichfest zu belegen. Jedes gescheiterte Strafverfahren scheint ein Argument dagegen zu sein, jeder öffentlich diskutierte Widerspruch, jedes „Nix Genaues weiß man nicht…“. Als Kriminalpsychologin sitzt (steht, tanzt, headbangt) Frau Benecke doch in einer guten Position, um genau diese Aufklärungsarbeit weiter vorantreiben zu können und sich der Untersuchung vermeintlicher (eventuell simulierender) und realer Betroffener zu widmen. Oder möglicherweise emotional überreagierende Psychotherapeuten_innen, die Klienten mit DIS und ritueller Gewalterfahrung magisch anzuziehen scheinen, zu beraten. Stattdessen hat sie sich allerdings für die Therapie der Straftäter entschieden. Auch ein Statement.

Ich würde mir wünschen, dass dieses Video in Überlebenden- und Helfer_innenkreisen nicht nur einen empörten Schulterschluss auslöst (im Widerstand gegen False-Memory-Aktivisten und Co), sondern auch einen ehrlichen, offenen Blick in den Spiegel.

Wo geben wir solchen Vorträgen Futter?

Wie kann gute, wissenschaftlich fundierte und differenzierte Medienberichterstattung zum Thema „DIS“ und „rituelle (organisierte) Gewalt“ aussehen?

Woher nehmen wir unsere Wahrheiten? Und wie bringen wir sie nach außen?

Wie weit reicht unser Horizont?

 

 

Erleichterung für Zwei

Sie wacht auf und denkt: „Das beste Gefühl ist Erleichterung.“

Das Gefühl, wenn du nach drei Tagen Wanderschaft endlich wieder unter einer warmen Dusche stehen kannst, der Duft der Seife deine Haut streichelt und gesammelter Schmutz im Abfluss verschwindet.

Erleichterung ist auch , wenn du die störende Wimper im Auge endlich zu fassen kriegst, das unerwartete „Ausreichend“ in der verpatzten Mathearbeit, das wiedergefundene Handy, das Rückenstrecken nach stundenlangem Unkrautzupfen.

Es ist der saftige Apfel in deinem Mund nach einer Woche fasten, der ausbleibende Anruf deiner Gynäkologin nach der Krebsvorsorge, das zufriedene Schmatzen deiner Katze trotz unklarer Kränkelei, das Weiteratmen deines Kindes nach einem Krupphustenanfall.

Erleichterung ist das Klicken des Türschlosses, wenn die Schwiegereltern endlich verschwinden, die wohlige Wärmflasche für eiskalte Hände, das Abtauchen im Flusswasser bei dreißig Grad im Schatten.

Es ist das Schulternlockern, das Seufzen, Weinen, Absinken und Loslachen. Das Festgehaltene, Verkrampfte, Panische vergeht, so wie in diesem wunderbaren Moment, wenn das Schmerzmittel endlich wirkt, die Krankmeldung endlich entschieden ist, die Morgendämmerung endlich einsetzt.

Das beste Gefühl hat sie dann, wenn sie „Entschuldigung“ sagt, hört und vor allem spürt, oder „Ich bin gleich da!“, oder „Ich helfe dir!“, oder „Es ist okay!“, oder „Ich liebe dich!“.

Ich wache auf und erinnere mich an das himmlische „Vorbei“, die Abwesenheit von „Jenem“.

Ich erinnere den Moment, in dem sich die Fesseln ein Stück lösten und ich endlich, endlich die seit Stunden (Tagen?) juckende, wunde Stelle kratzen konnte.

Ich erinnere die Schwerelosigkeit beim Hineingleiten in eine Ohnmacht, die Ablösung vom gequälten, schmerzenden Körper, das innere Verschließen des Gehörs in chaotischer Geräuschüberflutung.

Da waren diese Sekunden, Minuten – wie lange auch immer – in denen die Panik des Erstickens endete, in denen ich aus mir ausstieg oder innerlich entfernt wurde, wo es die Möglichkeit, die wunderbar tröstliche, beruhigende Möglichkeit, des Sterbens für mich gab.

Da, wo das Brüllen der Zerstörung verstummte und die Stille der inneren Verkapselung begann, da war die Erleichterung.

Und jetzt? Hier und heute wacht sie auf und ist in der Lage, die Beine aus dem Bett zu schwingen. Entdeckt schlafende, lebendige Katzen, den putzmunteren, geliebten Menschen und realisiert das große Geschenk eines sicheren Zuhauses.

Hier und heute darf die Erleichterung über die eigene Existenz tiefer berühren als jene über die Möglichkeit der Auslöschung.

Danke.

auf der Kippe

Sie wünschte, sie hätte die Überwindungskraft. Sich umzudrehen, das Dach zu verlassen, die Treppen wieder hinab zu steigen und wegzugehen, weil sie sich entschieden hat, dass Weiterleben die bessere (klügere? sinnvollere?) Alternative ist.

Sie wünschte, sie hätte die Überwindungskraft, aus vollem Herzen „Ja! zum Leben, zu ihrem Dasein, zu sagen.

Sie wünschte, sie könnte den Impuls, vom Dach zu springen, endlich umsetzen. Das Warten auf den richtigen Moment beenden. Nicht nur denken, sondern tun.

Stattdessen steht sie jedoch auf dem Dach, zwischen den Stühlen, schlaff und blass, ohne Überzeugung von irgendwas. Ein Bein im Sterben, eins im Weitermachen und dazwischen sie, unfähig zu entscheiden und sich darin zu fühlen.

Erstarrt im Nichtmehraushaltenkönnen.

Eine Qual ist das, das merkt sie schon. Taubheit in Armen und Beinen, ein dumpfes Rauschen in den Ohren, der Blick scheuklappenverengt. „Was soll ich tun“, denkt sie, ohne sich zu fragen. Die Worte reihen sich holpernd aneinander: Was sollich tun, wassoll icht un, wa ssoll i chtun, wassollichtun.

 

Sie kann nicht mehr.

Sie kann nicht mehr,

kann nicht mehr,

kann nicht

mehr.

Sie kann nicht mehr

so sein.

Kann nicht mehr

aushalten,

dass sie

nicht mehr kann.

 

Was wird sein, wenn sie eine andere Stärke entwickelt? Wie viel Kraft soll sie haben und wie viel Kraft darf sie haben?

Wohin geht sie

– und wie weit -,

wenn sie gehen kann,

wenn sie sich entwickeln kann?

 

 

 

 

Knoblauchhelden

Ich stehe im Supermarkt und krame genervt in allen Jacken- und Hosentaschen nach dem Einkaufszettel. Ohne ihn bin ich aufgeschmissen. Er bleibt zunächst verschollen, stattdessen finde ich den Leergutbon vom letzten Mal. Ich hatte vergessen, ihn mit auf´s Band zu legen, weil ich durch die Präsenz pinkfarbener „Mädchen“-Überraschungseier in unserem Warensortiment zu aufgebracht war.

Ich finde den Einkaufszettel tatsächlich nicht und irre wie eine jüngst Gestrandete zwischen Milch, Multivitaminsaft, Damenbinden und dem Akkuschrauberangebot umher. „Es macht keinen Sinn“, denke ich. „Ich werde nur Geld verschwenden, das ich zudem eigentlich gar nicht habe und werde Dinge kaufen, die im wöchentlichen Ernährungsplan ungünstig sind.“

Als ich an den Kaubonbontüten Halt zu finden versuche, kommt mir die hilfreichste Eingebung des Jahrhunderts:

„Plastikvampirgebiss.“

Vor mein inneres Auge schiebt sich die Erinnerung an eine weiße, spitzzähnige Plastik“prothese“, die zu Karneval oder auch außerhalb das kindliche Kostüm eines Achtziger Jahre-Blutsaugers optimierte.

„Ach“, denke ich und dann verändert sich die Eingebung zu einer hörbaren Ansage: „Ich will Vampirzähne haben.“

Ich erkenne hinter diesen Worten in meinem Kopf eine bekannte, 7jährige Innenperson. „Wenn ich so ein Gebiss hätte, könnte ich alle Bösen beißen und dann werden sie auch Vampire und dann kann man sie ganz einfach mit Knoblauch ausrotten. Für immer.“

Ich schüttele irritiert den Kopf, als der Mini-Vampir anschließend fragt, ob wir bitte Knoblauch kaufen können. „Wir essen doch gar keinen!“

„Aber wenn ich das Gebiss kriege, dann brauche ich auch Knoblauch, sonst funktioniert der Plan doch nicht!“ Die Stimme klingt nörgelig und mich nervt das, aber ich ermahne mich, freundlich zu bleiben. Als ich zu einer einfühlsamen Antwort ansetze, fährt mir jemand anderes in die Parade:

„Dein Plan ist Scheiße!“

„Super“, denke ich, „gleich gibt’s Gezeter.“ Und so geschieht es:

„Ist er gaaaaarniiiicht!“, heult der Mini-Vampir auf. Ich verdrehe die Augen und versuche etwas Deeskalierendes:

„Hat jemand Lust auf einen schönen Salat heute Abend?“

Ich ergreife einen in Folie verpackten Eisbergsalat und höre sofort die Nächste, die einwendet, dass wir Plastikmüll doch vermeiden wollen.

Prinz Charming von eben fügt noch hinzu, dass für das Mini-Vampirchen doch wohl Blutkonserven besser wären und lacht sich kaputt. Dann setzt er nach: „Dein Plan ist Scheiße, Spitzzähnchen, weil du dich mit dem Knoblauch selbst mit ausrotten würdest, nicht nur die bösen Anderen. Vampir ist Vampir!“

Es fällt mir wie Schuppen von den Augen, obwohl mir der ganze Plan von Anfang an seltsam vorkam. Meine ich. Also, ich glaube, er wäre mir seltsam vorgekommen, wenn ich ihn gekannt hätte. Den Plan. Und jetzt kapiere ich etwas, das mir im Grunde doch völlig fremd …

„Leg den Salat zurück“, unterbricht Miss Öko nun mein Gedankenchaos und greift an mir vorbei nach einer nicht eingeschweißten Gemüsegurke. Zu allem Überfluss klingelt in diesem Moment unser Handy. Hektisch durchsuche ich alle Jacken- und Hosentaschen und finde statt des Telefons noch mal den Leergutbon und zusätzlich den verschollenen Einkaufszettel. Das Klingeln hört auf, als jemand das Rucksackseitenfach öffnet und ich noch dabei bin, mich über das wiedergefundene Erinnerungspapier zu freuen. Wenige Sekunden später ertönt der SMS-Signalton.

Unsere Lebensgefährtin schreibt: „Bringt bitte Knoblauch mit!“

Mini-Vampirchen lacht sich hinter meinem Rücken ins Fäustchen, Prinz Charming schlendert obercool zur Tiefkühlabteilung und Miss Öko verteidigt mit hartem Griff ihre politisch korrekte Gemüsegurke.

„Ich verstehe mein Leben zwischendurch einfach nicht“, bemerke ich und eine Zuhörerin am Rande beschwichtigt mit großer Weisheit: „Nicht aufregen, nur wundern.“

Irgendwann verlassen wir den Supermarkt mit Backofenpommes, Gemüsegurke und Knoblauch im Rucksack. Der sorgfältig erstellte Einkaufszettel wird unbearbeitet zwischen Regalen vergessen und der Leergutbon steckt wieder uneingelöst in unserer Gesäßtasche.

Vor unserer Haustür krame ich nach dem Schlüssel, als der elektrische Summer ertönt. Unsere Lebensgefährtin erwartet uns schon im Flur. Ihre Augen leuchten verschmitzt und sie presst die Lippen sonderbar zusammen.

Dann entblößt sie feierlich strahlend weiße, tödlich spitze Plastikzähne in ihrem Mund.

Mini-Vampirchen rauscht schnell wie ein Kugelblitz an mir vorbei und fällt ihrer Freundin um den Hals: „Wo hast du die denn her?“ Es folgen die Übergabe eines zweiten Gebisses an die Kleine und eine Fachsimpelei über irgendeinen Tante Emma-Laden (so etwas gibt’s heutzutage noch?) und erfolglose Ebay-Recherche, die mir überhaupt nichts sagt. Ich frage mich, wer mit wem eigentlich wann im Außen über was spricht. Und ob ich grundsätzlich die Letzte in der Informationskette bin.

„Habt Ihr an den Knoblauch gedacht?“ Der große Vampir grinst uns an und der kleine Vampir hält das stinkende Zeug triumphierend in die Höhe. „Euer Plan ist Scheiße!“, fängt Prinz Charming wieder an, wird aber vom großen Vampir unterbrochen: „Quatsch! Der Plan ist super! Uns kann nichts passieren, ich hab zwei undurchdringliche Heldenumhänge besorgt, die schützen uns vor allem!“ Aus dem Dielenschrank werden zwei als gewöhnliche Stoffreste getarnte Heldenumhänge gezaubert und ein Schlachtruf ertönt: „Wir machen die Bösen fertig!“

Irgendwann abends knabbere ich erschöpft an einem wässrigen Stück Gemüsegurke. Es ist erstaunlicherweise ruhig geworden im Kopf. Meine Liebste lächelt mich zufrieden an. „Morgen gehe ich einkaufen!“, sagt sie, „Der Kühlschrank ist leer.“

„Ach, sorge dich nicht!“, ich tätschle ihre Wange, „Wir haben doch noch Knoblauch im Haus! Was man damit alles machen kann!“ Ich grinse und sie grinst zurück.

„Wenn ich das alles mal aufschreibe, was hier so alltäglich los ist in diesem verrückten Haushalt, das glaubt uns kein Mensch!“, seufze ich.

„Nee, das glaubt uns keiner …“, schmunzelt die große Vampirin und zeigt mir noch mal ihre wunderschönen Zähne.