Bindung, mit und ohne.

Heute, am Nachmittag:

Ein Baby beobachten: Es macht verschiedene Geräusche, leise und laute. Es bewegt sich, mal zappelig, mal ruhiger. Es reagiert auf zu warm, zu kalt, zu schnell, zu viel, zu wenig. Es schläft, trinkt, schaut, greift, dreht und streckt sich. Es ist lebendig und da und entspannt und angestrengt.

Eine Mutter beobachten: Sie antwortet mit verschiedenen Geräuschen und Worten. Sie hält und stützt und schaukelt und klopft und wiegt. Sie wärmt und stillt und säubert. Sie schaut hin und hört und fühlt und tastet. Sie ist aufmerksam. Sie ist berührt und liebevoll und müde und zuverlässig.

Eine Bindung beobachten: Das Baby kann nur überleben und wachsen, wenn die Mutter es versorgt und beschützt. Bedingungslose Liebe. Sich spiegeln. Mimik, Gestik, Rhythmus, Stimmung: Ein Ineinanderfließen. Keine Aggression. Keine Ignoranz. Keine Isolation. Stattdessen Zuwendung, Sicherheit und Selbstverständlichkeit. „Die Geburt war unfassbar schmerzhaft“, sagt die Mutter und küsst das Baby voller Zärtlichkeit auf die Stirn. Hingabe.

Ein Trauma beobachten:

Was, wenn all das fehlt?

Ein Baby, mit sich allein. Ein kleiner Körper ohne Halt. Selbstregulation ohne Selbst?

Eine Mutter. Eine Gebärende. Eine Frau. Hilflos, ratlos, gefühllos?

Zwei Lebewesen, keine Bindung.

Schuld, Scham, Angst, Verzweiflung, Überforderung, Leere, Einsamkeit.

Zwei Generationen, ein Thema?

Eine Veränderung beobachten:

Groß werden. Fühler ausstrecken. Nähe suchen und entdecken. Hoffnung, auch wenn sie weh tut.

Erkennen, dass es einen Mangel gab und gibt. Wunden und Narben wahrnehmen. Manches verheilte, manches nicht. Schmerz bleibt. Es ist nicht dein Versagen!

Dieses Loch wahrnehmen, die leere Stelle, das fehlende Stück vom Ich. Jenen Raum, der sich nicht wieder auffüllen lässt. Trauer zulassen.

Menschen begegnen. Vielleicht auch nur einem einzigen, der bleibt und berührt. Liebevoll und zuverlässig.

Verlassenwerden einkalkulieren, aber nicht herausfordern. Vertrauen erlauben, statt Ängste füttern.

Eigenen Lebenswert und unbändige Herzsehnsucht anerkennen. Etwas nachholen wollen. Sich erlauben, „anders“ und andere(s) zu brauchen. Ausprobieren, liebevoll mit sich zu sein und dabei Unterstützung und Begleitung annehmen. Sich wehren gegen Schuldzuweisungen. Wissen, dass nichts von nichts kommt.

Heute, am Abend:

Mich selbst beobachten.

 

Deprivation

Gib mir ein Wort, bitte gib mir doch bitte irgendein Wort. Es ist egal, welches.

Bitte, nur eine menschliche Stimme außerhalb meines eigenen Kopfes. Ist das möglich? Bitte, bitte sei doch da und rede irgendwas. Irgendwas. Ich will hören. Ich kann nicht mehr sein, wenn es so grauenhaft still bleibt.

Sie bettelt stumm um Ankommendürfen irgendwo. Völlig egal, wo. Nur nicht mehr im Nichts sein. Lieber irgendwo aufprallen, hart aufschlagen auf dem Boden der Tatsachen. Wenn es weh tut, ist immerhin etwas zu fühlen. Besser als dumpfwattig zu sein. In jedem Fall besser.

Bist du da? Wo bist du denn? Ich sehe nicht mal mehr schwarz. Ich bin verschluckt. Mein Blick ist in etwas versunken, das keine Sprache hat.

Keine Beschreibung eines Zustandes ist möglich, keine Farben und Formen. Nur noch Organismus sein, der automatisiert weiterlebt, obwohl etwas bereits gestorben ist.

Ich wünschte, ich könnte mich kratzen. Könnte in die Hände klatschen oder wenigstens irgendwo gegentippen. Aber ich habe den Kontakt zu meinen Händen schon lange verloren. Ich weiß gar nicht, ob sie sich überhaupt noch an mir befinden. Liege oder sitze ich? Hänge ich? Schlafe ich? Bin ich lebendig?

Zwischen den Dämonen, die ihren Kopf von innen nach außen krempeln- oder umgekehrt, wer weiß das schon- explodieren Lichtpunkte und rasen manisch unter der Schädeldecke hin und her. Sie werden kreischend aus ihren Hautschichten herausbrechen. Aber das bleibt unsichtbar.Vorerst.

Sieht mich jemand? Ich bin ganz allein. Aber um mich herum brüllt es laut. Habe ich mich eingenässt? Bin ich ein Mädchen oder ein Junge? Bin ich ein Kind? Bin ich ein Mensch? Bin ich?

Wenn sie und ich das hier überleben, wird all das später noch mal wiederkommen. Ich werde dafür sorgen, dass es mitgeteilt werden kann.

Ist das Feuchtigkeit um mich herum oder brenne ich? Gehört dieser Kopf überhaupt zu mir oder ist das gar kein Kopf? Was ist es dann? Sind das Worte oder Gedanken oder Träume? Wo ist das Paradies, wenn man es braucht?

Die verrücktrasenden Lichtpunkte holen die Wachheit ab, spielen damit Pingpong und verpacken sie anschließend in Klarsichtfolie. Der Wahnsinn kommt und verabschiedet den letzten blinkenden Funken Realitätssinn. Sie ist jetzt bereit für alles.

Sie ist nur noch Körperhülle, auf das Wesentliche reduziert. Atmen und Herzschlag. Mehr nicht.

Wenn sie sich noch wahrnehmen könnte, würde sie bemerken, dass über ihren Ohren schalldichte Kopfhörer sitzen. Dass sie mit auf dem Rücken gefesselten Händen am Steinboden kniet. Dass ihre Augen blickdicht verbunden sind und ihr Mund verstopft wurde. Dass Außenreize von ihr ferngehalten werden.

Wenn sie könnte, würde sie schreien, um zu hören, dass ihre Stimme noch funktioniert. Sie würde um sich schlagen, ihre Augen befreien und sehen, sehen, sehen, wo sie ist, wo das Licht scheint, wo es hinausgehen könnte, aus diesem Loch. Aus dieser Hölle, in der Nichts das Schlimmste ist, was passieren kann.

Aber sie kann all das nicht.

Deshalb komme ich zu ihr.

Als Zeuge, der ihr später bestätigen kann, dass sie wirklich existiert.

Trauma und Erinnerungen

„Den Schreck dieses Augenblicks werde ich nie vergessen“, fuhr der König fort.
„Du wirst ihn vergessen“, sagte die Königin, „es sei denn, du errichtest ihm ein Denkmal.“

(aus: „Alice im Wunderland“ von Lewis Carroll)

Im Umgang mit traumatischen Erinnerungen kann es unterschiedliche Impulse im Innern geben: Zum Beispiel die des Vermeidens und die des Erinnern-Wollens.

Einzelne Persönlichkeiten können auf ihre Weise zu beiden Impulsen beitragen. Vielleicht geht es um Schutz vor Überflutung, um Angst vor dem Schmerz, um Aufrechterhaltung einer Stabilität, um Festklammern am Abgrund.

Und vielleicht ist da gleichzeitig der Wunsch, etwas verstehen und begreifen zu wollen, etwas zu sortieren und zu klären, die gemeinsame Biographie genauer zu beleuchten.

Wie lassen sich die beiden Impulse unter einen Hut bringen? Gar nicht? Geht es eventuell nur darum, beide als existent anzuerkennen und nebeneinander stehenzulassen? Wie kann es weitergehen, wenn es im Innern so sehr schwankt zwischen Weg- und Hinschauen, Verschleiern und Auflösen? Sind diese Ambivalenzen vielleicht sogar sehr hilfreich, weil sie ein Pendeln ermöglichen zwischen Konfrontation und Beruhigung/Erholung?

Die Erinnerungen an Traumata können lange phobisch besetzt sein. Zerstückelte Fragmente, zerrissene Wahrnehmungen; nichts, was irgendwie in einen verstehbaren Kontext gebracht werden kann. Es erwischt dich von jetzt auf gleich, reißt dich mit, frisst dich und kotzt dich dann wieder aus. Ziemlich logisch, dass man solche Erinnerungsmomente vermeiden will.

Erinnerungen an Traumata können aber auch sehr wertvoll und heilsam sein. Dann, wenn sich die quälende Amnesie auflöst und sich im Innern verteilte Stückchen zusammensetzen. Wenn sich ein Rahmen um das Ganze bildet, die Vergangenheit zu einem Teil des „Ich´s“ wird und somit keine „Nebelzeit“ mehr bleiben muss.

Die Gefühle können oftmals der Knackpunkt sein. Da entscheidet sich häufig, ob etwas oder jemand wieder innerlich wegbricht, oder ob der Prozess weitergehen kann.

Darf der Schmerz von damals heute (noch mal) kommen und wahrgenommen werden? Darf der Unterschied erkannt werden zwischen gestern und heute? Dürfen die alten Gefühle sich jetzt verändern?

War früher eigentlich überhaupt jemals Schmerz da? Oder gab es nur den Moment des traumatischen Entsetzens und gleich darauf die rettende Dissoziation? Was wird heute gefühlt, wenn man sich an früher erinnert? Ist es okay, auf emotionale Spurensuche zu gehen und behutsam hinzufühlen, was sich im Innern regt?

Werden Gefühle innerlich bewertet? Ist etwas erlaubt oder verboten, falsch oder richtig, angemessen oder unangemessen, lächerlich, überflüssig, sinnlos, kindisch, übertrieben, o.a.? Wer äußert sich wie dazu? Tragen einzelne Persönlichkeiten „die volle Ladung“? Dürfen sie sich erleichtern (lassen)? Was ist, wenn Emotionen eine „gemeinsame Angelegenheit“ werden?

Wie geht man mit neu erinnerten Aspekten um? Was ist, wenn sich ein Rätsel lösen lässt? Gibt es Fragen, die besser (noch) nicht beantwortet werden sollten? Wer beeinflusst auf welche Weise das Timing?

Wie viel Erinnerungsnachweh darf im Alltag Platz haben? Ist Erschöpfung gestattet? Bekommt auch der Körper Unterstützung, wenn er sich auf seine Art erinnert?

Wie können Gefühle einen Weg nach außen finden? Sind Tränen okay? Wohin mit der Wut? Was ist, wenn Worte fehlen? Stockt es genau dort, wo es kein Ventil gibt? Unterbricht der Prozess an der Stelle, wo man (sich) wieder alleine mit all dem ist/fühlt?

Hindurchquälen. Die Zähne zusammenbeißen. Augen zu und durch. Tapfer sein. Lächeln. Aufrecht stehenbleiben. Weitergehen. Sich nichts anmerken lassen.“ Wo wird nach alten Überzeugungen und Konditionierungen gehandelt? Wird das als Selbstverletzung erkannt? Lohnt sich die ganze Traumakonfrontation (der Blick auf das, was war), wenn im Verlauf immer wieder alte Mechanismen greifen und man letztlich im Sumpf steckenbleibt? Ist das Ziel der Arbeit Erleichterung oder Verhärtung?

So viele Fragen.

So großartig, wenn man damit nicht alleine bleiben muss.

 

 

… und weil es so ein großer, wütender Stinkefinger Richtung Täterorganisation ist (nein, es ist nicht EUER Märchen!), noch ein weiteres, zurückerobertes Zitat:

(Alice:) „Würdest du mir bitte sagen, wie ich von hier aus weitergehen soll?“
„Das hängt zum großen Teil davon ab, wohin du möchtest“, sagte die Katze.

(s.o.)

 

 

 

 

(in) dein Leben finden

Was bist du, wenn du nicht mehr Eigentum bist?

Wer bist du, wenn du niemandem gehörst oder folgst?

Wo bist du, wenn du nicht mehr im Gestern und noch nicht im Heute bist?

Warum bist du, wenn du deine alte Aufgabe nicht mehr erfüllst und keine Bedeutung zu haben scheinst?

Wohin gehst du, wenn das Zurück unter Lawinen begraben liegt, dein enges Blickfeld kein Nebenan zulässt und ein Voraus in den Nebel führt?

Wie lange bleibst du, außerhalb der tickenden Uhr, innerhalb des erlaubten Rahmens, zwischendrin in den verschiedenen Zeitzonen?

Wie weit gehst du, im Leben, im Warten, im Wissen, im Vergessen, im Fühlen, im Denken, im Bewegen, im Hoffen?

Wie nah wagst du dich an Neues, das allein im Durchdenken schon zum stückweisen Sterben führt, jenseits von Mut, Kraft und Verstand?

Du schaust aus dem Fenster. Es wird früh dunkel.

Dein Leben geht weiter!