Vergebung oder was?

Bei unserer gestrigen Lesung ist zum ersten Mal in unseren sieben Jahren Öffentlichkeitsarbeit etwas passiert, was uns tiefgreifender triggerte, so dass wir am Abend und in der Nacht noch Schwierigkeiten damit hatten. Es war nur ein winzigkleiner, belastender Teil einer ansonsten total positiv bewegenden, energiereichen und lebendigen Veranstaltung. Wir wissen, dass der Triggerkontext auch wieder in uns verblassen wird und das „Schöne“ bleiben wird.

Was geschah: Während der Gesprächs-/Austauschrunde meldete sich ein Mann, der zunächst etwas zusammenhanglos über persönliche Erfahrungen sprach. Dann kam er zum Thema „Vergebung“ und sagte, Gewalt geschehe ja auch unbewusst, man MÜSSE vergeben, ohne Vergebung ginge es nicht. Daraufhin entstand ablehnendes Gemurmel unter den anderen Gästen und ich antwortete: „Das sehe ich nicht so, dass man vergeben MUSS. Es ist ein ganz individueller Umgang, den jeder Mensch für sich selbst finden und entscheiden kann.“ Der Mann wiederholte noch weiter seine Ansicht, bis sein Redefluss auch von außen gestoppt wurde.

Bei jeder öffentlichen Veranstaltung rechnen wir damit, dass es Begegnungen und Kommentare geben kann, die uns verunsichern, stressen oder auch triggern. Glücklicherweise haben wir bei unserer Arbeit bisher noch nie heftigeren Gegenwind erlebt oder gezielte Strörungen aus Täterzusammenhängen wahrgenommen.

Gestern kam also dieser Kommentar, der uns bis jetzt weiter beschäftigt und auch emotional gepackt hat. Das kann passieren, wir sind ja fühlende Wesen. Wir denken darüber nach, ob es anderen Menschengewalttraumatisierten wohl auch so ergeht oder ergangen ist, dass man ihnen gesagt (vorgeschrieben) hat: „Du musst vergeben.“? Im kirchlichen Kontext, in der Therapie, im Freundeskreis- irgendwie überall kann so eine Haltung vielleicht spürbar werden, denke ich.

Den Tätern*innen zu vergeben kann ein Weg des Loslassens sein- ich kann mir schon vorstellen, dass für manche so ein Umgang heilsam ist. Solange er nicht die Überschrift „Du musst!“ trägt.

Für uns ist es hilfreich, Hintergründe zu verstehen. Zu hinterfragen und zu überlegen, weshalb manche unserer Täter*innen handelten, wie sie handelten- welche eigene (Gewalt-)Biographie dahinterstecken könnte. Wir setzen uns damit nicht in ent-schuldigender Form auseinander, sondern in „auflösender“: Wenn wir Zusammenhänge besser verstehen, sie eine eigene Logik bekommen, entsteht in uns eine Art Frieden oder innere Ruhe.

Vergebung ist für uns etwas, das weniger im Kontakt mit äußeren Personen abläuft, sondern mehr in uns selbst und in einzelnen Verbindungen in unserem System. Die Schuld, die wir fühlen in Bezug auf eigene Gewaltausübung (innerhalb der Gruppierung), braucht „Vergebung“ durch uns selbst- sofern wir die Wikipedia-Definition zugrundelegen:

Vergebung bezeichnet ein bestimmtes Handeln von Personen, mit dem auf ein Fehlverhalten reagiert wird. Es gibt keine allgemein anerkannte Definition. Unbestrittene Elemente von Vergebung sind, dass eine Person jemanden als verantwortlich für ein schädigendes Verhalten ansieht und gleichzeitig ungezwungen und aus freien Stücken von sämtlichen Vorwürfen und Ansprüchen zurücktritt. Strittig ist unter anderem, ob für Vergebung die Reue der als verantwortlich angesehenen Person notwendig ist, ob Vergebung sich notwendig auf Schuld bezieht und ob emotionale Veränderungen konstitutiver Teil von Vergebungsprozessen sind.“

Der Punkt der „Verantwortung für ein schädigendes Verhalten“ ist manchmal strittig, wenn wir mit anderen Menschen über „Schuld“ im organisierten Täterkreis sprechen: Oft hören wir, unsere Schuldgefühle seien irgendwie „unpassend“ oder „unstimmig“, denn die ursprüngliche Verantwortung läge ja bei den Tätern*innen, die uns unter Zwang und Folter so geprägt haben, dass wir selbst Gewalt ausübten. Hilfreich oder tröstlich sind solche Argumentationen für uns nicht, verstehen können wir sie schon.

Nicht immer standen wir unmittelbar unter Zwang und Bedrohung einer oder mehrerer Außenperson_en. Nicht immer ging es um Leben und Tod („Du oder ich“). Nicht immer hatten wir eine Waffe im Nacken oder standen unter Drogen/Medikamenten. Manchmal übten wir Gewalt einfach aus, weil wir es konnten. Genau wie andere Täter*innen auch.

Wenn wir bereit sind, in Bezug auf die Gründe und Logik der Außentätermenschen nachzudenken, dann haben wir es auch verdient, uns dieselbe Mühe mit uns selbst zu geben! Warum sollten wir da Unterschiede machen und mit uns härter ins Gericht gehen als mit Außenpersonen?

Schuld, Verantwortung, Ursache-Wirkung, Erklärungen, Ohnmacht, Spaltung in Gut und Böse / Opfer und Täter*in, Entschuldigung, Vergebung, Hass, Rache, konstruktive Veränderungen… so wichtige, harte, emotionale Aspekte in der „Biographiearbeit“- und so individuell verschieden, wie Menschen eben verschieden sind.

Ein „Du musst!“ hat nirgendwo etwas zu suchen.

 

 

vor der Lesung

Sturm, Überschwemmung, Schnee, Gewitterblitz, Sonnenschein.

Schnupfen, Fieber, Pfützensprung.

Malen, schlafen, essen, singen, anleiten.

Gruppen, Job, Freizeit, Pflicht.

Todesfall, Geburt.

Und das alles innerhalb der letzten 4 Tage.

Ich würde sagen: Gut auf Sonntag vorbereitet.

DSC_0069
©PaulaRabe

Viele kleine Leute… und Expertise.

Wir hatten einen interessanten, zukunftsweisenden Vormittag. Und jetzt werden wir hier darüber erzählen und uns dabei innovativ, erwachsen und handlungsfähig fühlen. Und er wird wieder auftauchen, unser Stinkefinger Richtung Täter*innen(kreis) (und -lobby)- diesmal aber nicht wütend, sondern gut gelaunt und herrlich gelassen.

Wir sind nun Teil eines kleinen, feinen Teams, das ein Konzept und Öffentlichkeitsarbeit zur Beratung und Begleitung von DIS-Klientinnen in einer Frauenberatungsstelle (weiter-)entwickeln wird. Die Institution ist bereits in dem Themenbereich (auch rituelle/organisierte Gewalt) aktiv, möchte aber auf einer stabilen, fachlich kompetenten Basis (und möglichst gut vernetzt) weiter „wachsen“- und hat uns gefragt, ob wir mit unserer „Betroffenen-Expertise“ unterstützen können/wollen.

Heute Vormittag haben wir uns erstmals offiziell zu diesem Projekt getroffen. Und während wir uns zum Einen über die entgegengebrachte Wertschätzung freuten, dachten wir zum Anderen, dass wir unbedingt im Blog darüber schreiben wollen. Vor allem deshalb, weil wir andere Institutionen so gern ermutigen möchten, Ähnliches auszuprobieren!

Es gibt so viele hochengagierte Sozialarbeiter*innen/-pädagogen*innen, die sich in verschiedensten Kontexten dafür einsetzen, Menschen mit DIS das Leben mit Traumafolgen etwas zu erleichtern. Sie sitzen in Beratungsstellen, ambulanten Einrichtungen, Notrufen, Tageszentren, Kliniken, Jugendzentren, usw.- und oftmals arbeiten sie über die honorierten Stunden hinaus, müssen immer wieder auf´s Neue dafür kämpfen, dass die Institution finanziell weiter existieren kann, u.a. Sie bemühen sich darum, ihr Fachwissen durch Fortbildungen zu erweitern, und- was wir persönlich als besonders wertvoll empfinden- sie sind bereit, sich auf eine Beziehung und Bindung einzulassen.

Wie oft sind solche Sozialarbeiter*innen Einzelkämpfer*innen in ihrer Einrichtung, wie oft müssen sie sich dafür rechtfertigen, wenn sie sich für eine*n Klienten*in einsetzen, wie oft ist Vernetzung schwer oder zu zeitaufwändig… Wenn man nicht mit Herz bei der Sache ist, gibt man sie schnell wieder auf. Und wenn man sich zu sehr reinhängt, brennt man früher oder später aus.

Gerade Beratungsstellen, die üblicherweise schnell einen Termin anbieten können und häufig als Not-Anker in Therapiepausen oder während der Therapiesuche fungieren (oder auch für längere Zeit ein fester Ort bleiben, weil einfach kein Therapieplatz gefunden wird oder weil es mit der/dem Berater*in einfach „passt“)- gerade solche Orte brauchen unserer Meinung nach eine stabile Basis und standfeste „Säulen“. Es geht nicht darum, einfach eine Anlaufstelle zu sein. Es geht darum, die Qualität der Unterstützung zu sichern und das, was man tut, gern, gut und gesund zu tun.

Wir finden es großartig, dass die genannte Frauenberatungsstelle die besondere Chance erkannt hat, die die Mitarbeit von „Betroffenen“ (generell, nicht speziell auf uns bezogen!) bieten kann. Seit 2013 engagieren wir uns in der Öffentlichkeitsarbeit und nicht immer hatten wir den Eindruck, dass beruflich Helfende auf Augenhöhe mit uns (oder anderen Betroffenen) sein wollen/können. Manchmal kam es uns so vor, dass man uns „trotz allem“ akzeptierte. Jetzt erleben wir, dass man uns „gerade weil“ wertschätzt: Unsere persönliche Erfahrung ist das, was uns vor allem für diese Arbeit qualifiziert- neben sozialpädagogischen Basics aus der Vergangenheit, die aber nicht zwingend nötig wären. Naja, kann sein, dass man uns nebenbei einfach auch ganz nett findet. ;-)

Wir würden uns so wünschen, dass diese Form der Gemeinschaftlichkeit an vielen Orten ausprobiert werden würde- mit dem Ziel, zusammen die Unterstützung von gewalttraumatisierten Menschen weiter zu optimieren und die Helfer*innen zu verbinden.

Es gibt ja bereits Projekte wie z.B. „Ex-In“, bei denen Menschen mit einem bestimmten Erfahrungs-/Erlebenswissen als Experten*innen in verschiedenen Institutionen arbeiten (z.B. Peer-Beratung). Im Bereich der Begleitung Gewalttraumatisierter kommt das meines Wissens nach noch nicht so häufig vor. Und ich denke, man muss auch nicht „Überlebens-Superhero“ (das sind wir nämlich zum Glück auch nicht!) sein, um in dem Feld aktiv zu sein – nach dem Motto: „Viele kleine Leute in vielen kleinen Orten, die viele kleine Dinge tun, können das Gesicht der Welt verändern.“

Für uns und für die Beratungsstelle kann dieses Projekt jetzt eine win-win-Situation sein: Ich hoffe, wir können gut bestärken und zum Teil ein bisschen entlasten, ermutigen, anregen… Uns unterstützt die Arbeit dort in der Haltung, aus der Gewaltbiographie heraus etwas Heilsames, Gesundes entwickelt zu haben, das anderen Menschen auch etwas bringen kann. Wir wissen zudem, dass der Täter*innenkreis es hassen würde, was wir da tun- und das freut uns sehr (hier ist er, der Stinkefinger!). Wir haben uns nicht dort hinbewegt, wo sie uns haben wollten (weder persönlich, noch beruflich) und wir lassen es nicht zu, dass die Macht der (immer noch stattfindenden) Gewalt uns (und andere) vollkommen lähmt und zermürbt. Wir tun etwas, das sich wirklich zutiefst sinnvoll anfühlt- und das stellt die größtmögliche Distanz zu unserer Herkunft her.

Und noch ein wichtiger Gewinn:

Es tröstet auch uns, wenn wir daran mitwirken, dass es einen vertrauenswürdigen Ort gibt, an dem Menschen mit DIS sein können- auch wenn wir dort nicht selbst „andocken“.

Ja, das hat etwas sehr Herzerwärmendes und Schönes.

Erinnerung, Aussage und Vergessen

Vor einem Monat wurde unsere Lebensgefährtin Zeugin eines Vorfalls, bei dem ein Hund einen anderen Menschen gebissen hatte.

Jetzt soll sie dazu eine schriftliche Zeugenaussage formulieren. Wir versuchen zusammen, die noch klar erinnerlichen Fakten geordnet zu Papier zu bringen: „Was hast du wann gesehen, gehört, gedacht? Wer hat wann was getan? Was hast du konkret beobachtet und was war Interpretation? War der Hund die ganze Zeit unangeleint?“

Ich kann merken, dass unsere Lebensgefährtin immer mehr in Spannung und Druck gerät, je länger wir uns mit dem Vorfall beschäftigen. Nicht, weil das Geschehen an sich für sie heute noch belastend wäre, sondern weil die Aufgabe, „als Zeugin die Wahrheit klar zu erinnern und zu sagen“ sie immer mehr stresst. Ihre Erinnerung ist zwar abrufbar, aber längst nicht mehr so genau und detailliert, wie vor einem Monat (direkt danach). Und auf dem Formular des Ordnungsamtes stehen Fragen, von denen sie heute manche wahrheitsgemäß mit „Das weiß ich jetzt nicht mehr.“ beantworten muss.

Ich kann den Stress verstehen, den sie jetzt erlebt. Sie will es „richtig“ machen.

Und dann erinnere ich mich:

An die Vernehmungen im Rahmen unserer Strafanzeige. An die vielen Stunden, in denen unsere Erinnerungen von der Polizei immer wieder auf´s Neue seziert, abgefragt, hinterfragt, ausgeleuchtet, verdreht wurden. An die innere Hochspannung, wenn Details nicht mehr genau berichtet werden konnten. Details, die zum Teil 20 oder 30 Jahre zurücklagen.

„Wo im Raum haben Sie sich befunden? Beschreiben Sie den Raum. Waren Sie allein? Wer war noch dabei? Wie viele Menschen waren anwesend? Beschreiben Sie diese Menschen. Wie waren die Lichtverhältnisse? Wie alt waren Sie? Erinnern Sie sich an das Datum, die Uhrzeit, die Jahreszeit, das Jahr? Wie sind Sie dort hingekommen? In welchem Gebäude befindet sich der Raum? Wie haben Sie das Gebäude betreten? Wie sah die Tür aus? Haben Sie sie selbst geöffnet? Wer hat sie geöffnet? Womit? Ging die Tür nach innen oder nach außen auf? Was ist in dem Raum passiert? Was war zuerst? Wer hat was gemacht? Wurde gesprochen? Wurde zuerst gesprochen oder zuerst gehandelt? (…)“

Ich erinnere mich an die tiefgreifende Verzweiflung, die uns während der Vernehmungen und danach packte: „Wir haben Lücken, wo keine sein dürfen. Wir können es nicht richtig machen. Wir sind selbst Schuld, wenn die Polizei mit unseren Aussagen nichts anfangen kann. Wir sind einfach nicht in der Lage, uns korrekt zu erinnern.“

Heute weiß ich, wie „normal“ unsere Gedächtnisstruktur war und ist. Heute erlebe ich, dass auch eine nicht dissoziativ strukturierte Person wie unsere Lebensgefährtin Schwierigkeiten damit hat, einzelne Aspekte eines vergangenen Geschehens wieder eins zu eins zu reproduzieren. Eines Geschehens, das keine 20 oder 30 Jahre zurückliegt, sondern lediglich einen Monat.

Hier und heute denke ich, dass es einfach viel zu viel zu viel verlangt war, damals. Wir haben zu früh Strafanzeige erstattet, wären heute anders in der Lage, sortiert und klar über unsere Gewalterfahrungen zu sprechen und den hohen Stress der Vernehmungen und Untersuchungen besser auszuhalten und zu kompensieren.

Außerdem wären wir jetzt selbstsicherer, wenn die Polizeibeamten ihren Job, Aussagen genau zu überprüfen, ohne wenn und aber umsetzen würden. Wir würden uns für kein „ich weiß nicht mehr“ schämen. Und wir würden darauf bestehen, dass sie sich mit dem Mechanismus der Dissoziation (speziell der strukturellen Dissoziation!) fachlich auseinandersetzen, noch bevor sie uns die erste Frage zu Gewaltdetails stellen!