Frau Schmidt für Opti- und Pessimisten

Seit einiger Zeit probierte Frau Schmidt

auf jede erdenkliche Art Suizid:

Erhängen, ertrinken, vergiften und springen-

nichts davon konnte ihr gut gelingen.

 

Den Strick wollt´ sie knüpfen mit eigener Hand,

aber nutzte dafür viel zu mickriges Band.

Beim Versuch, sich zu hängen, war´s schnell gerissen,

der Aufprall am Boden war einfach beschissen.

 

Sie vertagte den Galgen auf ein anderes Mal,

der Versuch zu ertrinken wurde Mittel der Wahl.

Sie stieg in die Wanne, das Wasser war kalt,

und verlor dann beim Abtauchen jeglichen Halt.

Vom Halswirbel wurd´diesmal ihr Schicksal gelenkt:

Er wurde beim Wegrutschen heftig verrenkt.

 

Eine Halskrause war schließlich das doofe Ergebnis,

von diesem so peinlichen Unterwassererlebnis.

Frau Schmidt war frustriert und dachte daran,

wie sterben ganz sicher gelingen kann.

 

Sie griff zur Chemie und nahm Tabletten,

doch auch hier würde ihr was das Leben retten.

Sie hatte diverse Pillen geschluckt

und alle dann würgend ins Klo gespuckt.

Es war die Milch, währenddessen getrunken,

die hatte schon etwas sauer gestunken.

 

Frau Schmidt dachte schließlich: “Das kann doch nicht sein-

hier kriegt mich am Ende die Technik klein?!

Ich versuch´s auf den Schienen, das wird ja wohl geh´n,

kein Mensch kann so einen Crash übersteh´n!”

 

Sie legte sich schließlich in tiefschwarzer Nacht

auf die Gleise und wartete, dass es kracht.

Der Zug jedoch kam einfach nicht an,

Frau Schmidt grübelte, wie das sein kann?

Am Morgen war´s dann in der Zeitung zu lesen:

Ein Selbstmörder vor ihr war schneller gewesen.

Die Strecke gesperrt, der Zug ausgefallen-

Frau Schmidt ließ den Kopf auf die Tischplatte knallen.

 

Ein letzter Versuch, den wollte sie wagen,

das Scheitern beim Sterben war ja nicht zu ertragen.

Sie suchte ein Hochhaus, die 10. Etage,

und hoffte auf keine erneute Blamage.

Nun stand sie am Fenster und starrte hinaus,

die Höhe war ihr nun wirklich ein Graus.

Aber scheitern, das wollte sie wirklich nicht mehr,

ein erfolgreicher Suizid musste her.

 

Doch was zeigte das Schicksal ihr diesmal konkret:

Es nützt nichts, wenn man den Fenstergriff dreht!

Hier war alles auch noch x-fach verschraubt-

Frau Schmidt hatte erfolglos an den Absprung geglaubt.

 

“Jetzt ist wohl wirklich der Zeitpunkt gekommen”

dachte Frau Schmidt schlussendlich beklommen

“dass ich es kapiere und endlich versteh:

es ist nicht genehmigt, dass ich jetzt so geh!

Ich mach erst mal Pause mit all dem Gemorde,

ich glaub mich beschützt eine Schutzengelhorde!

Ich hab keine Chance- sie sind schlauer als ich.

Sie zeigen mir täglich: Gestorben wird nich´!”

 

(An dieser Stelle im Erzählverlauf

hören die Optimisten bitte zu lesen auf-

die Pessimisten bekommen ihr eigenes Ende-

es gibt für Frau Schmidt eine tragische Wende:)

 

In dieser Nacht, als Frau Schmidt sich besann,

rauschte in ihr ein Schlag heran.

Der Tod erfasste sie schließlich im Schlaf,

als die Schutzengelhorde zum Plausch sich traf.

Überrascht hat Frau Schmidt beim Sterben geblickt:

“Du wirst auch zum Schluss noch vom Leben gefickt!”

Multi-Blume

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©GeteilteAnsichten

(zusammengefügt aus Blütenblättern von Kapuzinerkresse, Ringelblumen, Rosen, Gänseblümchen, Hibiskus, Kornblumen, Sonnenblumen, u.a.)

 

öffentlich beschämt

Am Bahnhof.

Bahnsteig. Drei Bänke. Menschen. Ein Zug steht bereit. Der Lokführer guckt aus dem Fenster und wartet auf den Abfahrtzeitpunkt.

Auf der mittleren Bank sitzt ein Mann.

Im Augenwinkel sehe ich eine Bewegung. Er hat beide Hände in seinem Schoß. Sie bewegen sich auf und ab. Ich bin irritiert, schaue wieder weg. Das kann doch nicht sein?

Die anderen Leute gegenüber und nebenan reden, sind beschäftigt. Auch ihre Blicke gehen immer mal wieder zu dem Mann auf der Bank. Keiner sagt oder tut etwas.

Ich schaue noch mal hin. Jetzt wird es ganz deutlich. Ich sehe, was er tut. Der Reißverschluss seiner Hose ist offen und man erkennt sein Geschlecht. Er onaniert. Ganz offen, mitten auf einem belebten Bahnsteig.

Keiner hindert ihn? Findet hier kollektive Ignoranz statt, oder kollektives Beschämtsein? Eine Gruppe Jugendlicher sitzt in der Nähe und lacht.

Ich gehe zum Lokführer. Berichte ihm, was passiert. Er schaut noch mal aus seinem Fenster und betrachtet den Mann auf der Bank. Dann schüttelt er angeekelt den Kopf und ruft per Funk die Bundespolizei.

Ich stehe unschlüssig auf dem Bahnsteig.

Was wäre normal in dieser Situation? Den Mann ansprechen? Laut rufen? Die Situation aufdecken? „Hallo an alle Leute hier auf dem Bahnsteig und auf dem gegenüber! Der Mann da onaniert ganz offen! Das ist sexuelle Belästigung! Wieso hält ihn keiner davon ab? Bin ich die Einzige, die sich daran stört?“

Normal. Ist das etwa alles so „normal“? Was, wenn es kein Mann, sondern eine Frau wäre, die sich offen so verhält? Was, wenn eine Gruppe Kinder auf diesem Bahnsteig unterwegs wäre?

Der Mann macht weiter und ich warte auf irgendwas. Mir ist nach Brüllen, aber ich habe Angst vor Peinlichkeit. Am Ende ist man selbst der Arsch. Die Überempfindliche. „Guck halt nicht hin!“. Genau so funktioniert das, genau so.

Kurze Zeit später kommen zwei Polizeibeamte in voller Schutzmontur auf den Bahnsteig.

Ich will weg. Mir ist schlecht.

Im Augenwinkel sehe ich die beiden Polizisten auf den Mann auf der Bank zugehen.

Die anderen Leute blende ich aus.

Ich will weg.

Hätte der Typ einen verdächtig aussehenden Koffer oder einen laut tickenden Wecker dabei gehabt, wäre er wohl schon längst abtransportiert worden.

Aber auf einen kleinen Wichser achtet keiner.

Ist ja alltäglicher

Terrorismus.

Trauma und Yoga

Hier möchten wir (mehrere Innenpersonen aus unserem Persönlichkeitensystem) unsere Yoga-Erfahrungen besonders im Zusammenhang mit Traumaheilung näher schildern.

Aufmerksamkeit/Bewusstheit:

Yoga bedeutet für uns vor allem ständige Bewusstheit und eine notwendige Fokussierung auf das Hier und Jetzt. Alle Übungen, jede Bewegung, jeden Moment versuchen wir, aufmerksam wahrzunehmen- was durchaus eine schwierige Aufgabe sein kann. Deshalb beschäftigen wir uns eben nur so lange mit Yogaübungen, wie unsere Aufmerksamkeit es zulässt. Wenn wir merken, dass es uns nicht mehr gelingt, uns auf das, was wir tun, zu fokussieren, hören wir kurz damit auf, machen etwas ganz anderes (z.B. das Fenster öffnen, eine Runde durch den Raum gehen, Socken an- oder ausziehen, Augen öffnen oder schließen, hüpfen, mit den Armen schlenkern, usw.). Dann kehren wir zurück zum ursprünglichen Tun, probieren es noch mal neu- und beenden die Yoga-Einheit im Zweifelsfall ganz, bzw. verschieben sie auf einen späteren Zeitpunkt.

Jede körperorientierte „Heilungsarbeit“ kann belastende Gefühle auslösen, Dissoziationen hervorrufen und uns in Anspannung bringen- wenn wir das wahrnehmen, versuchen wir, uns dafür nicht zu verurteilen, sondern die Situation einfach zu realisieren und dann zu schauen, was uns helfen kann, eine positive Veränderung herbeizuführen. Oder wir versuchen, den Ist-Zustand einfach stattfinden zu lassen, durch Gefühle hindurchzugehen und dabei vor allem weiter zu atmen.

Mit klarem Bewusstsein und geöffneten Wahrnehmungskanälen zu „sein“, ist für uns eine wichtige, aber auch anstrengende Lernerfahrung. Im Alltag blenden wir viele Innen-und Außenreize zwangsläufig aus, weil unsere Aufnahme- und Verarbeitungskapazität sehr begrenzt ist. Befassen wir uns mit Yogaübungen, nehmen wir uns also eine gewisse Zeit, um völlig bei uns zu sein- verbunden mit anspannenden und entspannenden Körperhaltungen/Bewegungsabläufen.  Wir spüren dabei körperlich mehr und intensiver, als sonst: Wärme und Kälte, Müdigkeit und Wachheit, Verspannung und Verdrehungen, eine schiefe Körperhaltung, Druck, Entlastung, usw. Zudem können auch innere Stimmungen, Strömungen und Verstrickungen deutlicher werden, innere Kommunikation und Bilder können angeregt werden, u.a.

Yoga ist für uns also auch eine Möglichkeit, immer wieder so vorsichtig und sicher wie möglich Lebendigkeit zu fühlen und (Re)Orientierungsarbeit für Körper und Seele zu leisten.

Wichtig ist für uns, wertungsfrei zu bleiben, mit uns selbst und dem, was wir wahrnehmen. Es ist okay, zu spüren, was jetzt ist, in unserem Persönlichkeitssystem, in und mit unserem Körper- und gleichzeitig ist es auch okay, die Aufmerksamkeit in eine schützende, dissoziative Watte zu hüllen, wenn es zu viel wird. Die Entscheidung diesbezüglich liegt bei uns! Wir können und dürfen heute selbst bestimmen, wohin unsere Bewusstheit geht- sowohl eine gewissermaßen „kollektive, systemische Wahrnehmung“, als auch die Wahrnehmung jeder einzelnen Innenperson.

Atmung

Der natürliche Atemrhythmus spielt eine große Rolle bei sämtlichen Yoga-Übungen. Vor allem geht es für uns darum, wahrzunehmen, dass der Körper diesen Vorgang von selbst regelt, jenseits unseres Einflusses und jenseits aller Kontrolle. Wir können bestimmen, wie tief wir ein- und ausatmen, wir können die Luft eine Zeit lang anhalten, geräuschvoll ausatmen oder leise, können den Sauerstoff gedanklich an eine bestimmte Körperstelle schicken- also das „Wie“ des Atmens bestimmen.

Aber dass wir atmen, das entscheidet der Körper in seiner individuellen Funktionsweise. Wenn wir ihn lassen, hat er seinen eigenen Rhythmus. Bewusst zu spüren, wann der Einatmen-Reflex einsetzt, kann von uns sowohl kraftvoll und beruhigend empfunden werden, als auch mit ängstlichen Gefühlen verbunden sein. Wir sind früher häufig von Täterseite unseres eigenen, natürlichen Atemrhythmus beraubt worden, indem man uns würgte, unter Wasser drückte, strangulierte, in luftknappen „Räumen“ einsperrte, u.a.

Wir kennen also das Erleben eines „Beinahe-Erstickens“ gut- insofern können Atemübungen heutzutage (Körper-)Erinnerungen an diese Erfahrungen auslösen. Für uns geht es dann darum, wieder Vertrauen in unsere eigenen Körperfunktionen (z.B. Atemreflex) und in unsere ureigene Körperweisheit (Rhythmus, Fluss, Tempo, u.a.) aufzubauen. Dabei sind kleine Schritte hilfreich, kurze Übungszeiten und der (reorientierende) Wechsel zwischen Spannung und Entspannung. Nützlich ist für uns auch hin und wieder der Einsatz von Aromaölen, z.B. scharfe, minzige Düfte, z.B. in Form von „Tigerbalsam“, den wir uns vor der Yoga-Sequenz unter (nicht in!) die Nase tupfen. Zudem achten wir darauf, dass die Raumluft frisch ist und bleibt und üben bei geöffnetem Fenster.

Atmen darf heute sein, es gibt genügend Luft für uns, wir dürfen uns für das Atmen entscheiden, unser Körper weiß, was er tun muss, um am Leben zu bleiben. Wir haben Atemspielraum, können beeinflussen, wohin der Atem innerlich gehen soll. Wir können uns die Luft in Farben vorstellen, schimmernd, glatt, weich, kühl, warm, duftend, schmeckend. Wir sind frei in unserem natürlichen Atemrhythmus.

Körperhaltung und Muskelaktivität

Innerhalb einer Yogagruppe haben wir diverse Körperhaltungen (Asanas) und Bewegungsabläufe kennengelernt, von denen sich Einzelne als besonders hilfreich, anregend, beruhigend oder einfach angenehm für uns herausgestellt haben. Wir werden im Folgenden auf einige Übungen genauer eingehen. Vorab möchten wir darauf hinweisen, dass für uns bei allem Tun das Wohlbefinden an oberster Stelle steht. Yoga ist Sport- aber wir haben keine Höchstleistungen zu vollbringen! Wir achten so gut wie möglich darauf, Schmerzempfinden zu vermeiden, bzw. nicht über eine subjektive Schmerzgrenze hinauszugehen. Das kann sich auch kompliziert gestalten, denn nicht jede Person unseres inneren Systems hat die gleiche Wahrnehmung. Praktizieren mehrere Innenpersonen gemeinsam eine Yogaübung, kann dies die Schmerz- und Belastungsgrenze des Körpers unserer Erfahrung nach deutlich verschleiern und verfälschen. Sollte während des Übens Schwindel oder Übelkeit auftreten, könnten dies Warnhinweise sein, dass Grenzen touchiert oder bereits überschritten wurden. Auch hier geht es wieder darum, sensibel wahrzunehmen, auf Dissoziations-(Depersonalisations-, Derealisations-)vorgänge zu achten und gegebenenfalls kurz zu pausieren (vielleicht etwas Wasser trinken!) und noch mal neu zu beginnen, falls sich das stimmig anfühlt.

Alle Innenpersonen, die während einer Yoga-Sequenz anwesend sind, mitfühlen, mitmachen oder zuschauen, sollten sich sicher fühlen. Wir haben festgestellt, dass körperliches Wohlbefinden, (leichter) Muskelschmerz durch Anstrengung, bewusstes Einnehmen verschiedener Körperhaltungen, Anforderungen an das Gleichgewichtssystem und Erleben von Muskeldehnung potentiell triggernd wirken können. Heute zu erleben, dass wir keiner Gewalt mehr ausgesetzt sind, die früher eine „falsche Bewegung“, einen „zu lauten Atemzug“, die „Auflösung“ einer einschränkenden, blockierenden oder schmerzhaften Körperhaltung u.a. sanktionierte, ist für viele Innenpersonen eine intensive, teilweise auch überflutenden Erfahrung. Insofern ist es für uns wichtig, im Inneren Schutzinstanzen zu haben, die darauf aufpassen, dass für das gesamte System zu jedem Zeitpunkt die Yoga-Einheit sicher und mindestens „aushaltbar“ bleibt.

Hier folgen nun einzelne, beispielhafte Yogaübungen und unser Erleben dazu. Über eine Google-Suche sind bildliche Darstellungen dieser Übungen leicht zu finden.

Der Baum:

Diese Haltung zentriert uns ganz wunderbar. Wir können uns nicht im „Baum“ halten, wenn wir innerlich „frei flottieren“, zerfasern, „wild durcheinander purzeln“ oder den Körper weg-dissoziieren. Für diese Übung brauchen wir guten Körperkontakt, eine ruhige Atmung, sichere Erdung und Fokussierung auf einen bestimmten (äußeren) Blick-Punkt. All dies können wir erreichen, während wir versuchen, in den „Baum“ zu gehen, bzw. uns so zu halten. Wenn wir bemerken, dass unsere innere Zentrierung für diese Gleichgewichtsübung nicht ausreicht, probieren wir die Alternative des „Bergs“ aus. Dafür brauchen wir weniger Fokussierung im Vorfeld und erleben, dass sie sich während der Übung aufbaut, so dass sich eventuell dann doch noch der „Baum“ anschließen kann.

Wir erfahren: Wir haben einen stabilen Standpunkt, sind verlässlich geerdet und uns wirft nicht so leicht etwas um. Wir sind hier und jetzt voll da, haben Ziele und Pläne und sind (alle) sicher in unserem Körper.

Das Krokodil:

Die Krokodilsübungen helfen uns sehr bei Verspannungen im unteren Kreuz-/Rückenbereich und bei Menstruationsschmerzen.  Wir stärken dabei unsere „Mitte“, sowohl körperlich betrachtet, als auch psychisch. Nicht nur aufgrund unserer rheumatischen Erkrankung haben wir häufig Schmerzen und Blockierungen im/am Iliosakralgelenk, fühlen uns „schief zusammengesetzt“, „in der Mitte verschoben oder zerbrochen“, oder auch „ohne Mittelpunkt“. Der untere Bauch- und Rückenbereich wird von vielen von uns immer wieder dissoziativ ausgeblendet und ruft sich dann schmerzhaft wieder in Erinnerung. Stabilität, Kräftigung und „dehnende Ausweitung“ mit Hilfe der Krokodilsübungen sind für uns erfahrungsgemäß weniger triggernd, wenn wir nebenbei Musik hören, oder uns ruhig mit einer vertrauten Außenperson unterhalten, ohne dabei den Kontakt zu unserem Körper zu verlieren. Durch die verdrehende Bewegung des Unterkörpers, mal in die eine, dann in die andere Richtung, verstärken wir einerseits das, was bereits da ist (das Gefühl des Schief-Seins, des Falsch-Zusammengesetzt-Seins)- und geben so die „Erlaubnis“, so fühlen zu dürfen und sich so zu halten. Andererseits ermöglichen wir aber durch die sanfte Bewegung in die gegengesetzte Richtung auch eine neue Wahrnehmung und Alternative.

Wir erfahren so: Unser Körper ist in jedem Fall in Ordnung. Wir müssen uns nicht auf eine bestimmte Weise „halten“, sondern wir können „so, oder so“.

Die krampfhafte Verdrehung und das Verharren in einem (gefühlten) „Schiefstand“ dürfen sich wieder lösen, wenn wir das möchten- und wir dürfen Erleichterung, Bewegungsfähigkeit und Schmerzreduktion dabei erleben.

Der Drehsitz:

Der „Drehsitz“ ist für uns eine der kritischsten Yoga-Übungen, die hochgradig panikauslösend, aber auch besonders heilsam wirken kann. Wir haben sowohl Flashbacks während oder nach dieser Übung erlebt, als auch erleichternde und tief ins Persönlichkeitssystem fließende Neuorientierung im Jetzt. Beim „Drehsitz“ wird so wie beim „Krokodil“ eine (ver-)drehende Haltung eingenommen, hier nun aber im Sitzen und für uns deutlich spürbarer auf den Oberkörper bezogen, als auf den Unterkörper. Es wird unserem Erleben nach besonders der Brustbereich gedehnt und geöffnet, eine seitliche Bewegung hervorgerufen und eine Blickrichtung ermöglicht, die bei uns Gleichgewichtsstörungen auslösen kann. Desweiteren haben wir schon häufig bei dieser Übung unter Atemnot gelitten und dem Gefühl von schwerem Druck auf der Lunge. Wir neigen dazu, währenddessen flacher zu atmen und gegen die Öffnung des Brustbereiches anzuarbeiten- weil sie uns Angst macht, weil es sich anfühlt, als ob wir die Kontrolle über uns und unseren Körper verlieren würden und weil wir emotional sehr berührt werden.

Das, was in unserer „Herzgegend“ lebt, wollen wir gut schützen- insofern machen wir uns dort eher „eng“, um alles (oder alle) beisammen zu halten. Lassen wir dort eine Dehnung zu, die ja auch Befreiung von Festgehaltenem bedeuten kann, könnten uns „die Felle davonschwimmen“. Also müssen wir besonders behutsam den „Drehsitz“ üben und auf Panikgefühle achtgeben.

Ein weiterer, kritischer Aspekt ist für uns, dass bei fortgeschrittener Ausübung eine derart „verknotete“ Haltung eingenommen wird, dass sie uns an eine erzwungene Körperhaltung innerhalb der früheren Folter erinnert: Eingesperrt und „zusammengepfercht“ (Kiste, Käfig, o.a.), bewegungsunfähig auf allerkleinstem Raum, freiheitsberaubt. Schaffen wir es, uns von diesen Erinnerungen zu distanzieren und genau wahrzunehmen, in welchem Kontext wir uns jetzt selbst in so eine „verdrehte“ Position begeben haben, kann es eine intensive und gesamtsystemisch heilsame Erfahrung sein, sich aus dieser Haltung wieder zu lösen (also heute lösen zu können und zu dürfen)!

Wir erleben so: Es ist genügend Platz für uns (alle) da, wir können uns „zusammenschließen“ und wieder ausdehnen,  Gefühle dürfen sein, Öffnung bedeutet nicht zwangsläufig Ausgeliefert-Sein und wir können uns stabil und sicher halten, auch wenn wir etwas tun, das das „Gleichgewicht“ sehr beansprucht. Wir sind kräftig und flexibel genug, um uns mit alter Angst zu konfrontieren und lassen uns auf eine verarbeitende Loslösung ein.

Der/die Held_in / Krieger_in:

Diese Übung macht ihrem Namen alle Ehre- wir spüren tatsächlich ein gewisses Heldengefühl, wenn wir uns mit dieser Haltung (oder einem ganzen „Helden-Zyklus“ als Bewegungsabfolge) beschäftigen. Um stabil eine Zeit lang in den verschiedenen Varianten der Heldenpose stand-halten zu können, brauchen wir Muskelkraft, eine feste Körpermitte, tiefes Atmen, Fokussierung auf einen bestimmten äußeren (Konzentrations-)Punkt und Humor. Es ist zwar ein erhabenes Gefühl, sich als Held_in zu positionieren, aber nur so lange, wie man nicht ins Wanken oder Kippen gerät- dann kann der/die starke Held_in nämlich auch einen recht unrühmlichen Abgang machen.

Insofern ist es wichtig, bei dieser Übung guten Kontakt zu den realistischen Körper- und Konzentrationskräften zu haben und aus der Haltung langsam und würdevoll wieder herauszugehen, bevor die Muskeln buchstäblich „abknicken“. Hierbei spüren wir, dass ein gutes Verhältnis zwischen Stolz und Demut außerordentlich förderlich ist- und wie erleichternd es ist, nicht „immer und für ewig“ Held(en) sein zu müssen.

Wir haben die Stärke, eine (überlebens-)kämpferische Heldenhaltung einzunehmen, darin zu verweilen und durchzuhalten; und wir haben die Größe und die Sanftheit mit uns selbst, uns wieder zurückzunehmen, auszuruhen, weicher zu werden- ohne dabei etwas von unserer Würde zu verlieren.

Der Sonnengruß:

Diese Übung ist eine Abfolge von verschiedenen Bewegungen, die ineinander übergehen. Für uns wirkt der „Sonnengruß“ aktivierend (kreislaufanregend) und klärend (gestaute „Energien“/Gefühle/Spannungen ausleitend) und er ist eine gute Einleitung für eine Yoga-Übungssequenz. Die Bewegungsabfolge wird einige Male wiederholt, so dass wir gut wahrnehmen können, wie die Muskeln immer wärmer und lebendiger werden und unser Körper insgesamt in einen fließenden Rhythmus findet.

Wie so oft im Yoga kommt es auch hier wieder auf das „Los-Lassen“ an und auf die innere Erlaubnis, auf eigene Weise „sein“ zu dürfen. Anstrengung ist okay, Aufhören-wollen ist okay, Unlust ist okay- und sich trotzdem noch ein kleines bisschen weiter bewegen, noch eine einzige Runde durchhalten, jammern, seufzen, lachen, fluchen, Yoga nervtötend finden- das alles ist auch okay!

Der „Sonnengruß“ ist dynamisch und aktiv, man bleibt in Bewegung und fördert Bewegung- auch innerlich, bezogen auf das Persönlichkeitssystem. Innere Kommunikation, Kommentare, Gefühlswahrnehmungen, usw. können unserer Erfahrung nach beim Üben des „Sonnengrußes“ aufgeweckt und angeregt werden- und wie schon an anderer Stelle erwähnt: Humor (sich selbst nicht so furchtbar ernst nehmen) hilft da ungemein!

Mit dem „Sonnengruß“ begrüßen wir das Leben/die Lebendigkeit, den Tag, unsere körperliche Aktivität, Gefühlsregungen- und auch so etwas wie die innere Weisheit, innere Prozesse, neue Entwicklungen und überraschende Erkenntnisse. Wir vertrauen auf das, was kommt und auf unsere Fähigkeit(en), damit umzugehen.

Pendeln:

Dies ist unseres Wissens nach keine yogaspezifische Übungsweise, wir nutzen das „Pendeln“ aber gern immer wieder während einer Yoga-Sequenz, um nach anstrengenderen Positionen wieder in Bewegung zu kommen, uns zu erden, zu entspannen und strapazierte Muskeln zu entlasten. Dabei variieren wir zum Beispiel zwischen dem Pendeln mit den Armen an den Körperseiten (also mit den Armen schlenkern) und dem Pendeln um die Körpermitte/Körperachse herum.

Für manche Innenkinder ist dieses Schlenkern und Schlackern herrlich albern und lustig und ein schöner, neuer, ungefährlicher (Körper)Bewegungs-Spielraum im Heute. Gleichzeitig kann dieses spielerische Pendeln aber auch zu einem Automatismus werden (ähnlich wie Vor- und Zurück-Schaukeln/Wiegen mit dem Oberkörper) und sich der aufmerksamen Wahrnehmung entziehen, bzw. in eine Dissoziation übergehen.

Bei aller Leichtigkeit und Freude achten wir also auch hier sehr gut auf dissoziative Warnsignale, begrenzen die Übung zeitlich, fangen bewusst an und hören auch bewusst wieder auf!

Eine weitere Variante des Pendelns ist das Bewegen des Körpers, bei stabilen, gut mit dem Boden verbundenen Beinen. Wir kreisen dabei vorsichtig um unsere eigene Achse, bewegen uns bildlich wie ein „Schilfrohr im Wind“, testen unseren Bewegungsspielraum aus, schauen, was sich sicher anfühlt, wie weit wir uns vor, zurück und zu den Seiten lehnen können, ohne dabei den Bodenkontakt zu verlieren oder ins Straucheln zu kommen.

Wir sind ein „Pendel“, und zwar bei dieser Übung wirklich nur ein einziges und nicht „diverse Pendel in einem Körper“, denn wir müssen uns dabei zusammenschließen, uns gemeinsam in eine Richtung bewegen, nicht zappeln, nicht schubsen oder ziehen, vorsichtig sein, die Aufmerksamkeit auf die stabilen Füße richten- damit das Pendel einen verlässlichen, ruhigen Rhythmus findet.

Das Kind:

Die eingerollte Position des „Kindes“ wirkt beruhigend, entspannend, zentrierend und erdend. Wir befinden uns in einer nicht ganz liegenden, aber auch nicht mehr hockenden Haltung und können einen Teil unseres (Körper-)Gewichtes an den Boden abgeben. Wir müssen uns nicht mehr ganz alleine tragen, aber auch nicht völlig loslassen. Für uns ermöglicht sich so ein Blick nach innen, eine Verlangsamung der Atmung, ein ungefährliches „in sich verkriechen“ und sanftes Trostgefühl. Nicht nur manche unserer Innenkinder mögen diese erholsame Haltung, sondern auch Erwachsene. Wenn es sich für sie zu unsicher anfühlt und ein Kontrollverlust oder Dissoziation befürchtet wird, kann es hilfreich sein, sich vom Begriff des „Kindes“ zu distanzieren und die Position eher mit einer „Schildkröte“ oder einem „eingerollten Blatt“ zu assoziieren.

Wir erleben in der „Kind-Position“: Wir sind in uns selbst zu Hause, können uns zusammenrollen und umarmen, haben einen warmen, geschützten Bauch und ein kleines, sicheres Nest in und mit unserem Körper. Wir vertrauen uns.

Für traumatisierte Menschen kann „Traumasensibles Yoga“ hilfreich sein. Hier gibt es Informationen dazu.

4# Multipel sein bedeutet…

… Irritationen.

Sonntag Abend, „Tatort“-Zeit.

Mit der Lebensgefährtin auf dem Sofa. Gemütlich. Einige erwachsene Innenpersonen teilen sich das „Im-Körper-Sein“ auf, um den Film zusammen anschauen zu können.

Schweigen. Spannende Story. Eine Innenperson wippt mit dem Fuß, eine andere klopft mit den Fingerspitzen leicht auf das Sitzpolster. Die Nächste streichelt mit der anderen Hand die Katze auf dem Schoß. Irgendwie harmonisch, trotzdem. Wortlos.

Auf der Mattscheibe wird deutlich, wer der Täter ist. Im Dunkeln nähert sich ein Auto, niemand spricht, die Uhr im Zimmer tickt, die Katze schnurrt. Das Auto parkt in einem Hafengebiet. Ganz leise steigt ein Mensch aus und geht beinahe unhörbar über Kopfsteinpflaster. Stille in der Nacht.

Plötzlich geht eine lautstarke Diskussion los.

Verschiedene Männer- und Frauenstimmen, unterschiedlich emotional, es klingt nach Streit.

Der Fuß hört auf zu wippen, die Fingerspitzen verkrampfen. Die Hand verharrt auf dem Katzenrücken. Pupillen weiten sich, die Ohren fokussieren sich auf alles, was im Bereich des Hörbaren liegt. Der Atem stockt.

Im TV steht der Täter einfach nur herum. Immer noch gespenstische Stille.

Aber die Diskussion steigert sich. In der Intensität und der Lautstärke.

Die bisher harmonischen Krimifans lösen sich voneinander und machen sich bereit, im Innern schlichtend einzugreifen. Herauszufinden, was los ist. Ob vielleicht ein Trigger gewirkt hat. Wo und bei wem die Diskussion zu verorten ist.

Jemand im Innern murmelt deutlich hörbar: „Guck mal, die Katze!“

Die Augen richten sich auf die Fellkugel auf dem Schoß. Ihre Ohren sind aufgestellt, ihre Barthaare zittern leicht, ihr Kopf liegt nicht mehr entspannt.

Und dann drehen manche den Kopf nach links, zur Lebensgefährtin. Sie lächelt und sagt:

„Ich hab´s auch gehört!“

Die Pupillen verkleinern sich. Die Hand findet wieder ins Streicheln. Die Katze reckt sich kurz und rollt sich dann zusammen. Der Atem darf fließen. Im TV zieht der Täter seinem Opfer einen Knüppel über den Schädel.

Und draußen, vor der Wohnungstür, feiert eine Gruppe Jugendlicher die Sommerferienzeit.

Multipel sein bedeutet, Geräusche immer wieder aufmerksam orten zu müssen.

(„Stimmen hören“ ist eine Symptomatik, die sowohl bei einer Dissoziativen Identitätsstörung, als auch bei einer Schizophrenie vorliegen kann. Laut Diagnosekriterien wird insofern unterschieden, als dass schizophren erkrankte Menschen oft das Erleben hätten, (halluzinierte) Stimmen kämen von außerhalb des eigenen Ich´s („außerhalb des eigenen Kopfes“), wohingegen multiple Menschen erleben würden, die gehörten Stimmen seien immer Teil des eigenen Innern (kommunizierende Teilpersönlichkeiten). Ich kann diese Unterscheidung nicht so absolut bestätigen. Auch bei einer DIS kann der Eindruck entstehen, gehörte Stimmen kämen von „außerhalb des eigenen Kopfes“, besonders dann, wenn gleichzeitig ein Angsterleben vorliegt. Zudem ist auch nicht immer sofort und eindeutig klar, woher die gehörten Geräusche nun kommen: Gehören die Stimmen zur Kommunikation von Teilpersönlichkeiten im Innern, sind sie Teil eines Triggergeschehens und vielleicht Element eines Flashbacks, oder liegen sie komplett außerhalb des Ich´s? Sind sie halluziniert, gedacht, gefühlt oder real in der nahen Umgebung?)