Wo würde es Euch passen?

Hallo zusammen,

wir hören und schauen uns gerade mal so um, wo (erstmal innerhalb Deutschlands) wir eventuell noch Lesungen veranstalten könnten.

Vielleicht habt Ihr ja Lust, uns durch diese Umfrage Rückmeldungen zu geben?

Mehrfachantworten sind möglich. Wer am Umfrageformat nicht teilnehmen mag, uns aber trotzdem eins oder ein paar der genannten Wunschgebiete mitteilen möchte, kann das auch gern per Email machen (siehe Impressum).

Liebe Grüße,

die Reisepaulines

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viel(e)wut

Ich hasse es, in der Therapiestunde zu sitzen und angeguckt zu werden. Und ich hasse folgende Therapeutenfragen:

– „Kannst du mal nach innen hören, was andere dazu sagen?“

– „Was ist innen gerade wahrnehmbar?“

– „Habt Ihr gerade gewechselt?“

– „Weißt Du, wo Du gerade bist?“

– „Mit wem spreche ich gerade?“

– „Was geht Dir gerade durch den Kopf?“

– „Um was soll es heute gehen?“

– „Kannst Du Deinen Körper gerade spüren?“

– „Wie geht es Dir?“

– „Wie war die vergangene Woche?“

– „Weißt Du noch, was Du am Wochenende gemacht hast?“

– „Was passiert gerade innen?“

– „Siehst Du gerade Bilder?“

Ich hasse jede dieser Fragen, weil mir jede Antwort jenseits von „weiß ich nicht“ peinlich ist. Am allerschlimmsten finde ich die Konfrontation mit einem Wechsel: Wenn ich gerade aus dem Off auftauche, will ich NICHT gefragt werden, ob soeben ein Switch stattgefunden hat. Entweder, die Therapeutin merkt´s von selbst früher oder später und es gibt überhaupt keinen Grund, das auch noch zu kommentieren- oder es bleibt eben unentdeckt. Was soll dieses ins-Rampenlicht-Gezerre?? Ich käme nie auf die Idee, direkt nach meinem „nach vorne kommen“ zu verkünden: „Hallöchen, hier bin ich, eine andere als eben, vorhin noch Backstage, jetzt frisch auf der Showbühne!“ Dazu müsste ich ja auch jedes Mal überhaupt erst mal sofort checken, dass ich „vorher“ noch nicht „da“ war, verdammte Scheiße noch mal! Schon mal was von „Amnesie für die Amnesie“ gehört?

Ich hasse diese fremde Stimme auf unserem Anrufbeantworter. Ich hasse die Unterschrift in unserem Personalausweis. Ich hasse noch viel mehr das Passfoto. Ich hasse die diversen Duschgels in unserem Badezimmer und unseren grauenhaft vielfältigen Kleiderschrank. Ich will das alles nicht sehen und nicht wissen!

Es ist mir egal, wie lange wir schon an diesem ganzen Dissoziativen Identitätsgedöns rumarbeiten. Es ist kein Argument für mich, dass wir doch schon mindestens 20 Jahre Bewusstsein für uns haben. Und?? Soll ich mich deshalb längst daran gewöhnt haben?

Auch wenn ich inzwischen schon viel verstanden und durchblickt habe. Es ist mir trotzdem immer noch und immer wieder beschissen fremd, was da in und mit mir passiert. Und manchmal möchte ich diesen Spiegel, den mir die Therapeutin immer und immer wieder vorhält, einfach nur zerschlagen und sie anbrüllen: „Frag mich jetzt keine einzige Sache mehr! Lass mir jetzt bitte den Rest der Stunde einfach  nur die göttliche Erholung des KEINE AHNUNG HABENS!“

R.

 

 

nach der Traumaexposition…

Ich kann richtig körperlich fühlen, wie sich innere Fragmente neu sortieren, wie sich etwas klärt und setzt. In meinem Kopf wabert seit Tagen der Schwindel, mein Herz flattert zwischendurch wie ein aufgeregter Vogel und hier und dort und da tut es zeitweise schrecklich weh. Integrationsschmerzen sind das, glaube ich.

Zunächst, nach einer langen, intensiven, traumakonfrontativen Therapiestunde, war es grausam. Dann kam die Nacht, komatös beinahe, und das Aufwachen mit Kopf- und Kieferschmerzen direkt aus der Hölle. Ich fühlte mich wie vom Lastwagen überfahren. Der Körper erinnerte sich auf seine eigene Weise an das, was ich und die anderen zuvor mit Hirn und Herz durchgearbeitet hatten. Jemand fragte: „Wofür machen wir das alles, wenn es sich hinterher so schlimm anfühlt?“ Und ein anderer antwortete: „Damit es besser werden kann. Auf Dauer.“

Man kann in solchen Phasen nichts weiter tun, als gut für sich zu sorgen, den allgemeinen Zustand zu akzeptieren und Ruhe, Ruhe, Ruhe zu schaffen. Wenn das gelingt, ist das eine riesen Leistung. Alles in einem schreit nach dem altbekannten, wunderbar bewährten Mechanimus des Dissoziierens, aber der innere Impuls zum „Heilenlassen“ ist größer: Die Tränen müssen raus, die körperliche und psychische Erschöpfungsschwäche duldet kein „drüber hinweg – Agieren“, das Zittern will da sein, eine Kälte braucht 24-Stunden-Wärme und der Druck auf der Brust lässt sich nur bei ständig geöffnetem Fenster aushalten.

Was brauche ich jetzt? Und jetzt? Und jetzt? Wie geht es mir? Wie geht es dir? Wie geht es uns? Minuten(weiter)leben mit der inneren Sicherheit, dass es besser werden wird. Gefühle kommen lassen, so wie sie eben kommen wollen. Dazu beitragen, dass die innere Dynamik im Fluss bleiben kann. Dazu gehört auch, viel zu trinken (nichts Alkoholisches!)- ich kann gar nicht oft genug betonen, wie wichtig es gerade nach traumabearbeitenden Therapiestunden ist, das Trinken nicht zu vergessen!

Ich weiß, dass wir uns in ein paar Tagen anders fühlen werden als jetzt. Ich weiß, dass wir uns auf die wunderbaren, beeindruckenden Selbstheilungskräfte unseres psychischen und physischen Systems verlassen können. Ich weiß, welch positive langfristige Wirkung eine fachlich und menschlich gut begleitete Traumaexposition haben kann. Und weil ich das alles weiß, kann ich die jetzige Phase etwas besser aushalten.

Ich wünsche anderen Betroffenen von Herzen eine vertrauensvolle, professionelle therapeutische Begleitung, mit der es möglich ist, sich an diese harte Arbeit heranzuwagen. Trauma will verarbeitet werden! Alles in einem Menschen, jede Zelle, will sich davon lösen, braucht aber Hilfe dabei. Und ich finde es traurig und schlimm, wenn ich immer wieder mal von anderen Betroffenen erfahre, dass sich Therapeuten*innen an diesen Prozess nicht heranwagen möchten. Dass es immer und immer und immer wieder ausschließlich um Stabilisierung geht… Was für eine Zukunftsperspektive lässt sich auf diese Weise denn bitteschön entwickeln?

Ja, es tut weh, hinzuschauen und hinzufühlen. Ja, es ist entsetzlich. Ja, es ist grauenhaft, wenn sich das weg-Dissoziierte zu Dir zurückbewegt und nach und nach wieder „Deins“ wird. Ja, es gibt gute Gründe, das nicht zuzulassen. Ja, es kann sich manchmal leichter oder besser anfühlen, dem Trauma die Macht zu lassen und sich selbst zu betäuben.

Und:

Nein, das ist nicht der einzige Weg. Nein, es muss nicht für immer so bleiben. Nein, Du bist dem Grauen jetzt nicht mehr ohnmächtig ausgeliefert. Nein, das Trauma/ die Traumata sind nicht stärker als Du. Nein, Du trägst keine Schuld daran, dass es sich so schlimm anfühlt.

Ich glaube, ich sollte uns mal unseren eigenen Blogtext ausdrucken. Klingt alles irgendwie so einfach… ISSES ABER NICH´!

 

 

zusammen gebrochen

Und dann liegst Du in Deinem Bett und es fühlt sich an wie das, was man als Zusammenbruch bezeichnen könnte.

Unterhalb Deiner Hüfte, wo die Beine sein müssten, wackelt oder zittert etwas unkontrolliert und zerfließt gleichzeitig als warme Flüssigkeit auf dem Bettlaken.

Deine Arme haben ihre Muskelkraft verloren und Du willst Dich doch festhalten, bloß irgendwo hingreifen, damit Du nicht in einer Art Treibsand versackst.

Aus Deinen Augen strömen Tränen, hinter denen gar kein wahrnehmbares Gefühl verborgen ist. Du fällst und fällst und fällst, obwohl Du bereits liegst und das Einzige, was sich in Deinen Gedanken zeigt und wie ein Mantra wiederholt ist: „Ich kann nicht mehr.“

Was Du nicht mehr kannst, wieso Du nicht mehr kannst, seit wann Du nicht mehr kannst und wer Du überhaupt gerade bist, weißt Du nicht.

Du bist in einem grauenhaft erschöpften, aufgewühlten, zerbrechlichen Zustand; zu fertig, um zu brüllen, aufzustehen, Dich selbst zu beruhigen oder zu sortieren.

Brauche ich einen Notarzt? Ich brauche eine Spritze! Ich halte das nicht aus! Ich kann jetzt doch nicht denken, dass ich vom Dach springen will! Nein, hör auf damit! Das bin nicht ich, das bin ich nicht, ich weiß gar nicht. Ich halte das nicht aus! Ich habe solche Angst. Ich will tot sein, nein, bitte, ich will auf keinen Fall tot sein….

Es geht nichts mehr, in diesem Moment. In dieser Zeit. Du liegst als bis aufs Mark erschüttertes Menschenbündel auf dem Rücken oder auf der Seite zusammengekauert und kannst einfach nichts machen. Du bist vollkommen hilflos in diesem Moment und findest nicht heraus aus Dir, aus Deinem autonom agierenden Körper.

Und dann sitzt plötzlich jemand auf der Bettkante. Schaut Dich an. Du willst Dich am liebsten verstecken und verkriechen, Du willst keine Blicke. Aber Du kannst nicht weg. Du kannst in diesem Zustand nicht weg. Du hörst diesen Jemand ruhig atmen und fühlst eine Berührung „irgendwo“, Du kannst sie gar nicht genau lokalisieren.

Du weißt, wer dieser Jemand ist, Du weißt, dass Du in Sicherheit bist und vertrauen kannst. Aber etwas in oder an Dir ist ein eigenständiges System, das sich nicht mehr halten kann.

Dieser Jemand auf der Bettkante … verschwindet … langsam … im Nebel … während Du … im Laufe der Zeit … imaginär stirbst … oder doch einfach nur … unbemerkt … einschläfst.

Nicht allein zu sein, während Du zusammenbrichst, ist schrecklich und gut zugleich.

 

mehr schadet nicht!

Ich kann gar nicht beschreiben, wie sehr es mein Herz berührt, wenn uns ein „beruflich tätiger Helfermensch“ einen gemeinsamen Termin anbietet und dazu sagt: „Wir haben dann viel Zeit zusammen.“ Und wie positiv fassungslos es mich macht, wenn ich auf meine Frage: „Ja? Wie lange denn?“ folgende Antwort höre: „So lange, wie das, was passieren möchte, braucht. Die Zeit ist nach hinten offen.“

Ich kann gar nicht beschreiben, wie dankbar ich bin für jede „Ausnahme“, die Menschen wie Therapeuten*innen, Ärzte*innen oder Berater*innen für uns machen. Für jede weggelegte Uhr, jede Überstunde, jeden Zusatz, der über das (von wem oder was auch immer vorbestimmte) „Budget“ (Geld, Zeit, Zuwendungsmaß, Hilfsbereitschaft, Menschenkontakt…) hinaus geht.

Ich kann gar nicht beschreiben, wie sehr es mich und uns immer wieder hier in diesem Leben innerlich und äußerlich hält und verbindet, wenn sich Helfermenschen „einfach so“ melden, um zu fragen, ob wir nach einem Termin gut nach Hause gekommen sind, ob wir eine Therapiestunde gut innerlich verpacken konnten und wie es uns gerade geht.

So etwas darf sein. So etwas kann so heilsam wirken. So etwas schadet nicht, macht nicht pauschal „therapieabhängig“ oder „unselbständig“ und nimmt auch nicht die Eigenverantwortung. Es sind einfach menschliche Gesten, offene Herzen, die Bereitschaft, für uns da zu sein, so wie es nötig ist und nicht so, wie es andere (Außenstehende) gern definieren, vorgeben und beschränken wollen.

Scheiß auf den protestierenden Aufschrei zur „professionellen Distanz“ (was ist das überhaupt?)! Scheiß auf die allgemeine Panikmache zum automatisch befürchteten „burn out“! Scheiß auf die Warnung „Geh bloß nicht zu nah ran!“!

Wenn sich Helfermenschen gut selbst reflektieren, sich immer wieder erholen, ihre eigenen Ressourcen, Verantwortlichkeiten und Grenzen im Blick behalten, sind „Ausnahmen“ oder ein „Mehr“ an Herzverbindung verdammt noch mal nicht gefährlich!!