auseinander.gehalten.

Wir gehören zusammen.

Um das spüren zu können, müssen wir uns noch ein Stückchen mehr differenzieren.

Es ist in unserem Alltag völlig normal, dass sich verschiedene Innenpersonen zu einem gemeinsam agierenden Mischmasch verbinden. Fähigkeiten, Denkweisen, Beobachtungsgabe, Meta-Ebene, Distanz, Emotionalität, Gedächtnis- das sind Elemente, die aus einer Handvoll Innenpersonen zusammenfließen, sich an Alltagsanforderungen und -gestaltung anpassen – und dann ein manchmal sehr unklares Mischmasch ergeben. Es ist keine einzelne Person, kein Host / keine sogenannte „Gastgeberin“, kein „Chef des Systems“. Und es funktioniert-e.

In diesem zusammengewürfelten Modus wirken wir sehr unmultipel. Konstant, verlässlich, wenig wechselhaft. Innen fühlen wir uns trotz „Zusammenfließens“, trotz „Hand-in-Hand-Agierens“ ohne große, bewusste Absprachen, sehr einsam. Sehr isoliert. Abgetrennt von uns selbst. Wir sind miteinander, können uns aber oft gar nicht identifizieren, merken nicht genau, welcher Impuls, welche Handlung von wem kommt. Hin und wieder wird gedacht: „Na und? Ist doch egal! Hauptsache, der Laden läuft.“ Und manche äußere Helferperson hat im Laufe der Jahre diesen unseren Mischmasch-Modus als Zeichen eines wunderbaren Integrationsprozesses fehlinterpretiert.

Wir wollen unsere Gemeinsamkeit spüren. Immerhin haben wir ja unser (Über-)Leben bis heute gesichert, als Team. Eher weniger bewusst besprochen als vielmehr intuitiv entwickelt. Wir konnten und können uns darauf verlassen, dass „Leben“ unser kleinster (oder größter?) gemeinsamer Nenner ist, woraufhin sich alle Energie letztendlich richtet. Immer mehr wollen wir es uns nun leisten, die verbindende Basis weiter zu bebauen, nach oben und vorne auszurichten und das, was wir als „gesund“ wahrnehmen können, zu erhalten und zu pflegen.

Es ist so, so wichtig, uns innen auseinanderhalten zu können: Wer ist wer? Wer ist warum wie? Wer möchte sich wohin bewegen? Was bedeutet Lebensqualität für wen?

Wer bringt welche Erinnerungsstückchen mit? Um unsere Biographie als gemeinsame verstehen und spüren zu können, brauchen wir jede einzelne Teilbiographie im Bewusstsein. Das ist Puzzle-Arbeit, die viel Energie und Geduld fordert. Auch von Außen-Unterstützern_innen.

„Mehr (für uns!) deutliches Viele-Sein im Alltag.“ Das klingt im ersten Moment nach Rückschritt oder Krise. Für uns ist es ein wichtiges Heilungselement, ohne das wir keine Traumabearbeitung aufrecht erhalten können. Im „Mischmasch-Modus“ immer wieder inne zu halten und es zuzulassen, Selbstwahrnehmung zu üben: Wer agiert gerade inwiefern? Durch welche Gedanken oder Gefühle (von wem?) wird was beeinflusst? Wer und was ist im Hintergrund spürbar? Warum scheint es so viel leichter zu sein, lieber nichts und niemanden innerlich zu bemerken, als ein Bewusstsein dafür zu haben, was und wer da gerade ist? Wo und wie tragen wir in unserem Alltag immer wieder selbst zu Zeitlücken/Amnesien bei? Wofür sind die eigentlich wichtig (oder auch nicht)?

Wir müssen keine Angst voreinander haben.

Wir dürfen uns wahrnehmen.Wir dürfen uns gegenseitig hören, sehen, erkennen.

Wir dürfen unterschiedliche Namen haben und „eigen sein“. Wir dürfen uns ähneln, uns berühren und „überschneiden“. Verschiedenheit ist okay und Verbundensein ist okay.

Ich darf dich spüren und realisieren: „Du bist ein Teil von mir. Du bist das, was ich nicht konnte, wollte, wusste. Wir haben etwas miteinander zu tun. Wir teilen uns ein Gehirn! Und nicht nur das!“- und das alles darf ich sogar sagen und es auch später noch erinnern.

Im Mischmasch-Modus geht das Leben schneller, angepasster, unkomplizierter. Soziale Kontakte gelingen erfreulich gut. Da ist nicht nur die oft kritisierte Funktionalität, die einen so oft an die Belastungsgrenze bringt: Nein. Da sind auch beruhigende Stabilität, energiereiche Schaffenskraft und das gute Gefühl, am Leben zu sein. Wenngleich im Innen Türen verschlossen bleiben und Traumatisierungen halbgar bearbeitet bleiben.

Der obige Text ist entstanden, nachdem wir drei verschiedene Hochbeete bepflanzt haben. Es wäre sehr viel schneller und einfacher gegangen, wenn wir einfach so agiert hätten wie immer: Ein Minimum an Innenwahrnehmung aufbringen, um zu bemerken, welches Saatgut gekauft werden soll. Nicht groß nachfragen, wer sich was konkret wünscht, einfach einsäen und gut is´. Nächste Aufgabe, bitte.

Stattdessen haben wir uns darauf eingelassen, nachzuforschen, von wo und von wem eigentlich welche Wünsche und Ideen und Fragen kommen. Und so entwickelte sich im Hochbeet-Kontext noch ein anderer Prozess:

„Du wünschst dir Radieschen? Hast du schon mal welche gegessen? Wann zuletzt? Magst du rot? Du bist froh, wenn du so schnell wachsende Ergebnisse siehst, richtig? Ich kann das sogar auch fühlen, wie du dich darüber freust. Es ist dein Bauchhüpfen, nicht meins. Ich muss weinen, wenn ich dein Bauchhüpfen fühle. Ich werde ganz schrecklich traurig plötzlich. Ich weiß nicht warum. Und dann kommt da jemand im Hintergrund, der die Gießkanne holt, um die frische Radieschensaat anzugießen. Diejenige reagiert auf meine Traurigkeit. Ich lasse mich auf ihren Beinen zur Regentonne tragen und kann das kaum aushalten, weil ich nicht selbst gehe. Ich will meinen Körper nicht abgeben. Und dann fragt sie, ob ich lieber eine Zeitlücke haben will. Ich weiß nicht …“

Gartenarbeit als heilsame Kraft. Tarnkappenfreie Zone.

 

 

 

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Nachts im Altbau

Es ist zwei Uhr nachts und ich wiederhole meine Gedanken wie ein Mantra: „Schwimmt einfach dran vorbei! Bitte, Jungs, macht jetzt keinen Fehler!“

Falls diese Sache da über mir Konsequenzen haben sollte, müssen wir in 9 Monaten ausziehen.

Es ist mir egal, dass die Nachbarn circa einen Meter über meinem Kopf (richtig kombiniert- wir schlafen im Hochbett) Sex haben. Es ist mir egal, dass ich jedes Knarzen, Ruckeln, Wackeln, Seufzen und Schmatzen so deutlich hören kann, als gäbe es gar keine Decke. Sexgeräusche anderer Leute triggern mich (!) glücklicherweise nicht mehr. Die Vorstellung hingegen, dass daraus ein Baby entstehen könnte, welches dann möglicherweise in Zukunft nachts direkt über mir schreien könnte, treibt mir den Schweiß auf die Stirn.

Ich mag Kinder. Auch Klein(st)kinder. Mir ist bewusst, dass Weinen, Glucksen, Schreien, Nörgeln, Jammern, Brüllen normal sind. Ich will nicht, dass Babylaute uns so fertig machen- und ich wünschte, wir hätten endlich eine Auflösung dieser Trigger auf die Reihe gekriegt. Da hakt´s aber noch. Und vielleicht bleibt das auch so.

Baby-/Kindergeräusche lassen keine Panik entstehen, nein. Auch keine bösen Flashbacks ins heulende Elend. Sie knipsen die Wut an. Von Null auf Hundert in einer Sekunde. DAS.MUSS.AUFHÖREN. Mehr ist dann nicht im Kopf. Grauenhafte, hilflose Reizüberflutung.

Gut, noch ist es ja nicht so weit. Noch gibt es ja nur diesen einen kleinen Schreihals Wonneproppen im Dachgeschoss, den man nur hört, wenn er morgens um halb sieben quengelnd durch den Flur getragen wird. Das ist okay, das ist zeitbegrenzt. Aber falls die Leute da über uns mit ihrem Übungsprogramm ein Mal im Monat erfolgreich sein sollten- nun, malen wir den Teufel nicht an die Wand und bleiben hoffnungsvoll.

Man kann schmunzeln, wenn man das hier liest, stimmt´s?

Tu ich ja auch. So kann man das Dilemma besser aushalten.

Fakt ist jedoch, dass die Reizüberflutung unser täglich Brot ist, das wir schlucken müssen. Wir leben nun mal nicht auf einer einsamen Insel. Es gibt so viele Geräusche, die ständig auf uns einwirken und die wir innerlich wegpacken müssen, um nicht „auszuflippen“ (= ausagieren, was zu viel geworden ist = Gewalt ausüben gegen uns, andere, Dinge).

Das Haus, in dem wir wohnen, ist ein beschissen isolierter Altbau. Die Häuser, in denen wir alternativ mit unserem „übersichtlichen“ finanziellen Budget wohnen könnten, wären ebenfalls natürlich von mehreren Parteien belebt. In Gegenden, die man als „schwierig“ (= laut) bezeichnen müsste. Wir merken immer wieder, dass es nur eine einzige Sache gibt, die wir uns gesamtsystemisch wirklich von Herzen wünschen würden, wenn wir mehr Geld hätten: Eine Wohnraumverbesserung. Ruhiger, menschenleerer, naturnaher. Und gleichzeitig ist uns bewusst, dass wiederum andere Schwierigkeiten auftauchen würden, wenn wir beispielsweise „auf´s Dorf“ ziehen würden, ohne Auto, weg von Nebenjob, Therapieanbindung und öffentlichen Verkehrsmitteln …

Wir brauchen in Zukunft sicherlich einen anderen Lebensort. Selbst wenn die Nachbarn über uns in den nächsten zwei, drei, zehn Zyklen erfolglos bleiben sollten. Ob hier jemand liest, der uns weiterhelfen könnte?

Um fünf nach zwei in der Nacht (Hetero-Pärchen, is klar 🙂 ) ist die Episode über uns erledigt.

Wir krabbeln aus dem Hochbett und legen uns darunter auf die Sitzpolster.

Seit einigen Tagen haben wir eine fette Erkältung. Nachts husten wir ziemlich schlimm. Ich verstecke meinen Kopf unter der Bettdecke und versuche leise zu sein, während mein Brustkorb schmerzt.

Manche von uns stecken immer noch in der Angst, nachts gehört ( = entdeckt) zu werden. Manche haben Angst vor Strafe, wenn sie zu laut sind. Husten nervt andere Menschen.

Ich bekomme mit, wie unsere Geräusche durch unser Zimmer scheppern.

Scheiß Altbau.

 

hömppä

Heute ist so ein Tag, da fühle ich mich, als könnte man mir ein Finnisch-Wörterbuch hinlegen und mir die Aufgabe geben, alle Wörter mit A/Ä drin auswendig zu lernen. Würde ich schaffen, so circa bis heute Abend vielleicht. Und nebenbei Sudokus lösen.

Wenn mir aber jemand heute den Tagesauftrag geben würde, noch irgendwo eine Packung Milch, Klopapier und ein Brot einzukaufen, würde ich wahrscheinlich vor Überforderung in Tränen ausbrechen und sagen, dass ich doch lieber sterben will.

Irgendwie ist die Frage der Alltagstauglichkeit meines Gehirns noch nicht ausreichend beantwortet.

 

 

Andere Kinder

Ich erinnere mich an andere Kinder, die zeitgleich mit uns im Täter_innenkreis gefoltert wurden. Man teilte gemeinsame Erfahrungen, durfte und konnte sich darüber aber nicht austauschen. Eine Kontaktaufnahme an Täter_innen vorbei, heimliches Sprechen oder Interagieren waren streng verboten. Innerhalb der Foltersituationen erlebten wir Kinder (auch) miteinander schreckliche Täter-Opfer-Dynamiken: Wer darf (oder muss?) überleben, wer kriegt diesmal weniger Schmerz ab, wer darf/soll/muss essen und trinken, wer bekommt eine Toiletten- oder Wascherlaubnis, wer entscheidet was, wer tut wem womit weh, usw. Es gab „privilegiertere“ (dauergenutzte) Kinder und reine „Wegwerfobjekte“, es gab Neue und Altbekannte. Immer wenn ich dachte, ich hätte irgendeine Logik, irgendein System innerhalb der Hierarchien erkannt, löste sich Vieles wieder in Luft auf. Oder ich mich selbst. Ich konnte meine Erkenntnisse lange nicht halten.

Manche Kinder erinnere ich noch ziemlich intensiv. Es sind die besonderen Aspekte, die im Kopf hängengeblieben sind: Der aufgeschnappte Nachname, den ich eigentlich nicht wissen sollte. Der Augen-Blick nach Schlägen, in dem ich spürte, dass das Kind etwas „innerlich wegbringt“, genau wie ich. Das tastende Wiedererkennen eines vertrauten, doch noch lebendigen Körpers in der Dunkelheit. Das einvernehmliche Schweigen bei einer zufälligen Begegnung auf der Kinderpsychiatrie-Station. Die überraschend warme, beruhigende Hand auf meinem nassen Haar. Das unvermutete Wegsehen und Nichtverraten bei „Vergehen“, statt Berichterstatten bei Tätern_innen …

Ich weiß, dass wir nicht die Einzigen sind, die überlebt haben. Ich weiß, dass es heute keine Verbote mehr gibt, an die wir uns halten müssten, um unser Leben zu sichern. Wenn wir wollten, dürften wir mit jedem über alles Selbstgewählte sprechen. Auch mit den erwachsen gewordenen Kindern von damals, wenn wir ihnen wiederbegegnen würden.

Als ich am vergangenen Wochenende beim Kongress zwischen den vielen anderen Überlebenden saß und immer wieder hörte (und selbst dachte), wie wichtig die Vernetzung untereinander sei, merkte ich die große Zerrissenheit (nicht nur bei uns):

Einerseits ist der Wunsch groß, anderen zu begegnen, die Ähnliches kennen. Die (deshalb) ähnlich (oder auch ziemlich anders) ticken. Gemeinsamkeit, Solidarität, sich unterstützen und stärken, hilfreiche Ideen austauschen, Isolation durchbrechen, gesellschaftlich/politisch etwas bewegen, sich in Gedanken, Worten und Gefühlen des anderen wiederkennen … So viel Hoffnung, so viel Kontaktsehnsucht.

Andererseits ist die Angst auch ziemlich groß. Vor allem davor, den Schmerz des anderen als seinen eigenen wiederzuerkennen. Die schweren Verletzungen im Gegenüber zu entdecken, die man selbst in seinem Innern erfolgreich (als Viele) „aus dem Alltagsbewusstsein wegverteilt“ hat. Ich sehe auf dem Kongress so viele starke, lebenswillige, fröhliche, energiereiche Menschen- und ich spüre die Gewaltfolgen. So viele Spiegelbilder, so viele „erwachsen gewordene Kinder von damals“ (nicht aus unserer eigenen Biographie, aber eben mit ähnlichem Hintergrund) – da stehen dankbare Verbindung und entsetzte Distanz nebeneinander, sind gleichzeitig fühlbar. Zumindest in uns.

Wenn ich anderen Überlebenden heute in die Augen schaue, verstehe ich mich und uns besser. Ich werde milder, liebevoller, geduldiger- und die Seite in uns, die gelernt hat, sich zähnefletschend auf ein anderes Opfer zu stürzen, bemerkt, dass sie selbst nur benutzt wurde. Dass sie nie etwas selbst in der Hand hatte, dass das ganze Gerede von „Privileg“ und „Elite“ und „Besonders-Sein“ gigantische Täter_innenlügen waren, um sie in ihrem Sinne zu formen. Innerlich stürzen Überzeugungen ein, die sich jahrzehntelang hielten. Ich weiß nicht wohin mit dieser Trauer, mit der Erleichterung und der Wut. Wir sind „Eine von Vielen“- was für eine schreckliche und was für eine wunderbare Erkenntnis.

Ich glaube, daß ich mit diesen Gedanken und Gefühlen nicht alleine war, als ich am Wochenende am Kongress teilnahm. Ich weiß noch, wie das war, als wir 2013 die Tagung „DIS-kurs“ veranstalteten: Diese unbeschreibliche Energie von verschiedenen Viele-Menschen- Lebendes und Sterbendes gleichzeitig-, das Gefühl von „Ich halte das nicht aus!“ und parallel dazu „Ich will mehr davon!“ … Hinterher waren wir uns sicher, dass wir so eine Veranstaltung nie wieder besuchen würden und dass wir so eine Veranstaltung auf jeden Fall wieder besuchen würden.

Ich denke an jene „Kinder von damals“, die diese Erfahrungen und Erkenntnisse nicht mehr erleben können.

Ihr seid trotzdem dabei.

 

 

 

zusammen

Ich frage unsere Lebensgefährtin: „Was ist eigentlich das Geheimnis unserer Beziehung? Warum klappt es, dass wir schon 16 Jahre zusammen sind?“

S.: „Ich glaube, es ist die Konstanz. Ihr seid so wunderbar konstant.“

– aufgerissene Augen, hochgezogene Augenbrauen

– sich gegen die Sessellehne fallenlassen

– Lachattacke

Ich: „Wir? Konstant? Viele-multi-Mischmasch-konstant oder wie?“

S. : „Ich meine das voll ernst.“

Ich: „Ja, das merke ich.“

S.: „Ihr seid da. Ihr seid, wie ihr seid. Und ihr bleibt seit 16 Jahren mit mir zusammen.“

Ich: „Naja, für dich gilt das ja auch.“

S.: „Genau. Das ist das Geheimnis.“

Ich: „.“

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