sortieren mit Cat Stevens

Well, if you want to sing out, sing out

and if you want to be free, be free

cause there´s a million things to be

you know that there are

Ich pfeife die erste Strophe des Songs von Cat Stevens (von damals, als er noch Cat Stevens hieß) und singe ihn gedanklich mit. Meine Ohren freuen sich über das direkte, unverfälschte Hören durch die Kopfhörer und meine Hände blättern währenddessen entspannt durch Papiere.

And if you want to live high, live high

and if you want to live low, live low

cause there´s a million ways to go

you know that there are

Ein kurzer Blick auf ein Blatt mit etwas drauf, zur Seite gepackt, nächstes Blatt, auf einen anderen Stapel gelegt und jetzt kommt die Stelle im Lied, die meine Gesangsstimme irgendwie meistens überfordert. Pfeifen geht aber:

You can do what you want

the opportunity´s on

and if you find a new way

you can do it today

you can make it all true

and you can make it undo

you see, ah ah ah

it´s easy, ah ah ah

you only need to know

Ich denke beim Pfeifen und Summen an unsere Chorleiterin, die uns diesen musikalischen Rhythmus des „Shuffle“ mit einem ganzkörperlich ausgedrückten „Galopp, Galopp, Galopp“ näherbrachte und lache in mich hinein.

Einige weitere Blätter wandern zur Seite, ich korrigiere eine Stelle mit dem Bleistift und singe schließlich leise in der Zweitstimme:

Well, if you want to say yes, say yes

and if you want to say no, say no

cause there´s a million ways to go

you know that there are

Das Lied ist fast zu Ende, ich habe ein Grinsen im Gesicht, bin gut gelaunt und nehme ein letztes Papier in die Hand. Mein Blick geht über den Couchtisch hinweg: Dort sitzt unsere Lebensgefährtin, eigentlich mit Nähen beschäftigt, und starrt mich mit einem Gesichtsausdruck an, der irgendwo zwischen fasziniert und fassungslos liegt.

Ich nehme die Kopfhörer aus den Ohren und frage überrascht: „Was ist?“

Sie zeigt auf die Papiere und sagt: „Fröhliches Pfeifen, dumdidum, lalala- und dazu solche Bilder…“

Ich schaue nun bewusster auf das, was ich die ganze Zeit gemeinsam mit Cat Stevens sortiert habe: Schwarz-weiß-Zeichnungen, Figuren, Personen, Waffen und Gewalt.

„Oh“, gluckse ich nur und fange herzhaft an zu lachen, weil mir die Absurdität der Sache so gefällt.

Unsere Lebensgefährtin lacht mit und schüttelt den Kopf- sie kennt uns. Sie kennt „sowas“. Sie war und ist nicht wirklich erschrocken. Dissoziation im Alltag eben.

Ich singe die letzte Strophe:

And if you want to be me, be me

and if you want to be you, be you

cause there´s a million things to do

you know that there are…

Begleitung, Zeit und Mitgefühlsermüdung

Wie ist das, wenn Therapeuten*innen, Freunde*innen, Partner*innen, u.a. Menschen mit schweren Traumafolgestörungen über viele Jahre oder Jahrzehnte begleiten?

Ohne Ein- und Mitfühlungsvermögen wird wohl keine stabile Beziehung aufgebaut und gehalten werden können. Das Gegenüber muss bereit sein, sich auf die Erlebens- und Wahrnehmungsrealität(en) des Anderen einzulassen und dabei auch in gewisser Weise mitzuschwingen. Auch in Krisen und Notfallsituationen „da“ zu sein bedeutet, Schmerz, Angst und andere heftige und belastende Emotionen wahrzunehmen, mit auszuhalten und oftmals nichts „Auflösendes“ tun zu können.

Das Leben mit Traumafolgen ist eine Berg- und Talfahrt, häufig und über weite Strecken mit mehr und sehr tiefen Tälern als Bergen. Wenn jemand dieses Leben (ein Stück weit) mitgeht, sei es in professionell helfender Position (z.B. Sozialarbeiter*innen, Therapeuten*innen, Ärzte*innen, Familienhelfer*innen, o.a.) oder in privat begleitender Position (Freunde*innen, Partner*innen, Angehörige*innen, o.a.), erlebt man die Berg- und Talfahrt mehr oder weniger hautnah mit. Selbst wenn sich der betroffene Mensch nach Kräften bemüht, nichts von seinem Leid, seinen Ängsten und Krisen nach außen sichtbar werden zu lassen, hat er/sie möglicherweise trotzdem Menschen in seinem Umfeld, die etwas mitfühlen können (und wollen!).

Ich bin unbeschreiblich dankbar für jene Menschen an unserer Seite, die schon seit Jahrzehnten „mit uns gehen“. Mal mehr, mal weniger nah, aber doch immer „da“. Und gleichzeitig mache ich mir immer wieder Sorgen um ihre eigene psychische und physische Gesundheit, um das Thema „Burnout“ und in dem Zusammenhang auch um den Aspekt der sogenannten „Mitgefühlsermüdung“. Ich habe diese Bezeichnung für einen bestimmten Prozess oder Zustand bisher gar nicht gekannt, sondern dazu nur ein Bild gehabt: Nach langjähriger, zum Teil sehr intensiver Begleitung oder „Helfer*innen-Rolle“ geht der Mensch irgendwie innerlich (und irgendwann auch äußerlich) weg vom Gegenüber. Es fühlt sich so an, als sei er/sie gelangweilt, verhärtet, schwingungsunfähig, müde, seltsam distanziert, abgekühlt. Und das in einer Beziehung, die zuvor Wärme, Nähe, Empathie und offene, vertrauensvolle Kommunikation beinhaltete.

Ich denke, dass es ziemlich logisch ist, dass sich eine Freundschaft oder auch eine langjährige therapeutische Beziehung mit der Zeit ent-kräftet. Vor allem dann, wenn es einen Part des schweren Leides gibt, der immer und immer wieder sicht- und fühlbar wird. Ob es nun die Folgen von Gewalt sind, die sich wie ein roter Faden durch das Leben ziehen, oder eine Suchtgeschichte oder eine schwere, körperliche Erkrankung, o.a. Leid ist anstrengend, macht mürbe- und lässt auf Dauer auch „abstumpfen“. Zum Glück, möchte ich auch sagen, denn wenn der Horror jeden Tag, jede Stunde präsent wäre, wäre man nicht mehr lebenswillig- oder?

Für uns selbst sind unsere Gewalterfahrungen nicht immer greifbar. Wir erleben völlig unbeschwerte, glückliche, friedvolle Situationen und Zeiten, in denen wir „vergessen“, was sich in unserem „Rucksack“ befindet, oder dass wir überhaupt einen tragen. Und wir sind für dieses Erleben sehr dankbar, sind erleichtert, so leben zu können.

Das „Vergessen des Rucksacks“ kennen auch unsere nahestehendsten Bezugspersonen, z.B. unsere Lebensgefährtin. Sie ist mit uns dann zusammen in glücklichen Situationen; und daneben, davor oder dahinter ist „nichts“. Unser Background, die Probleme und Gefahren spielen dann keine Rolle. Und ich glaube, dass diese Momente, diese Zeiten absolut nötig und wichtig für die Gesundheit unserer Beziehung, ihrer und unserer individuellen Person(en) sind.

Ich bin froh, dass wir zwischendurch beide-alle „vergessen“ (oder ignorieren?), welche Schwierigkeiten wir „eigentlich“ haben: Dann ist es so, als würden wir im Eifer des Tuns fröhlich auf eine Leiter steigen und erst oben (oder nach dem Abstieg) kurz daran denken, dass wir doch eigentlich schreckliche Höhenangst haben.

Wenn es nun in solchen privaten Kontakten lange Zeit sehr schwer ist, mit vielen Krisen, Abstürzen, Sorgen; und der Rucksack ist unübersehbar prall gefüllt und belastet jeden Alltagsschritt- dann helfen zumindest uns und unserer Lebensgefährtin (und auch unseren engsten Freunden*innen) die Erinnerungen an „(fast) rucksackfreie Momente“. Wir können in diesen Beziehungen beide-alle andocken an das, was unsere gemeinsame Basis ist. Und wir spüren, dass unser gewaltvoller Lebenslauf zwar speziell ist und bestimmte Herausforderungen mit sich bringt- dass unsere privaten Kontakte sich aber nicht nur durch ein „Helfer*innen-Ding“ definieren. Da ist mehr Inhalt, mehr Sinn; es geht auch noch um anderes.

In professionellen Begleitungssettings geht es jedoch hauptsächlich um das, was die Begleitung nötig macht: Die Schwierigkeiten, Störungen, Verletzungen, Behinderungen, Bedürftigkeiten. Der „Rucksack“ wird untersucht, beleuchtet, reflektiert, ausgepackt, auf Aktualität überprüft, usw: Wie kann das Leben leichter gehen, was schleppe ich alles weshalb mit mir herum, wie kann ich Ballast loswerden- wo tut es weh, wie fühlt sich das an, womit hat es zu tun, wie sieht es aus? Aus unserer eigenen Erfahrung heraus habe ich den Eindruck, es wird gerade in Psychotherapien manchmal zu wenig Fokus auf das gelegt, was gut gelingt, was schön ist/war, welche Stärke(n) etabliert wurde. Klar- Psychotherapie hat ja auch einen gewissen „Heilungsauftrag bei psychischer Erkrankung“, es geht ja nicht um Kaffeekränzchenplauderei… Wobei- wenn´s hilft?!

Und jetzt mal Butter bei die Fische: Wenn ich fünf, acht, zehn Jahre als Sozialpädagogin oder Therapeutin einen Menschen durchschnittlich ein Mal pro Woche sehen würde, um mit ihm über Gewalttrauma, alten Schmerz, Ausstieg, innere Kämpfe und immer, immer, immer wieder diverse Rückfälle in destruktive Verhaltensmuster zu sprechen- dann fände ich gewisse Ermüdungserscheinungen auch ziemlich angemessen und normal.

Menschen machen bei Überreizung dicht, auf verschiedene Arten. Wenn ich einen Horrorfilm anschauen müsste, würde ich natürlich reflexhaft versuchen, Augen und Ohren zu verschließen, um meine Psyche vor Überforderung zu schützen. Wäre ich Horrorfilmen jeden Tag ausgesetzt, weil ich „Horrorfilmtesterin“ wäre (gibt es diesen Job?), würde ich irgendwann abstumpfen und den Schrecken darin nicht mehr spüren. So geht es Menschen ganz generell, wenn sie z.B. ständig mit Nachrichten von Attentaten, Kriegsgebieten, sinkenden Flüchtlingsbooten, o.a. konfrontiert werden: Sie finden es zwar immer noch schlimm, aber häufig eher auf kognitive Weise und weniger emotional fühlbar.

Ein*e Psychotherapeut*in, die mit ihrem Mitgefühl sehr nah an der/dem Klienten*in dran ist, die quasi ungefiltert mit eintaucht in diese Erlebensrealität, kann meiner Meinung nach gar nicht ohne Sekundärtraumatisierung und Burnout aus dieser Geschichte herauskommen. Die z.B. sozialpädagogische Begleitung eines Ausstiegs aus organisierten Gewaltstrukturen, die konfrontiert ist mit Bedrohungen, Übergriffen, körperlichen und psychischen Verletzungen, Hilf- und Schutzlosigkeit, Suizidimpulsen und -handlungen, muss einen Umgang damit finden, permanent hochgradig besorgt (oder gar verängstigt) zu sein. Wenn einem der/die Klient*in am Herzen liegt, ist es doch klar, dass man emotional beteiligt ist.

Wie kann man diese Berg- und Talfahrt teils über Jahre mit begleiten, ohne auszubrennen und ohne sein Mitgefühl, sein offenes Herz, seine Geduld zu verlieren? Ist eine gewisse Sachlichkeit oder gar Verhärtung nötig, damit man „durchhalten“ und da bleiben kann? Wo setzt man Grenzen gegen Sekundärtraumatisierung und wo werden sie zur Mauer gegenüber der/dem Klienten*in?

Meine (ressourcenorientierten :-))Stichworte dazu sind:

Ehrlichkeit: Sich Erschöpfung zugestehen und sie aussprechen. Was nicht geht, geht nicht. Was das Herz/der Bauch sagt, ist wichtig.

Fokus: Den Wert der Beziehung außerhalb des Rucksacks beleuchten. Die Überlebensstärke im Gegenüber wahrnehmen und aussprechen. Was ist dir wichtig, was ist mir wichtig?

Reflektion: Gehen wir eigentlich noch gemeinsam in eine Richtung? Was war bisher, was hat geholfen, was haben wir schon zusammen geschafft? Wie fühlst du dich mit mir, wie fühle ich mich mit dir und unserer Arbeit?

Pausen: „Nur mit sich sein“ kann helfen und stärken. Manches braucht Ruhe und Zeit, um sich „setzen“ zu können. Ablenkung mit Schönem ist erlaubt. Einfach mal „nicht daran denken“. Pause bedeutet nicht „Beziehungsende“.

Wertschätzung: Ich darf dich mögen und du mich. Unsere gemeinsame Arbeit / der gemeinsame Weg lohnt sich. Wir haben schon viel ausprobiert, geschafft, besprochen, verworfen. Das, was wir bisher gemeinsam getan haben, war und ist unverzichtbar.

Vernetzung: Nicht alleine bleiben, nicht alleine kämpfen. Schweres braucht mehrere zuverlässige Mitträger*innen.

Gesetzesveränderung bei sexualisierter Gewalt: Höhere Strafen reichen nicht!

Laut Bundesjustizministerin Lambrecht „sollen der sexuelle Missbrauch sowie der Besitz und die Verbreitung von Kinderpornographie künftig grundsätzlich als Verbrechen eingestuft werden. Dadurch beträgt die Mindeststrafe mindestens ein Jahr, die Höchststrafe 15 Jahre. Bisher waren auch kürzere Haftstrafen oder sogar nur Geldstrafen möglich, wenn die Tat nur als Vergehen eingestuft wurde. Die gewerbs- oder bandenmäßige Verbreitung von Kinderpornographie wird nach dem Willen der Ministerin künftig mit mindestens zwei Jahren Gefängnis bestraft. (…)

Ich hoffe, dass auch das Thema „Aufhebung der Verjährungsfrist“ in der politischen Diskussion eine Rolle spielen wird. Zudem hätte ich es mir besonders gewünscht und sehe es als große Notwendigkeit, die Theorie und Praxis der psychiatrischen Glaubhaftigkeitsbegutachtung der „Opfer sexuellen Missbrauchs“ in den Fokus zu rücken. In diesem Zusammenhang ist es meiner/unserer Erfahrung und der vieler anderer Betroffener nach sehr wichtig, die grundlegenden Erkenntnisse der Psychotraumatologie der Begutachtungspraxis zugrunde zu legen: Menschen mit Psychotraumatisierungen sind nicht per se „schlechte Zeugen*innen“! Sie brauchen ein Gegenüber, das über fundiertes Wissen zu dissoziativem Geschehen und Prozessen des Wieder-Erinnerns verfügt. Ein Gegenüber, das in der Lage ist, seine Kommunikation und den Kontakt während der Untersuchungen der/dem Betroffenen anzupassen, statt es andersherum zu erwarten!

Ein höheres Strafmaß bei sexualisierter Gewalt ist zwar ein wichtiges Signal und stellt eine gute Entwicklung dar- für die Unterstützung und Versorgung der Opfer braucht es aber mehr! An die Gesellschaft, in der wir alle leben, wird zwar einerseits ein Zeichen des „Kampfes gegen sexualisierte Gewalt (gegen Kinder und Jugendliche)“ gerichtet- ich glaube jedoch, dass die allermeistens Menschen gar nicht wissen, welche (vermeidbaren!) Hürden und Belastungen Opfer während eines Strafverfahrens durchstehen müssen.

Wenn man sich zum Teil jahrelang (möglicherweise psychotherapeutisch unbegleitet/unversorgt) durch so einen Prozess schleppt (möglicherweise dauerhaft in einer unklaren oder auch deutlichen Gefährdungslage, wenn man organisierte Gewalt erlebt hat), während mehrerer Vernehmungen Polizeibeamten*innen ohne Grundlagenwissen zu Psychotrauma begegnet ist, forensische Gutachter*innen aushalten musste, die sich auf jahrzehntealte, unüberarbeitete „Grundlagen der Glaubhaftigkeitsbeurteilung“ stützen- dann ist ein neues, höheres Strafmaß und die Verwandlung von „Vergehen“ zu „Verbrechen“ am Ende nicht unbedingt das, wofür sich die ganze Prozedur ultimativ gelohnt hat.

„Täter*innen am besten für immer wegsperren!“ lässt sich leicht fordern, wenn man seinen Blick nur auf Täter*innen gerichtet hat und nicht auf die Überlebenden und ihre Zeit „damit“ und „danach“.

 

 

 

Wut, Aggression, Gewalt und Klischees

Ich denke darüber nach, wie unterschiedlich Wut wahrgenommen und ausgedrückt werden kann: Introvertiert, gegen sich selbst gerichtet, unterdrückt, verschwiegen, somatisiert, verschleiert, in Depression verwandelt. Oder extrovertiert, laut, schreiend, krampfend, gewalttätig, explodierend. Oder rationalisiert, von einer Metaebene aus betrachtet, de-personalisiert, bewertet.

Gibt es typisch weibliche* oder typisch männliche* Umgangsweisen mit Wut und Aggressionen? Oder wird das jeweilige aggressive Verhalten in weiblich* und männlich* unterteilt? Ist das alles Quatsch und einfach ein individueller Temperaments- und Persönlichkeitaspekt, unabhängig von „Geschlecht“?

Wütende Männer* werden häufig anders bewertet und anders betrachtet als wütende Frauen*: Bei den Einen wird assoziiert, sie seien besonders durchsetzungsstark, erfolgsorientiert, kämpferisch, machtvoll, vielleicht auch immer irgendwie gewaltvoll. Bei den Anderen schwingt häufig Abwertung mit: Übertrieben, hysterisch, kreischend, „Emanzentussi“- oder weil so sehr „zurückgenommen“ und „versachlicht“, gar nicht wirklich ernst zu nehmen…

Glücklicherweise tragen auch viele Menschen dazu bei, dass sich diese Bilder verändern dürfen!

Ich habe zwei Freundinnen, die laut lachen und auch laut schreien können. Sie fluchen und schimpfen sehr ausufernd, wenn sie sauer sind. Sie haben sich als Jugendliche geprügelt. Sie rempeln heute noch zurück, wenn sie angerempelt werden. Sie werden manchmal ungerecht und schießen übers Ziel hinaus, wenn sie mit jemandem streiten. Sie sind nicht immer diplomatisch und fair. Sie agieren Wut körperlich aus, indem sie z.B. boxen, Holz hacken oder wild tanzen. Sie reflektieren erst, nachdem sie ihre Gefühle beachtet und versorgt haben. Sie können sich oft nicht so schnell beruhigen. Es ist ihnen häufig/meistens völlig egal, ob sie anderen „gefallen“.

Beide kennen Sätze wie „Warum bist du denn so zickig?“, „Reg dich nicht so auf!“, „Hast du deine Tage oder was?“, o.a.- überwiegend von Männern* geäußert, wenn sie sich abgrenzen.

Beide werden daraufhin noch wütender und lauter, statt zu verstummen.

Beide waren früher Opfer von Gewalt.

Von ihnen lerne ich (!) unter anderem, dass es nicht „gut“ aussehen muss, wenn Wut nach außen kommt. Es ist okay, zu missfallen. Es gibt Klischees, wie „Opfer von Gewalttaten“ konstituiert sein oder agieren müssten- und die sind genauso bescheuert, wie Klischees zu Tätern*innen.

Menschen, die Gewalt erlebt haben, spüren ihre Wut manchmal besonders heftig oder auch gar nicht. Vielleicht merken sie eine erhöhte Reizbarkeit, kennen „Alltagsgenervtheit“, aber keine tiefsitzende Wut. Dieses Gefühl wird möglicherweise konsequent geleugnet oder sich selbst verboten- wohl auch, weil es eben mit Gewalt (traumatisch) assoziiert wird.

Aggression bedeutet nicht automatisch Gewalt. Gewalt hinterlässt aber immer auch eine aggressive Spur, einen Fingerabdruck!

Ein Teil der Reaktion auf Gewalteinwirkung ist ja zunächst einmal Abwehr: Wenn Kampf oder Flucht nicht möglich sind, friert man innerlich ein. Die „Kampfenergie“ verpufft aber nicht einfach so (da wird etwas „gestaut“).

Sie kann sich tarnen, verstecken, irgendwo anhaften, zunächst unsicht- oder unfühlbar sein- aber sie beeinflusst immer ein menschliches System (Körper, Seele, Geist).

Wie ist das mit Wut und Aggression in einem multiplen System? Gehen diese Emotionen automatisch mit Gewalterinnerungen und/oder -impulsen einher?

Gibt es Innenpersonen, die die Wut „sind“ oder repräsentieren?

Ich kann diese Einteilung für uns übrigens nicht bestätigen. Jede Persönlichkeit hat einen individuellen Umgang mit Emotionen: Vielleicht fällt es der einen „leichter“, einen Zugang zu Aggressionen zu haben und der anderen ist das Gefühl der „Trauer“ näher; vielleicht übernimmt die Eine die Angst der Anderen, oder vielleicht flutet die spezielle Freude von jemandem durchs ganze System… Aber wir kennen Gefühls-Kategorisierung nicht: Zöge man die Schublade „Wut“ auf, wäre nicht automatisch immer die gleiche Innenperson darin UND erst recht nicht automatisch immer etwas „Täterloyales“ oder „Täteridentifiziertes“.

Bezüglich der therapeutischen Arbeit kommen in uns folgende Fragen auf:

Wie viel Sichtbarkeit und Raum dürfen Wut, Hass, Aggression in der Therapie haben?

Spaltet der/die Therapeut*in die Innenpersonen in „Opfer“ und „Täter*in“ und/oder zerlegt er/sie das System in Emotionskategorien, ohne das genau mit der/dem Klienten*in zu überprüfen?

Ist Gewalt etwas, das er/sie nicht innerhalb des Systems sieht, sondern nur außen bei Täter*innen verortet?

Kann über gewalttätige Impulse oder Handlungen gesprochen werden und auch über massive oder tabuisierte Formen der Selbstbeschädigung? Neigt der/die Therapeut*in dazu, relativierende oder verharmlosende Dinge zu sagen wie „Ihr könnt nichts dafür!“, „Das ist nur ein Gefühl!“ oder „Es ist nur eine Phantasie, ein Gedanke- in der Realität würdet Ihr so etwas nie tun!“?

Realisiert der/die Therapeut*in jenen gewaltvollen Fingerabdruck, den die Täterenergie auf dem/ im System und dem Körper hinterlassen hat UND das daraus auch (logischerweise) resultierende Aggressionspotential?

Werden manche Innenpersonen besonders gemocht oder bedacht, weil sie „immer so unkompliziert sind“, weil man sie einfach trösten kann, weil sie „leichtere Themen“ mitbringen, o.a.? Ist die Bereitschaft vorhanden, auch in Konflikte zu gehen, dran zu bleiben, tragfähige Beziehungen aufzubauen zu Persönlichkeiten, die schneller in Wut kommen und sie ggf. „unangemessen“ oder sehr „pur“ äußern?

Bemerkt der/die Therapeut*in auch eigene Wut, zum Beispiel in Form von Ungeduld, Sarkasmus, Zynismus, Ignoranz, o.a.? Wie und wo reflektiert er/sie das und wie authentisch ist er/sie damit in der Beziehung zu der/dem Klienten*in?

Ich finde, Wut ist nichts, wovor man Angst haben müsste.

Kind, Hängematte, Findus und Zeit

Ich liege mit einem dreijährigen Nachbarskind in der Hängematte. Wir schauen uns ganz entspannt das Buch an, in dem Kater Findus zu Pettersson kommt. Ich zeige auf ein Bild, auf dem Findus noch ein Babykater ist und sage: ‚Schau mal, wie klein der da noch ist!‘ Daraufhin ergibt sich folgender Dialog:

Warum ist der Findus noch klein?

Weil das schon länger her ist. Früher war er klein, jetzt ist er schon groß.

Ich hab ein Auto gemalt. Das ist auch schon früher gewesen. Das ist schon lange her. Gestern.

Ui.

Ich krieg einen Bruder.

Ja, ich weiß. Bist du schon aufgeregt, wie der wohl aussieht?

Der ist soooo klein dann. Soooo klein. Ich will lieber, dass ich einen großen Bruder krieg. Wann wird der groß?

Das dauert ein bißchen. Findus ist ja auch erst gewachsen, guck.

Aber warum ist der so klein? Warum ist der nicht groß?

An der Stelle bin ich mit meinem Kleinkindlatein schon am Ende und verkneife mir die Antwort ‚Ist halt so‘. Stattdessen sage ich: ‚Vielleicht muss er noch ganz viele Pfannkuchen essen, damit er wachsen kann?‘

Dieses Argument reicht offenbar erst mal aus und nach einer weiteren Bilderbuchrunde verschwindet das Nachbarskind zufrieden nach Hause zum Abendbrot.

Ich denke die ganze Zeit nicht an Corona, an Abstand oder Angst oder Traumazeugs, sondern freue mich über die Gedankenwelt eines gesunden, geliebten Dreijährigen.

Mich berührt es sehr, dass ‚früher‘ für so ein kleines Menschenwesen noch nicht mehr meint als ‚gestern‘.

Zeit und Prozesse sind in der Kindheit einfach völlig anders definiert und erlebt, als im Erwachsenenalter.

Ich glaube, das wird häufig vergessen.