Die Landeskasse braucht uns!

„Soweit die Klägerin behauptet, die satanistischen Rituale hätten auch im Bundesgebiet stattgefunden, so erscheint der Kammer bereits die Existenz eines solchen Geheimbundes als nicht wahrscheinlich. Derartige Verschwörungstheorien werden in den Medien immer wieder kolportiert. Nachweise für die Existenz solcher Bünde, jedenfalls von solchen, die als größere Gruppe erhebliche Straftaten durch rituelle Misshandlungen, Entführungen, Folterungen und Ähnlichem begehen, existieren nicht.(…)

Im Übrigen erscheint es dem Gericht als völlig unmöglich, derartige Verbrechen durch eine größere Gruppe von Personen geheim zu halten.“

(Auszug aus der Begründung der Klageabweisung des Sozialgerichtes L., 2015, im Rahmen meines Opferentschädigungsverfahrens)

 

Heute halte ich Post in den Händen. Vom eben jenem Sozialgericht.

Ich soll nachweisen, dass meine Vermögensverhältnisse unverändert „arm“ sind- ansonsten müsste ich knapp 700 Euro der Prozesskostenhilfe nachzahlen, die man mir während des Opferentschädigungsverfahrens gewährt hat. Diese Regelung gilt für die nächsten 4 Jahre. Das heißt: Sollte ich „demnächst“ aufgrund einer Spontangenesung auf der Karriereleiter ganz nach oben kraxeln, muss ich blechen. Dafür, dass ich anwaltliche Begleitung in einem Verfahren hatte, dass mir rein rechtlich zusteht. Ich wurde Opfer von Gewalt- also habe ich das Recht, einen Entschädigungsantrag zu stellen. Dass sich das zuständige Versorgungsamt im Grunde ein Jahrzehnt Zeit gönnte, „nein“, „nein“ und wieder „nein“ zu sagen und darauf hinzuarbeiten, dass „die Antragstellerin“ irgendwann einfach vollkommen am Ende die weiße Fahne schwenkt, lag außerhalb meines Einflussgebietes.

Die Landeskasse hätte nicht so lange Prozesskostenhilfe leisten müssen. Naja, hätte hätte Fahrradkette.

Ich atme durch und erstelle eine Kopie meiner übersichtlichen Vermögensverhältnisse, die freundlicherweise durch das Jobcenter schon prima auf 7 DIN-A4-Seiten zusammengefasst wurden: „Frau Pauline hat nullkommanix, braucht soundsoviel für Miete, Gas und ÜberdieRundenkommen und kriegt soviel, wie wir für angemessen halten.“ Jeden Monat. Seit 2002.

Dann setze ich mich kurz an den Schreibtisch und kritzel ein kleines, formloses Brieflein, welches ich letztlich dann doch nicht mit in den Umschlag für´s Sozialgericht packe.

Stattdessen bekommt es hier einen Platz:

Hallo Sozialgerichtsleute,

was für eine Überraschung, von Euch zu hören! Ich dachte schon, jetzt kommt´s, Ihr habt nachgedacht und wollt Euch für Eure asoziale, strunzdoofe Urteilsbegründung entschuldigen. Ich Naivling, jaja, ist klar. Stattdessen geht´s um Eure miserable Lage, bzw. um die der Landeskasse. Ich hab Verständnis, ganz ehrlich! Wo kommen wir denn hin, wenn jeder Schmarotzer auf Staatskosten just for fun und aus Langeweile 13 Jahre juristische Arbeit verursachen würde, ohne auch nur einen Furz an Gegenleistung zu bringen. Wirklich, ich versteh, dass Ihr prüft, wo versteckte Reichtümer verbuddelt sein könnten. Gerade bei Gewaltopfern ist das ja typisch: Hängen jahrelang (angeblich) mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung zu Hause rum und verticken nebenbei Antiquitäten, leiten heimlich Wirtschaftsunternehmen oder verschieben Ihr fettes Familienerbe in die Schweiz oder auf die Cayman Islands. Kennt man ja. Also, in meinem Fall muss ich aber leider sagen: Bei mir ist immer noch nix zu holen.

Aber bitte verzagt doch nicht! Ich hätte einen heißen Tip, wo Ihr es mal versuchen könntet mit der Geldeintreiberei- nur leider glaubt Ihr ja nicht an die Existenz einer gewissen „Gruppierung im Bundesgebiet“. Falls Ihr Eure Meinung ändern solltet- Ihr habt ja noch 4 Jahre Zeit, wieder anzuklopfen.

Mit freundlichen Grüßen,

Pauline.

 

7# Multipel sein bedeutet…

… zu spüren, dass der Körper in all dem Innenkommunikationswust zwischen Persönlichkeiten noch eine weitere Ausdrucksinstanz darstellt. Die man irgendwie nebenbei vergessen kann. Oder übersehen. Oder negieren. Und die dann immer lauter wird, hartnäckiger, schmerzhafter.

Angst und Liebeliebe und Geschirr spülen und müde eigentlich und Telefon. Autsch. Blumenduft und spazieren wollen, aber erst noch Wasser im Kopf. Schwapp. Katzenfell, ich kann nicht hier weiter was sagen, gleich sollten wir. Vergessen. Ticktack zeitvergeht. Zum Glück sind wir am Leben das will ich alleine haben, ach, hör doch auf… Traumaknacks im Alltagsbewusstsein. Lass uns bitte beide romantisch sein, haha, nein jetzt geh zur Seite und lass mich. Ticktack zeitvergeht. Tierdokumentation und Sternbilder, aber jetzt mal los zum Arzt, eine Vorsorge, nichts weiter als eine, Ich hab Angst, es tut weh. Wutattacke mit Messer im Anschlag, das keiner sieht, du bist so ein Vollhonk. Wenn der mich noch ein Mal von der Seite, ticktack, das Leben ist wunderbar großartig, solange man einen Igel im Herbstgarten hat. Vorsicht, ein Auto, ich muss mich setzen, was hast du gesagt, ich höre nichts weiter als rauschen. Und das Ende vom Lied? Wo sind die Batterien für. Katzenfell am Arm. Wo war noch mal das Therapiehaus-

stolpern über die eigenen Füße.

Sich aufrappeln.

Feststellen, dass der Körper zwei Nächte ohne Schlaf war.

Ach ja. Stimmt. Da war noch was.

Körper.

War der eigentlich eben auch schon da?

 

 

sein dürfen

verkrampft zwischen den Schultern. vorne, mitten auf der Brust.

Ärgern über alles mögliche. Unordnung, Vergesslichkeit. Nörgeln, ungerecht werden.

Innehalten.

Was tue ich eigentlich?

Stille.

Das Pochen auf der Körpervorderseite verzieht sich langsam

nach hinten.

Eine Welle baut sich im unteren Rückenbereich auf und steigt dann

unaufhaltsam

nach oben, bis in den Kopf.

Eine Welle aus dem,

was

eigentlich

ist.

Hinter dem Ärger über Kleinigkeiten.

Der Krampf löst sich.

In der Nase kitzelt es.

Die Fingerspitzen kribbeln.

Die Augen schauen unscharf und dann

kommen

die

Tränen.

Endlich.

von weit hinten

zeigt sich

die Trauer.

Als Chance.

 

6# Multipel sein bedeutet…

Barfuß über warmfeuchte Erde.

Zwischen Blumen, Kräutern, Mischmaschgewächsen, ein kleiner Trampelpfad.

Ein Blatt kratzt über den Fußrücken. Eine kleine Kellerassel berührt einen Zeh. Nicht schlimm. Fremde Eindrücke, ungewohnt. Jenseits von Betonboden oder eiskalthart. Alles ist willkommen,

hier draußen,

solange es keine Spinne ist.

Stehenbleiben. Mittendrin. Die größte Blume ist höher als sie selbst. Schmetterlingsflattern am Arm. Sowas gab es noch nie. Noch nie so.

Atmen ist anstrengend. Es drückt auf ihre Brust, die Nase ist verstopft, die Augen jucken. Es wird schlimmer werden. Aber sie will

barfuß über warmfeuchte Erde,

auf einer wilden Wiese,

gehen.

Zum Glück wissen die anderen nicht,

dass sie diejenige mit der Allergie ist.

Getarnt,

hinter einer Art Gesichtsschleier versteckt,

bewegt sie sich

außerhalb.

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