Erinnerung, Aussage und Vergessen

Vor einem Monat wurde unsere Lebensgefährtin Zeugin eines Vorfalls, bei dem ein Hund einen anderen Menschen gebissen hatte.

Jetzt soll sie dazu eine schriftliche Zeugenaussage formulieren. Wir versuchen zusammen, die noch klar erinnerlichen Fakten geordnet zu Papier zu bringen: „Was hast du wann gesehen, gehört, gedacht? Wer hat wann was getan? Was hast du konkret beobachtet und was war Interpretation? War der Hund die ganze Zeit unangeleint?“

Ich kann merken, dass unsere Lebensgefährtin immer mehr in Spannung und Druck gerät, je länger wir uns mit dem Vorfall beschäftigen. Nicht, weil das Geschehen an sich für sie heute noch belastend wäre, sondern weil die Aufgabe, „als Zeugin die Wahrheit klar zu erinnern und zu sagen“ sie immer mehr stresst. Ihre Erinnerung ist zwar abrufbar, aber längst nicht mehr so genau und detailliert, wie vor einem Monat (direkt danach). Und auf dem Formular des Ordnungsamtes stehen Fragen, von denen sie heute manche wahrheitsgemäß mit „Das weiß ich jetzt nicht mehr.“ beantworten muss.

Ich kann den Stress verstehen, den sie jetzt erlebt. Sie will es „richtig“ machen.

Und dann erinnere ich mich:

An die Vernehmungen im Rahmen unserer Strafanzeige. An die vielen Stunden, in denen unsere Erinnerungen von der Polizei immer wieder auf´s Neue seziert, abgefragt, hinterfragt, ausgeleuchtet, verdreht wurden. An die innere Hochspannung, wenn Details nicht mehr genau berichtet werden konnten. Details, die zum Teil 20 oder 30 Jahre zurücklagen.

„Wo im Raum haben Sie sich befunden? Beschreiben Sie den Raum. Waren Sie allein? Wer war noch dabei? Wie viele Menschen waren anwesend? Beschreiben Sie diese Menschen. Wie waren die Lichtverhältnisse? Wie alt waren Sie? Erinnern Sie sich an das Datum, die Uhrzeit, die Jahreszeit, das Jahr? Wie sind Sie dort hingekommen? In welchem Gebäude befindet sich der Raum? Wie haben Sie das Gebäude betreten? Wie sah die Tür aus? Haben Sie sie selbst geöffnet? Wer hat sie geöffnet? Womit? Ging die Tür nach innen oder nach außen auf? Was ist in dem Raum passiert? Was war zuerst? Wer hat was gemacht? Wurde gesprochen? Wurde zuerst gesprochen oder zuerst gehandelt? (…)“

Ich erinnere mich an die tiefgreifende Verzweiflung, die uns während der Vernehmungen und danach packte: „Wir haben Lücken, wo keine sein dürfen. Wir können es nicht richtig machen. Wir sind selbst Schuld, wenn die Polizei mit unseren Aussagen nichts anfangen kann. Wir sind einfach nicht in der Lage, uns korrekt zu erinnern.“

Heute weiß ich, wie „normal“ unsere Gedächtnisstruktur war und ist. Heute erlebe ich, dass auch eine nicht dissoziativ strukturierte Person wie unsere Lebensgefährtin Schwierigkeiten damit hat, einzelne Aspekte eines vergangenen Geschehens wieder eins zu eins zu reproduzieren. Eines Geschehens, das keine 20 oder 30 Jahre zurückliegt, sondern lediglich einen Monat.

Hier und heute denke ich, dass es einfach viel zu viel zu viel verlangt war, damals. Wir haben zu früh Strafanzeige erstattet, wären heute anders in der Lage, sortiert und klar über unsere Gewalterfahrungen zu sprechen und den hohen Stress der Vernehmungen und Untersuchungen besser auszuhalten und zu kompensieren.

Außerdem wären wir jetzt selbstsicherer, wenn die Polizeibeamten ihren Job, Aussagen genau zu überprüfen, ohne wenn und aber umsetzen würden. Wir würden uns für kein „ich weiß nicht mehr“ schämen. Und wir würden darauf bestehen, dass sie sich mit dem Mechanismus der Dissoziation (speziell der strukturellen Dissoziation!) fachlich auseinandersetzen, noch bevor sie uns die erste Frage zu Gewaltdetails stellen!

 

viel(e) sehen

Sie betritt das Optikergeschäft. In einer Hand hält sie eine Brille.

„Guten Tag. Können Sie bitte meine Augen testen? Ich besitze die Brille schon mehrere Jahre, trage sie aber wahrscheinlich zu selten. Ich habe den Eindruck, dass meine Augen in der letzten Zeit viel schlechter geworden sind. Jedenfalls passt die Brille einfach nicht mehr, glaube ich.“

Sie wird zum Augentestraum geführt. Ein Optikermeister kümmert sich um ihr Anliegen.

Nach der Untersuchung nimmt er ihre alte Brille in die Hand, hält sie in die Höhe: „Sie haben Recht. Diese Brille ist wirklich nicht hilfreich für Sie.“

Sie lächelt: „Okay. Das habe ich mir gedacht. Man wird ja auch nicht jünger…“

Er lächelt zurück: „Sie ist deutlich zu stark!“

Sie stutzt. „Meine Augen sind besser geworden statt schlechter??“

Er nickt. „Ja, so ist es. Sie brauchen eine andere Brille. Diese hier sollten Sie nicht mehr tragen. Wir sollten das wirklich anpassen.“

Sie schüttelt den Kopf. „Sowas gibt´s? Wie kann das denn sein, dass die Sehkraft plötzlich so…“

Er zuckt mit den Schultern. „Naja, die Augen sind nicht statisch, sondern ein dynamisches Organ…“

„Wir auch“, denkt sie. „Wir auch.“

Organisierte Kinderfolter und Stachel

Die Missbrauchsserie auf dem Campingplatz Eichwald in Lügde war Ende Januar 2019 öffentlich bekannt geworden. (…) Laut Urteil hatten die beiden Männer in mehr als 400 Einzelfällen mindestens 32 Kinder missbraucht.

Die Dimensionen des Ende Oktober 2019 bekannt gewordenen Missbrauchskomplexes von Bergisch Gladbach sind noch nicht absehbar. Es handelt sich mutmaßlich um ein Netzwerk von Verdächtigen, die Kinder missbraucht und Bilder der Taten getauscht haben sollen. (…) Mittlerweile gibt es Verdachtsfälle in zwölf Bundesländern. 36 Opfer und 51 mutmaßliche Täter sind derzeit identifiziert (…)

Hängen die Taten in Lügde und Bergisch Gladbach zusammen? NRW-Innenminister Reul spricht lediglich von möglichen verwandtschaftlichen Querverbindungen: `Ungewöhnliche Zufälle – aber so ist es eben manchmal.`

(Spiegel)

Ich glaube im Bereich der organisierten, sexualisierten Kinderfolter, bei der die Gewalt gegen Kinder und Jugendliche fotografisch und/oder filmisch aufgezeichnet werden, nicht an Zufälle. Selbstverständlich müssen Täter*innen sich gut vernetzen- sie haben schließlich einiges zu verlieren und einiges zu gewinnen!

Nicht jede*r kennt jede*n- denn auch das wäre für Täter*innen zu gefährlich. Aber gerade bei geographischer Nähe, dörflicher oder kleinstädtischer Lage gibt es (unserer Erfahrung nach) „Hotspots“, die bekannt sind und mehrfach frequentiert werden.

Ich kann diese immer wiederkehrende politische und juristische Anzweiflung organisierter Gewaltstrukturen in Deutschland (und natürlich auch anderen Ländern) nicht hören, ohne in Wut zu geraten. Bereits 2003, als wir Strafanzeige erstatteten, begegnete uns immer wieder die staatsanwaltschaftliche Aussage, es lägen „keine Erkenntnisse“ vor. Nichts von dem, was wir und zwei andere „Opfer“ in Vernehmungen berichteten (Täterklarnamen, Tatorte, Täterbeschreibungen, konkrete Daten, u.a.) wurde aufgegriffen und als „Erkenntnis“ ernstgenommen. Bis heute scheint sich nicht sehr viel verändert zu haben. Vielleicht ist das ja auch ein bundeslandspezifisches Phänomen? Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Soweit die Klägerin behauptet, die (…) Rituale hätten auch im Bundesgebiet stattgefunden, so erscheint der Kammer bereits die Existenz eines solchen Geheimbundes als nicht wahrscheinlich.

Derartige Verschwörungstheorien werden in den Medien immer wieder kolportiert. Nachweise für die Existenz solcher Bünde, jedenfalls von solchen, die als größere Gruppe erhebliche Straftaten durch rituelle Misshandlungen, Entführungen, Folterungen und Ähnlichem begehen, existieren nicht. Die Ermittlungen der Polizei und Staatsanwaltschaft haben insoweit nichts ergeben.

Im Übrigen erscheint es dem Gericht als völlig unmöglich, derartige Verbrechen durch eine größere Gruppe von Personen geheim zu halten.

(Sozialgericht, Urteilsbegründung in unserem Klageverfahren bzgl. Opferentschädigung, 2015)

Wir haben noch nicht damit abgeschlossen, dass uns (und anderen) so ein juristisches und politisches Unrecht widerfahren ist. Unsere Wut, unsere Energie und unser Bedürfnis, uns zu wehren, behalten wir. Gut so!

Wir versuchen, so lange Stachel im Fleisch zu bleiben, bis es an empfindlicher Stelle unerträglich schmerzt.

Dann schauen wir mal, wohin die deutschlandweiten „Zufälle“ geführt haben.

Wir sind eben nicht die Einzigen!

Leid(en) zulassen, ohne sich darin zu verlieren

In einem Kommentar zu unserem letzten Artikel wurden wir gefragt:

Was macht ihr gegen die Angst, sich in den Wunden, in dem Schmerz, in dem Unaushaltbaren zu verlieren? Kennt ihr die Angst, da nicht mehr draus „aufzuwachen“ oder sich zu verlieren und da dann gar nicht mehr raus zu kommen?

Wir möchten hier ausführlicher antworten.

Die Angst, sich selbst und den Kontakt zum Hier und Jetzt zu verlieren, wenn wir erst mal in Kontakt mit Emotionen kommen, kennen wir auch. Und in der Tat ist es ein Risiko, das mitschwingt, sobald man sich tiefergehend mit dem inneren Erleben beschäftigt. Nähert man sich alten, traumatischen Minenfeldern, oder arbeitet man an der Auflösung dissoziativer Barrieren, ist das eine Gratwanderung: Es kann ein heilsames Loslassen in Gang kommen, man kann sich handlungsfähig erleben und feststellen, dass man aktiv etwas am/im eigenen Fühlen, Denken und Handeln „tun“ kann. Man kann aber auch in ein Trauma-(Wieder-)Erleben rutschen, sich vollkommen überflutet und ohnmächtig fühlen oder auch „alleingelassen von der ganzen Welt“.

Die Grenze zwischen diesen beiden Wahrnehmungsbereichen ist oftmals hauchdünn- und der Übergang zwischen „okay, Tränen steigen auf, damit komme ich klar“ und „ich bin so verzweifelt, dass ich sterben möchte“ kann innerhalb kürzester Zeit stattfinden. Ebenso das innere „Wegpacken“ der Verzweiflung, zurück zu „war was? Mir geht’s gut!“. Die Geschwindigkeit, mit der Gefühlszustände wechseln und sich „ein-„, bzw. „ausschalten“, kann sehr hoch sein.

Verschiedene Innenpersonen oder -anteile können mit verschiedenen Emotionen eng verknüpft sein. Damit meine ich nicht die schubladenhafte Einsortierung in „Alex ist der Ängstliche, Wanja ist die Wütende, Frieda ist die Fröhliche, etc.“ (denn zumindest bei Menschen mit Dissoziativer Identitätsstruktur sind die Persönlichkeiten nicht so eindimensional zu sehen, sondern durchaus vielschichtiger).

Ich meine damit die Nähe der Innenleute zu bestimmten Gefühlszuständen: Manche können „leichter“ Wut empfinden und schwieriger Trauer, oder andersherum. Manche schaffen es besser als andere, einzelne Aspekte eines Gefühls wegzupacken, fernzuhalten, zu „entdramatisieren“:

Zum Beispiel, indem sie beim Entstehen einer sehr niedergeschlagenen Stimmung im Innern (evtl. unklar, zu wem sie gehört und weshalb sie da ist) eine Distanz einnehmen oder die körperlichen Begleitsymptome „ertragen“ oder Suizidimpulse „kompensieren“.

Wanja wäre also in dem Blickwinkel nicht „die Wütende“, sondern eher „diejenige, für die der Umgang mit Wut typisch ist“.

Personenbezogene Verknüpfungen mit Emotionen können Flexibilität und Schwingungsfähigkeit im Gesamtsystem erschweren und so immer wieder alte, vermeidende, dekompensierende Mechanismen auslösen, bzw. verhärten.

Wenn wir uns damit beschäftigen, näher in Kontakt mit Emotionen zu kommen und sie auszudrücken, mit dem Vorhaben, Belastendes loszulassen und uns im Idealfall insgesamt „erleichtert(er)“ zu fühlen, dann sind uns folgende Aspekte dabei wichtig:

klären, um wen und was es geht:

Wer will was? Fühlt sich ein*e Einzelne*r so oder geht es um mehrere? Fühlt jemand Bestimmtes „nichts“ und sucht Kontakt zu seinen eigenen Gefühlen, oder ist dieser „Leere-Zustand“ übergreifender? Gibt es überhaupt jetzt in diesem Moment ein Bewusstsein dafür, wer wer ist, wer „ich bin“? Ist das jetzt gerade egal oder muss das genauer (wofür?) geklärt werden? Ist schon so viel Chaos innen, dass es gerade nur ums „Aushalten“ geht?

vorher ein bisschen „üben“:

Wenn wir schon in einen Hochstresszustand kommen, sobald die Tränen beim Anschauen eines berührenden Films laufen, dann scheint uns möglicherweise das Weinen bereits zu triggern. Wie können wir uns dem vorsichtiger nähern? In welchem Kontext fühlen sich Tränen ungefährlich und „normal“ an? Wo geht „ein bisschen traurig oder bewegt sein“, inklusive eines selbstfürsorglichen, sich selbst tröstenden Umgangs? Wer im Innen reagiert wie auf weinen? Ist es für alle erlaubt? Gibt es Grund (immer noch) zu glauben, es sei verboten? Ist es in irgendeiner Form „logisch“ und schlau, sich an so ein Verbot zu halten? Wie sieht es mit anderen Gefühlen in „handelsüblichen Dosierungen“ aus? Ist Wut im Alltag händelbar? Können Aggressionen und Grenzen verbalisiert werden?

probieren, was hilft:

„Ein bisschen traurig oder wütend, ein kleiner Schmerz“- und dann? Was tun wir im Alltag, wenn jemand von uns betrübt ist? Wer tröstet wen wie? Wie beruhigen wir uns? Was erdet wen? Wann gehen wir in Bewegung mit Wut um, wann brauchen wir eher Rückzug, liegen, schlafen, sprechen? Wann gab es mal einen etwas größeren Schmerz, einen Verlust o.a., den wir rückblickend betrachtet „gut verarbeitet“ haben und an den wir heute zurückdenken können, ohne „abzurutschen“? Wie haben wir das gemacht?

Wenn wir uns im Kleinen recht klar, handlungsfähig und selbst-sicher fühlen, trauen wir uns evtl. auch härtere Kaliber zu.

Spannungsregulation:

Ist die Amygdala in Fahrt, kann man nicht von sich erwarten, vernünftig, durchdacht und konstruktiv handeln zu können. Dann geht es um Kampf, Flucht oder Erstarrung. Das ist kein persönliches Versagen, sondern einfach vollkommen normale „Traumagehirnfunktionalität“.

Auch die Wahrnehmung von Gefühlen kann triggern und einen bewussten Umgang damit verunmöglichen. Insofern nützt es uns, wenn es Innenleute gibt, denen es leicht fällt, eine Meta-Ebene einzunehmen und zu halten, während andere sich mit Belastendem befassen. Beobachter*innen sind wertvoll, die es schaffen, die Spannung im Blick zu behalten und frühzeitig Mechanismen zur Regulation zu initiieren: In Bewegung kommen, Atmung beruhigen, Reorientierung, frische Luft schnappen, etwas trinken, Pause machen, individuelle Skills anwenden.

Automatismen/Konditionierungen identifizieren:

Gefühlszustände/Emotionen können bei Menschen mit mind control-Erfahrung an Programmierungen gebunden sein: „Immer wenn du dich so und so fühlst / immer wenn du bei Innenperson XY dies und jenes wahrnimmst, reagierst du *täterdefiniert*“ Hier ist also besondere Vorsicht geboten. Und auch bei Menschen ohne Bewusstseinskontrolle können verschiedene Anteile ihres Selbst zumindest „alarmiert“ auf Emotionen reagieren. Selbstverletzung kann eine Folge sein. Deshalb ist es gut, so viel Selbstwahrnehmung wie möglich zu etablieren.

Langsamkeit zulassen und aushalten:

„Augen zu und durch“ hat sich bei uns nicht bewährt. „Einmal voll rein in den Schmerz, die Verzweiflung, die Angst- und dann ist es gut!“- das ist ein Trugschluss. Gefühle verändern sich- man kann sich nicht ein für alle Mal durcharbeiten. Am Beispiel der Trauer erleben wir, dass sie eher wellenförmig ist, nicht linear. Mal schwappt sie in Form eines Tränenschwalls plötzlich hoch, will durchgeweint werden bis keine Flüssigkeit mehr kommt und ist dann ruhiger und friedlicher. Mal umgreift sie uns und hält uns ein paar Tage fest, in denen wir uns einigeln wollen, nicht viel sprechen mögen, Kopfschmerzen haben und ständig frieren. Und mal kriecht sie uns (oder jemandem) in die Kehle und will in einem Schrei nach draußen.

Wenn wir verstehen, dass Langsamkeit einen heilsamen Prozess „haltbarer“ macht, gelingt es uns besser, geduldig zu sein. Wenn etwas „schon so lange weh tut“, oder „der Körper einfach nicht wieder fit wird“, oder „man schon seit Wochen oder Monaten nicht aus dem Quark kommt“, oder „ständig wütend ist“, dann ist es ganz schön schwer, sich selbst zu sagen: „Es dauert so lange, wie es eben dauert.“ Ja, es ist schwer. Punkt.

Traumaverabeitung braucht Gefühlswahrnehmung:

Sich erinnern heißt nicht (gleichzeitig) loslassen. Wenn wir wollen, dass Traumata uns nicht mehr (so sehr) in unserem heutigen Leben behindern, belasten, blockieren, dann ist es unserer Erfahrung nach nicht unbedingt nötig, diverse Gewaltdetails hochzuholen und immer wieder durchzukauen, sondern vor allem auf die emotionalen Aspekte dabei zu schauen. Fallen diese hinten weg oder werden sie immer wieder vermieden, verhindert das ein (befreiendes) Loslassen. Wofür ist das gut/sinnvoll?

Gestatten wir uns, dass das Alleingelassenfühlen wieder hochkommt? Die Erniedrigung? Die Verzweiflung? Das Entsetzen? Der Hass? Die Sehnsucht nach Hilfe? Und wenn davon etwas wieder ins Wahrnehmbare gelangt: Schaffen wir es, dabei präsent zu bleiben, oder ist uns der gewohnte Mechanismus der Dissoziation (noch) näher? Wollen wir wirklich, dass etwas Altes, Quälendes gehen kann, oder suchen wir noch etwas darin?

Erlauben wir uns Erholung, Pause, Ruhe, schwächeln? Wie viel Zeit nehmen wir uns, emotionale Prozesse zu durchlaufen, in denen vielleicht Berufstätigkeit schwieriger oder unmöglich wird?

den Körper nicht vergessen:

Manchmal ist der Körper der Erste oder auch der Einzige, der eine Verbindung zu Gefühlen herstellt und sie ausdrückt. Er ist also ein wichtiger Freund und (Früh-) Anzeiger. Zum Teil finden Emotionen ihren Weg ins Sicht- und Fühlbare nur über den Körper, nicht über den seelischen Pfad. Dann ist es zum Beispiel der ständige Schwindel, über den sich eine weit innen versteckte Angst zeigt, die wir aber gar nicht fühlen können. Wir versuchen, diese körperliche Sprache konsequent wertzuschätzen, auch wenn das nicht immer leicht ist.

Frühkindliche Traumata verankern sich auf der Körperebene, sie hinterlassen da ihren (emotionalen) Fingerabdruck- und können am ehesten auch über den Körper aufgelöst (er-löst) werden, nicht über die bewusste Wortsprache. Es kann also sehr heilsam sein, sich mehr mit der Wahrnehmung an/im Körper zu beschäftigen und immer mal wieder für ein paar Minuten (oder länger) eine Reise durch ihn hindurch zu machen: Wie fühle ich mich jetzt? Wie fühle ich mich, wenn ich mich zur Seite drehe/aufstehe/mich hinsetze, o.a.? Tut etwas weh? Gibt es einen anderen Bewegungsimpuls? Wie verändert sich meine Spannung? Will ich damit aufhören?

Als wir so etwas zum ersten Mal ausprobierten, wechselte es zwischen schamhaftem Lachen, Ermüdung, Langeweile, Unruhe und Wut („Was für ein Scheiß!“)hin und her. Es braucht vielleicht ein bisschen Übung, bis man sich wirklich auf so eine Selbstwahrnehmung einlassen kann- und bis man es im Griff hat, davon auch wirklich zu profitieren und sich nicht immer wieder in die Dissoziation zu katapultieren („Das hier ist so dämlich/peinlich/überflüssig/nichtsnutzig, da erstarre ich lieber!“ ;-) ).

die positiven Aspekte erleben:

Sich mit dem bewusst auseinanderzusetzen, was an Schmerz und Verletzung u.a. innen ist und lange weggedrückt war, hilft dabei, traumatische Prägungen neu zu überschreiben. Es trägt auch dazu bei, positive Empfindungen zu vertiefen und „im Gedächtnis zu halten“. Nicht nur Horror und Schrecken können durch das Innensystem fluten, auch Glück, Entspannung, Geborgenheit, Faszination u.a. können Raum greifen. In jede Richtung kann das etabliert werden: Je mehr Innenpersonen an einer (Hippocampus-gesteuerten ;-)) Auseinandersetzung teilhaben, je „gemeinsamer“ etwas Schweres getragen, betrauert, be-wütet wird, desto tiefer setzen sich die neuen, verbindenden Trampelpfade. Gefühle kann man teilen, nicht nur auf-teilen.

Jetzt fällt uns nichts mehr ein.

Wenn Ihr Leser*innen noch weitere Ideen und Anmerkungen habt, schreibt sie gern als Kommentar. Das kann für alle ein großer Schatz sein.

Danke!

Leid(en) zulassen.

Ein „besonders harter Brocken“ zu sein macht dich nicht zum Superhelden*in.

Ich glaube, der Moment, in dem man das Leid(en) zulässt, statt es verhindern, verstecken oder vermeiden zu wollen, ist bahnbrechend.

Immer wieder höre, lese, erfahre ich den äußeren und inneren Fokus auf „Genesung“ (unterschiedlich definiert): Traumafolgen mögen idealerweise aufgelöst (oder abgemildert) werden, der Mensch möge die erlebte Gewalt als Teil seiner Biographie anerkannt und integriert (verabschiedet?) haben. Überleben, weiterleben, trotzdem und mit allem leben. Hauptsache, es tut nicht mehr (so) weh.

Wir wissen und beschäftigen uns schon seit über 20 Jahren von/mit unserem Vielesein und den zugrundeliegenden Traumata. Was uns immer wieder bei beruflich und privat Unterstützenden / Begleitenden und auch bei uns selbst begegnet (ist), ist die Scheu vor dem Leid. Die Angst vor dem „Unaushaltbaren“ oder vor heftigen Gefühlen.

Manchmal wirkt(e) es so, als würde die Abwesenheit von Schmerz, Trauer, Wut, Rachegelüsten, Entsetzen, Ekel, körperlichen Beschwerden usw. als Zeichen des Fortschritts, einer Heilung oder einer besonderen Stärke angesehen werden.

„Es hat mir damals nichts ausgemacht“ klingt vielleicht typisch dissoziativ und ungesund (denn die Gewalt/der Kontext war doch schlimm!). „Es macht mir heute nichts mehr aus“ soll hingegen quasi ein Schlachtruf der/des konstruktiven, wehrhaften und starken Überlebenden sein?? Daran stimmt etwas nicht ganz!

Damit das Leiden nachlässt, muss es erst mal gespürt werden dürfen und seinen Ausdruck finden. Zurückgehaltenes, unterdrücktes, bekämpftes Leid macht nicht gesünder, sondern schwächt, zermürbt, zerfrisst.

Gewalt trifft und schädigt den Körper und die Psyche. Um sie ggf. jahrelang überleben zu können, dissoziiert der (zum Teil noch sehr junge) Mensch. Je länger, desto automatischer und tiefgreifender. Die Gewalt wird letztlich nicht ausgehalten, sondern vielmehr vom Bewusstsein weg-gehalten. Die Belastungen (zum Beispiel in Form von körperlichem und seelischem Schmerz, Verletzungen, Wunden, Isolation, Hilflosigkeit und Ohnmacht) sind vorhanden, finden aber als bewusst er- und gelebtes Leid keinen Raum. Es geht in erster Linie um „Anpassung an die Umstände“, um Kompensation, Unauffälligkeit.

Erwachsen zu werden in einem gewaltvollen Umfeld bedeutet, an verschiedenen inneren und äußeren Stellen verhärten zu müssen und Schutzschichten zu entwickeln. Die (emotionalen) Wunden werden quasi zugespachtelt, das brüchige Fundament und die „Identitätssäulen“ (notdürftig) fixiert. Irgendwie muss, soll, will und kann der Mensch „halten“.

Jene Orte am/im „Ich“, auf die die Gewalt getroffen ist, bleiben aber auch im Erwachsenenalter noch besonders sensible Bruchstellen. Ich denke nicht, dass es besonders wertschätzend ist, Tapferkeitsorden zu verteilen, wenn sie vorbildlich unsichtbar oder unkompliziert sind.

Ein Trauma hinterlässt Eindrücke, und zwar auf überwältigende und massive Weise. Es ist logisch, dass an dieser Stelle ein Leid ensteht und bleibt (auch wenn man es nicht sieht). Wo soll es denn sonst hin? Und es unlogisch zu glauben, es würde sich über die Jahre von selbst in Luft auflösen („Zeit heilt alle Wunden“). Noch unlogischer ist es, davon auszugehen, dass vielzählige Traumata den Menschen besonders widerstandsfähig werden lassen- nach dem Motto: „Je öfter, desto dissoziativer, desto abgehärteter.“

Am Leben geblieben zu sein ist kein Beweis für lebendig sein!

„Es“ darf weh tun. Es darf sein, dass du dich nicht mehr wieder einkriegst. Du darfst etwas „nicht können“. Du musst nicht mithalten, gleichziehen oder „immer besser werden“. Du darfst untröstlich sein. Dein Körper darf „schwächeln“ und zeigen, wo und wie die Gewalt ihm begegnet ist. Das Leid ist und war real und existent und bedeutsam!

Wenn dich jemand zu beruhigen, zu trösten, zu ermutigen versucht und du merkst, dass es dich nicht berührt, dir nicht hilft, dir unangenehm oder lästig ist, dann darfst du dich abwenden. Du hast das Recht, dich nicht unterstützen zu lassen und nicht die Pflicht, „dankbar für alles zu sein“. Du hast das Recht, deine Meinung und Haltung immer wieder zu verändern, Dich zu verändern.

Die Definition von „Heilung“ oder „Genesung“ gehört allein dir. Was andere Menschen unter einer „Verarbeitung“ verstehen, oder wie für sie eine „Überwindung des Erlebten“ aussieht, ist kein Maßstab, nach dem du dich richten musst.

Das Leben nach langjähriger Gewalt und mit deren Folgen ist nicht einfach in ein „Davor“ und „Danach“ einsortierbar. Ich glaube nicht, dass wir irgendwann „fertig“ sind und ich erlebe unseren Weg nicht als „geradeaus“. Unser Damals und unser Heute begegnen sich in/an Schlenkern, Umwegen, Kreuzungen, Haltepunkten.

Ich erwarte nicht, dass unsere gewaltgeprägten Lebensjahre irgendwann „keine Rolle mehr spielen“. Ich hoffe, wir erhalten uns unsere Berührbarkeit und Verletzlichkeit, unsere Tränen inklusive Rotz, unseren Zorn und unsere ureigene „Hässlichkeit“- denn all das hat gute Gründe, Berechtigung und Geschichte!

Wir haben den Kontakt mit diesen Bruchstellen über viele Jahre wachsen lassen und sie gehören genauso zu uns, wie unser Durchhaltevermögen, unsere Lebensverbundenheit, unser „Ganzgebliebenes“. Ohne die Bereitschaft, Leid wahrzunehmen und es zuzulassen, dass uns immer wieder „das Herz bricht“, wären wir zwar weiterhin am Leben, aber eben nicht lebendig.