shut down oder shoot down?

Sie betrachtet ihre Hände, die vom häufigen und langen Waschen hochgradig irritiert sind und bereits sehr jucken und brennen. „Die Hersteller von Handcremes und Kortisonsalben erleben gerade wohl einen echten Aufschwung“, denkt sie „Und die von Antidepressiva und Neuroleptika bestimmt auch.“, ergänzt jemand innen.

Wir leben erst seit relativ kurzer Zeit mit der veränderten Alltagssituation: Keine persönlichen Treffen mehr, keine Theaterarbeit, keine Chorproben, keine face-to-face-Beratungsstellenarbeit. Einkaufen nur „im Notfall“. Sozialkontakt beschränkt sich auf die Lebensgefährtin (mit Körper) und einzelne Freunde*innen (ohne Körper). Wie lange das so bleiben wird und muss ist unklar. Sinnhaftigkeit im Alltag muss neu/anders gefunden und gestaltet werden: Was produzieren wir „Nachhaltiges“? Wie strukturieren wir uns innen und außen?

Wir können bei uns und bei anderen Menschen gut wahrnehmen, welche Aus- und Einwirkungen der Lebensalltag im COVID-19-Kontext hat: Manche fühlen sich nicht bedeutend anders als sonst, manche haben finanzielle und gesundheitliche Existenzängste und erleben einen ökonomischen und/oder psychischen Crash, manche dissoziieren, manche setzen sich bewusst und mehr oder weniger intensiv-konfrontativ auseinander. Immer wieder begegnet uns das Thema „Bindung“: Wie halten Menschen zusammen, wie können sie sich gegenseitig spüren, wo fühlen sie sich geborgen und wie groß ist an welchen Stellen die Einsamkeit? Und wie wichtig ist es, sich (an-)gebunden und verbunden zu fühlen und zu wissen…

Wir denken an Menschen, die alleine leben (müssen), an jene in Pflegeheimen oder anderen Institutionen, jene, die nur noch Latex- und keine natürlichen Menschenhauthände mehr spüren können/dürfen. Ist die Einsamkeit jetzt größer und schlimmer als sonst? Welche Auswirkungen hat sie auf den Lebensmut, die Lebenskraft, die Zuversicht, den Sinn im eigenen Dasein? Wie hält man durch und warum?

Wer wird wie (intensiv) versorgt, wer tut oder ist „systemrelevant“, für wen lohnt sich besondere Mühe, wer wird als störend oder überfordernd oder zuviel erlebt/bezeichnet? Wer interessiert sich für wen und warum und wie lange? Diese Fragen spielen nicht nur aktuell eine Rolle, sondern IMMER. Was also ist hier und heute mit COVID-19 wirklich anders?

Sie legt ihre eingecremten Hände auf das warme Katzenfell. „Ich wünschte, ich könnte Menschen davor bewahren, Schaden zu nehmen.“, murmelt sie. „Der Mensch an sich hat schon eine ziemlich zarte Seelenhaut.“

„Für manche wird so ein shut down wohl zum shoot down“, sagt jemand innen. „Andere werden das machen, was man bei Trauma oder Trauer oder Schock oder Krise an sich so macht: Weiterleben. Und wieder andere fühlen sich wohl derzeit endlich mal normal. Weil´s allen ähnlich geht. Oder so. Wer weiß das schon.

Und jetzt hör´endlich auf, dir ständig die Hände zu waschen!“

organisierte Täter*innen und ihre persönliche Corona-Krise

Könnte es sein, dass sich Täter*innen organisierter / ritueller Gruppierungen zur Zeit richtig in den Hintern beißen?

Könnte es sein, dass Überlebenden/Betroffenen dieser Gewalt außerwöhnlich „sichere“ Zeiten bevorstehen?

Ich sitze am Fenster, schaue raus und sehe niemanden. Wirklich niemanden.

Mir ist nach Party. Ich stelle mir vor, wie sich alle Fenster der Nachbarhäuser öffnen, die Menschen winken und lachen und die Ausgangsbeschränkungen feiern, statt sie zu beklagen.

2 Meter Sicherheitsabstand… Ob sich die alte Riege der Täter*innen jetzt auch daran hält, damit ihre runzeligen Körper nicht vom Virus dahingerafft werden? Hochrisikopatienten*innen… Ich könnte kommen und Euch anhusten, Ihr Weicheier! Habt Ihr Angst?

Grenzschließungen… Oh weh… Bedeutet das etwa „Lieferschwierigkeiten“ für kriminelle Gruppierungen? Muss pausiert werden mit „wasauchimmer“ oder finden sich andere Wege? Ich hoffe, der ganze Stress produziert bei den richtigen Personen tötliche Herzinfarkte.

Rituelle Feiertage, Ostern, Walpurgisnacht, das ganze beschissene Affentheater- Ihr habt doch Eure Tickets dafür sicher schon gekauft?! Und jetzt? Zurückgeben wird schwierig, oder? Bleibt Ihr auf Euren Vorbereitungen sitzen, auf Euren Vorinvestitionen? Naja, Ihr seid ja quasi alle Kollegen*innen, sitzt in einem Boot- heult also nicht rum, Ihr habt doch Euch!

Ich schaue weiter aus dem Fenster und sowas wie Schadenfreude breitet sich in meinem ganzen Körper aus. Ich weiß, dass in der Logik meines Kopfkinos Lücken klaffen, aber das ist mir egal.

Ich stelle mir einfach die besonders bösartigen, machtgeilen und ekelhaften Täter*innen aus unserer Biographie vor, wie sie ihre ganz eigene „Corona-Krise“ schieben und fühle mich – hm… besser.

Hausarrest… Ausgangs“verbot“…

Sitzt Du jetzt in Deinem Haus und merkst, wie Dir langsam die Decke auf den Kopf fällt? Kriecht Dir eine gewisse Beklemmung den Rücken hinauf? Bekommst Du Atemnot, weil die Luft immer dicker wird? Verspannt sich Dein Körper vor lauter unterdrückten Bewegungsimpulsen? Beginnst Du, mit Dir selbst zu reden und autoaggressiv zu werden, als Effekt einer einsetzenden Isolation? Weißt Du nicht wohin mit Dir? Quälen Dich mehr und mehr existenzielle Ängste?

Willkommen auf der anderen Seite, Du Drecksack!

 

COVID-19 ist nicht die einzige Gefahr derzeit!

„Die Maßnahmen zur Bekämpfung des Corona-Virus in Deutschland führen zu erheblichen familiären Belastungen. Viele Menschen sind  im Homeoffice oder  können derzeit nicht arbeiten, die Betreuung von Kindern muss zu Hause realisiert werden, der Haushalt muss unter schwierigen Bedingungen organisiert werden, zunehmende familiäre Konflikte sind zu erwarten.

Die Erfahrungen der Frauenhäuser, der Beratungsstellen und der Polizei zeigen, dass es zu Familienfeiertagen wie beispielsweise zu Weihnachten verstärkt zu Konflikten bis hin zu eskalierenden Situationen kommt.  Aktuelle Berichte von Hilfsorganisationen und Polizei aus Wuhan in China während der Corona-Krise bestätigen einen erheblichen Anstieg an Fällen von häuslicher Gewalt und Hilfeanfragen.

Der Ausweg aus dieser Situation ist für gewaltbetroffene Frauen durch Quarantänemaßnahmen und Einschränkungen der Bewegungsfreiheit schwierig: Sie können sich nicht bei Freunden und Verwandten in Sicherheit bringen.  Umso wichtiger ist es, dass Frauenhäuser und Beratungsstellen Schutz und Beratung auch für eine mögliche steigende Zahl gewaltbetroffener Frauen und ihrer Kinder sicherstellen können.

Denn schon vor der Corona-Krise war der Zugang zu Frauenhäusern oder zeitnaher Beratung in einer Fachberatungsstelle schwierig. In den Frauenhäusern mangelt es an Plätzen, bundesweit fehlen ca. 14.000 Frauenhausplätze. In den Frauenhäusern und Beratungsstellen gibt es nicht genug  Mitarbeiter_innen für die Beratung und Unterstützung der Frauen und ihrer Kinder.

Die Frauenhäuser und Beratungsstellen arbeiten mit Hochdruck an Lösungen, einerseits um Gewaltschutz, Beratung und den Schutz sicherzustellen, andererseits ist der Schutz vor weiteren Corona-Infektionen zu gewährleisten. Aber die fehlenden Ressourcen setzen ihnen dabei deutliche Grenzen.

Wir fordern Länder und Kommunen daher dringend auf, den Gewaltschutz auf die Prioritätenliste zu setzen und gemeinsam mit den Frauenhäusern und Fachberatungsstellen schnelle Lösungen vor Ort zu finden, um den Schutz gewaltbetroffener Frauen und ihrer Kinder während der Corona-Krise zu sichern.

(Frauenhauskoordinierung e.V.)

 

„Auch für uns Mitarbeiterinnen ist die aktuelle Situation eine große, neue Herausforderung, die wir bereits vor einigen Wochen so diskutiert haben, dass jede von uns zugunsten der im Frauenhaus lebenden Menschen auf persönliche Kontakte außerhalb des Frauenhauses verzichtet.“

Autonomes Frauenhaus Lübeck

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©PaulaRabe

wobei uns COVID-19 hilft

Spannend… Gerade jetzt, in einer Zeit, in der Menschen sich besonders viel mit Panik (und dem Versuch, sie zu vermeiden), Händewaschen, Infektionsgefahr, Freiheitsbeschränkungen, Grundversorgung, Husten- und Niesetikette und Existenzbedrohungen beschäftigen, fühle ich einen großen inneren und äußeren „Detox-„Effekt:

– Die „erzwungene Ruhe“ setzt sich mittlerweile innerlich und macht Raum, Zeit und Energie frei für anderes: Langeweile spüren, zulassen und daraus Kreativität wachsen lassen; sich selbst mehr wahrnehmen, fühlen, kommunizieren, Innenkontakt vertiefen; Erholung suchen und genießen, auftanken, die freie Zeit flexibel nutzen; reflektieren, was war und ist und überdenken, was kommen soll, darf, will…

– In uns genießt etwas (jemand? viele?) den Anblick leerer Innenstädte, reduzierter Warenangebote im Supermarkt, geschlossener Läden, Kneipen, Restaurants… Es ist der Bereich in uns, der unter Reizüberflutung leidet und sich wohler mit „weniger“ fühlt. Es ist auch der Bereich in uns, der sich darüber freut, zu Hause oder im Garten bleiben zu „dürfen“, keine direkten sozialen Kontakte „pflegen“ zu müssen, „social distancing“ quasi zu zelebrieren.

– Wir sind so erleichtert und berührt, wenn wir miterleben, wie Menschen zusammenhalten, füreinander sorgen, sich kümmern, teilen, unterstützen. Und das kann man derzeit deutlich erkennen, wenn man darauf achtet und für die Wahrnehmung offen ist (und sich nicht von „Hamsterkauf-Fotos“ in sozialen Netzwerken o.a. „infizieren“ lässt!). Nachbarschaftshilfe und Solidarität haben derzeit eine noch größere Bedeutung, freundliche Aufmerksamkeit und Zuwendung findet statt (sofern man selbst dazu beiträgt) und die Frage „Wie geht´s denn so?“ kommt aus Richtungen, aus denen man sie gar nicht erwartet hätte. Wir bemerken „das Gute im Menschen“ aktuell deutlicher und ernsthafter als sonst- auch, weil wir es aktiv suchen und finden wollen.

– Wir sortieren politische und wissenschaftliche Informationen so gut es geht aus: Was kommt woher und ist „fundiert“, was hat einen „Beigeschmack“, was ist sachlich, was erweitert meinen Horizont, was beantwortet mir meine Fragen- und wo/wann schalte ich ab. Wissenslücken sind meine eigene Entscheidung und auch ein bisschen mein eigener Luxus. Ich darf uninformiert einfach nur den Garten frühlingsfit machen und mich gegen die Konfrontation mit der hundertsten Virologen*innen-Meinung entscheiden.

– Quarantäne ist nicht gleich Einkerkerung. Die Erinnerungen und Gefühle, die sich regen, wenn daran gedacht wird, dass wir vielleicht in Zukunft für eine Weile die Wohnung nicht mehr verlassen dürfen, können sich auch wieder beruhigen. Wir erleben einen inneren Verarbeitungseffekt, wenn wir uns bewusst damit auseinandersetzen, was heute anders ist als früher: Wir wären nicht alleine irgendwo eingesperrt, sondern hätten unser gutes Zuhause, unsere Partnerin, unsere Katzen, liebevolle Kontakte per Telefon oder Mail, Materialien, mit denen wir uns beschäftigen könnten, Lebensmittel, Grundversorgung. Wir wären nicht in unserer (Lebens-)Existenz bedroht. Das ist total anders als früher!

– Vertrauen in den Lauf der Dinge zu haben gelingt uns leichter, wenn wir uns mit der Weisheit und Logik der Natur beschäftigen. Tiere, Bäume, Pflanzen, Wetter, Kreisläufe, Jahreszeiten, ja sogar Viren haben eigene Systeme und „Berechtigungen“. Wir Menschen sind eben keine „Krone der Schöpfung“, sondern Teil(e) eines „großen Ganzen“. Das, was Menschen verdrängen oder zerstören, zieht Konsequenzen nach sich. Und ich bin sicher: Leben sucht sich seinen Weg. Ob „uns“ das nun immer so passt, oder nicht.

„Trauma“ hat so viele Seiten und Facetten und Auswirkungen. Menschen reagieren in der „Corona-Krise“ typisch auf Bedrohlichkeit: Mit Kampf, Flucht oder Erstarrung. Damit „COVID-19“ nicht zum gesellschaftlichen Trauma wird, braucht es Bewegungsmöglichkeiten, Handlungsfähigkeiten, Kommunikation für jede_n Einzelne_n. Auch wenn der persönliche Bewegungsradius von außen (z.B. Politik) eingeschränkt und reglementiert wird: Man ist dieser Situation nicht hilflos ausgeliefert!

Gedanken, Gefühle, Reaktionen, Impulse, Sichtweisen, Bewertungen sind dynamisch und beeinflussbar und machen viel von dem aus, wie ein Mensch (eine Gesellschaft) eine Krise bewältigt.