Seiltanz… am nächsten Tag

Wir treten mehrfach daneben, bei unserem Seiltanz. Trotzdem halten wir uns aufrecht.

Und gleichzeitig fühlt es sich an, als fielen wir aus unserem Körper heraus und schauten ihm dabei zu, wie er sich weiter fortbewegt. Das ist ungünstig weit entfernt von uns selbst.

Wir wollen festhalten, wie es uns dabei geht, scharfkantige Biographiestücke in unser heutiges Leben zu integrieren und gleichzeitig die individuellen, dissoziativen Grenzen unseres Gegenübers zu achten. Wir wollen mitteilen, wie es für uns funktionieren kann, aus alten Verstrickungen herauszuwachsen und uns zu verabschieden und gleichzeitig neue, eigene (Ver-)Bindungen zu entwickeln. Wir wollen das „Danach“ spürbar und sichtbar werden lassen. Wir wollen beschreiben, dass zwischen einem „entweder…, oder…“ auch noch ein „sowohl…, als auch…“ entstehen kann.

Es geht gerade nicht.

Jetzt und hier kämpfen wir so sehr. Jetzt und hier packt die Vergangenheit so schonungslos zu, dass wir mehr durchhalten als selbst gestalten.

Und S.? Atmet, schläft, isst und trinkt normal, lacht, wirkt entspannt. Malt auf ein gemeinsam gestaltetes Bild Triggersymbole neben Sonnenschein. Ahnt möglicherweise nichts von unserem inneren Stress (und ihrem eigenen?) und ist unfassbar, unerklärlich vertrauensvoll uns gegenüber.

Morgen fährt sie wieder weg.

Ich weiß nicht, was dann sein wird.

Bei uns und bei ihr.

 

 

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Seiltänzerei – aktualisiert…

S. sitzt auf unserem Sofa. Schaut mit C. gemeinsam einen Film, den sie beide früher- sehr viel früher, zu einer vollkommen anderen Zeit– gesehen haben. S. erinnert sich nur bruchstückhaft. C. kann quasi mitsprechen.

Sie beide kennen sich. Und doch sind sie sich hier und jetzt sehr fremd.

Es ist surreal. Der Moment ist ver-rückt. Da passt etwas nicht. Und genau das ist der Grund, weshalb in diesen Minuten so viel gelernt werden kann.

Das letzte Mal, als sich S. und C. alleine, in einer sicheren Situation, begegnet sind, ist ca.18 Jahre her. Jetzt ist es anders. Jetzt ist alles anders.

Wir gestalten unser „Heute“. Wir lassen nicht zu, dass die Bewusstseinskontrolle, die Gewalt, die Manipulation, die S. und C. (und jeweils diverse Andere im jeweiligen Innern) erleben mussten, bis in alle Ewigkeit „hält“. Dafür arbeiten wir knochenhart.

Wir (und das meint nur uns, nicht S.) wollen nicht mehr die Geschwister sein, die im Dienste der Gruppierung alte Parolen, alte Denk- und Wertemuster, alte Aufgaben oder Verstrickungen aktivieren und „warm halten“. Wir beschützen C. Und wir beschützen S., weil sie es (noch) nicht alleine kann. Sie weiß nicht, was in ihr ist. Weil es für sie lebensgefährlich wäre, es zu realisieren.

Gemeinsam auf dem Sofa teilen sich S. und C. eine verbindende Erinnerung aus einer hochbrisanten Zeit, ohne zu zerbrechen.

Weil es auch Gutes gab.

Und weil sich eine Schwester auf einen Seiltanz einlässt.

aktualisiert, ein paar Stunden später: S. braucht notdienstliche Unterstützung wegen asthmatischer Atemnot. C. verschwindet im Innern. Der Rest krallt sich an irgendeinem Abgrund fest, um sich nicht wegtriggern zu lassen von altbekannter Sorge, Angst und Schuldgefühlen…

Seiltanz ist so eine Sache…

 

Futterneid?

Wer bekommt das größte Stück-

vom Alltag,

von der Zeit,

den Entscheidungen,

den Bewegungen

und dem Tempo?

Wer wird belohnt,

gehört und erkannt?

Wer wird bestraft,

blockiert und verdrängt?

Wer wird ignoriert,

übersehen und vergessen?

Wer ist kraftvoll genug,

sich die Rosinen zu greifen,

noch bevor andere sie entdeckt haben?

Wer teilt,

wenn oder weil

es ums Ganze geht?

Wer ist gut genährt vom Leben,

und wer verhungert am Rande?

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©GeteilteAnsichten

verzweifeltes Dornröschen

Manchmal bin ich verzweifelt, weil es immer irgendjemanden in uns geben wird, der dafür sorgen wird, dass wir durchhalten.

Manchmal bin ich verzweifelt, weil es immer wieder klappt, zum Lebensalltag zurückzufinden, obwohl sich im Innern irgendwas oder irgendjemand zum Sterben auf den Boden legen will.

Manchmal bin ich verzweifelt, weil ich Liebe empfinde, die mich und uns hält. Liebe nach außen und nach innen. Liebe, die es unmöglich macht, ganz zu zerfallen, ganz zu verschwinden.

Manchmal bin ich verzweifelt, so müde und ratlos und am Ende von irgendwas, das morgen trotzdem weitergehen wird.

Und manchmal, wenn die Verzweiflung sich wieder beruhigt; wenn es von jetzt auf gleich plötzlich „vorbei“ ist, weil sich ein Minimum verändern konnte; wenn sich etwas in mir löst-

dann fühle ich mich wie wachgeküsst.

 

Klinikwut

Es ist dieser Moment, in dem du eine Antwort im Emailpostfach hast, die dir Herzklopfen -irgendwo zwischen Hoffnung und „ich ahne Böses“- macht. Dieser Moment, in dem sich entscheidet, wie es weitergehen wird in den nächsten Monaten. Dieser Moment, in dem du schweigend den Kopf auf die Laptop-Tastatur fallen lässt, obwohl eigentlich geschrien werden möchte:

Ungefährer Aufnahmezeitpunkt in die Klinik: Oktober 2019.“

Es ist dieser Moment, in dem sich Enttäuschung, Wut, himmelschreiende Ungerechtigkeit, Resignation und verzweifeltes Lachen vermischen.

Wenn das alles so kommt, wie per Mail rückgemeldet, werde ich doch ein ganzes Jahr auf der Warteliste gestanden haben, für eine AKUT-Krankenhausbehandlung mit traumaspezifischem Schwerpunkt. Doch ein ganzes Jahr- obwohl ich zunächst andere Angaben bekam. Hätte ich zum Zeitpunkt meiner Anmeldung gewusst, dass es sich nicht nur um „ca. ein halbes Jahr“ handeln wird, sondern um unübersichtlich lange 12 Monate, dann hätte ich auf die Anmeldung in der Klinik verzichtet. Hätte den langen Aufnahmefragebogen nicht ausgefüllt, keine „Krankenhauseinweisung“ bei einer neuen, unbekannten Psychiaterin besorgt, meine Therapeutin keinen Verlaufsbericht schreiben lassen. Ich hätte mich einfach entschieden, dass so eine lange Wartezeit für uns keinen Sinn macht. Dass ich mich nach einer anderen Klinik umschauen oder es einfach ganz sein lassen werde mit einer stationären Phase.

Was weiß ich, was im Oktober 2019 mit uns sein wird? Ob wir da überhaupt noch eine Klinikzeit wollen oder brauchen? Davor gehen noch 3 ganze Jahreszeiten ins Land! Und ziemlich viele Stunden unseres kargen Psychotherapiebudgets werden verbraucht.

Ich weiß, dass ich irgendwann später meinen Galgenhumor aktivieren werde und mich darauf fokussieren werde, wie wunderbar es ist, dass wir im Frühjahr ohne stationäre Unterbrechung unseren Garten beackern können. Und wie erleichternd es ist, jetzt genau zu wissen, dass man im Frühjahr und Sommer noch ein paar Lesungen veranstalten kann. Wie schön. Das Leben geht weiter. Wie schön!

Jetzt im Moment habe ich aber erst mal meinen Kopf wieder von der Tastatur erhoben und überlege, was/wen ich gerne zer- oder erschlagen möchte.

Für alle, die das hier lesen und kommentieren möchten: Ich kann gerade überhaupt nicht (!) so etwas gebrauchen: „Ach, geht mir auch so! Ist so in Deutschland, das Elend mit den langen Wartezeiten.“ Ich will nichts Relativierendes oder Verharmlosendes hören oder lesen und auch keine Tipps für irgendwelche Alternativkliniken erhalten.

Ich bin gerade stinksauer und HASSE die Versorgungssituation (Versorgung?? Ich kreische!) komplextraumatisierter Menschen in diesem Land. Und ich hasse alle, die in verantwortlichen Positionen sitzen und nichts daran ändern.

Und ich hasse Täter*innen, die besser „behandelt“ werden, als ihre Opfer.