Wenn Täter*innen sterben

Ich lese einen virtuellen „Nachruf“ über eine Person, die während unserer gesamten Kindheit und Jugend sexualisierte und andere Gewalt an uns verübt hat.

„Einer weniger aus der Altherrenriege von damals…“, denke ich spontan.

Ich atme einen Moment durch und konzentriere mich auf das Innen: Wie reagieren wir auf diese Nachricht? Was macht es mit uns, dass er gestorben ist? Erleichterung, Freude, Erschütterung, Trauer, Leere, Achselzucken, Wut?

Es gibt viele Aspekte, die mich/uns und andere Gewalt-Betroffene beschäftigen können, wenn ein_e Täter*in stirbt.

Ich denke, Einiges hängt davon ab, wie die Umstände waren: Gab es eine familiäre Verbindung, einen geteilten Alltag, gab es eine emotionale Nähe? Fand neben der Gewalt auch ein Erleben von „schönen Dingen“ miteinander statt?

War der/die Täter*in jemand, der/die maßgeblich an der Prägung durch mind control (Bewusstseinskontrolle) im Kontext von organisierter / ritualisierter Gewalt beteiligt war?

Wer war dieser Mensch für den/die Betroffene*n?

Wie wird die erlebte Gewalt im eigenen Leben „einsortiert“ und „bewertet“?

Es gibt kein „richtig“ oder „falsch“ an Reaktionen auf den Tod eines/einer Täters/Täterin. Man muss sich nicht freuen oder erleichtert sein. Es darf einem egal sein. Und es darf auch Trauer da sein.

Wenn ich Trauer verspüre, heißt das nicht, dass die erlebte Gewalt dann wohl nicht so schlimm gewesen sein kann. Sie sagt nichts darüber aus, wie viel oder wenig ich/wir und andere beschädigt wurde(n).

Das Verlustgefühl in der Trauer kann sich zum Beispiel darauf beziehen, was früher auch „schön“ oder jedenfalls „okay“ war. Vielleicht gab es mal einen schönen Ausflug mit dem/der Täter*in, vielleicht hatte er/sie eine bestimmte nette Eigenschaft, vielleicht gab es „zwei Gesichter“ (freundlich/liebevoll und gewalttätig/übergriffig).

Einen Verlustschmerz kann man auch wahrnehmen, wenn man realisiert, dass durch den Tod des Täters / der Täterin die Chance auf eine Gerechtigkeit in Form einer Bestrafung im „irdischen Leben“ vergangen ist. Er/Sie ist einfach „weg“, hinterlässt einen Berg (vielleicht eine ganze innere Welt) voller Schutt und Asche und die Betroffenen müssen weiter damit leben. Das kann auch Wut auslösen.

Möglicherweise ist da auch „nichts“, wenn man vom Tod des-/derjenigen erfährt. Einfach nur Stille, Leere. Vielleicht in Form eines „na und?!“, weil er/sie schon längst keine Bedeutung mehr hat/hatte. Oder in Form eines Schrecks. Oder in Form einer Erleichterung und Beruhigung. Es kann inzwischen völlig egal geworden sein, was mit ihm/ihr ist.

Und wenn da Freude entsteht? Das Bedürfnis, den Tag zu feiern? Der Impuls, laut zu lachen oder zu jubeln, weil ein Arschloch weniger auf der Welt existiert? Diese Impulse können und dürfen genau so da sein! Eventuell tauchen dazu Gedanken, innere Stimmen oder eine Anspannung auf, die sagen, dass es nicht erlaubt ist, so zu fühlen. Die dafür bestrafen wollen, negativ über eine_n Täter*in zu denken. Es kann auch passieren, dass innere Vorgänge angetriggert werden, die sich automatisiert anfühlen. Vielleicht, weil sie bewusst von jemandem so angelegt wurden.

In jedem Fall finde ich es sehr wichtig, aufmerksam dafür zu sein, was im Innern los ist. Verschiedene Innenpersonen / Innenanteile o.a. können eben auch verschieden reagieren- und alles braucht ja auch irgendeine Form der „Versorgung“ oder Anerkennung.

Damit es nicht in Chaos oder Zusammenbruch ausartet, hilft es (zumindest uns), „den Fuß vom Gas zu nehmen“, soweit es irgendwie möglich ist: Wir müssen uns nicht beeilen. Es hat für uns keine anfordernde Bedeutung, dass da jemand gestorben ist. Wir dürfen uns Zeit lassen, unsere Reaktionen wahrzunehmen und damit umzugehen. Und das Leben geht weiter!

Ich bemerke, dass sich bei uns vermehrt Gewalterinnerungen zeigen, die mit diesem Täter zu tun haben. Sie wirken lebendiger und greifbarer als „früher“, mit Ton und Farbe, präsent, eindrücklich, emotional. Vielleicht können sie jetzt erstmals in aller Deutlichkeit so sicht- und fühlbar werden, wo sie sonst oft schwarz-weiß, stumm, eindimensional oder auch vollkommen überflutend und ohne Worte waren.

Ich sehe unsere Chancen darin.

Lesungen, Begegnungen, Gespräche

Herzlich willkommen im neuen Jahr! Wir wünschen Euch möglichst viel Gesundheit und Zuversicht auf allen Ebenen- und dort, wo es das nicht geben kann, Kraft und Halt, es anzunehmen und durchzustehen.

Wir haben im letzten Jahr viel Neues und sehr Gutes erlebt und sind dankbar dafür. Es war ein Jahr mit viel Zeit für Rückzug und Innenarbeit, viel Fokus auf uns selbst. Für 2022 wünschen wir uns wieder mehr Kontakte im Außen, im analogen Leben- sofern das in der Pandemie möglich sein kann.

Wir haben Lust, noch mal Lesungen zu veranstalten.

Die Erfahrungen, die wir bisher damit machen durften, waren sehr bewegend und haben uns nachhaltig geprägt und energetisiert. Immer wieder schauen wir uns die Gästebücher an, die freundlichen, bunten, vielfältigen Rückmeldungen und Grüße darin. Wir haben erlebt, wie wertvoll die Veranstaltungen für alle Beteiligten waren: Uns ging es immer vorrangig um die Möglichkeit des Austauschs, der Begegnung und „Verbindung für einen Abend“. Das Lesen aus unserem Buch war „nur“ ein Türöffner dafür.

Wenn Ihr Ideen und Anregungen habt, wo (innerhalb Deutschlands) eine „Lesung mit Gespräch“ stattfinden könnte, meldet Euch gerne per Mail bei uns. Wenn Ihr Kontakt zu Institutionen habt, die uns doch mal einladen könnten, gebt gerne Bescheid. Vielleicht seid Ihr Teil einer kleinen Selbsthilfegruppe oder anderen privaten Community, vielleicht wisst Ihr einen Raum, in dem man sich gut treffen kann. Traut Euch bitte gerne, uns zu schreiben.

Wir lesen und sprechen „mit Schutzmaßnahmen“: Wenige Menschen in einem Raum, der groß genug sein muss und gut gelüftet werden kann, mit Pausen, Abstand- und nach aktuellen Corona-Verordnungen.

Wir freuen uns, von Euch zu lesen.

Viele freundliche Grüße, Paula u.a.

Der Eine geht und die Andere kommt

©PaulaRabe

In dem kleinen roten Koffer war ein Ei.

Wir haben es über Nacht unter Örkels Lampe gelegt, so wie er es uns aufgetragen hatte.

Und jetzt ist da diese kleine Niedlichkeit geschlüpft.

Wir haben sie in ein Schmuckdöschen gesetzt.

„Ich bleib für immer!“, hat sie geträllert.

Und dann wollte sie Kekse. „Viele“, rief sie. „Viele Kekse von Vielen.“

Also haben wir gebacken. Viele-Kekse.

©PaulaRabe

Wir wünschen Euch Leser*innen schöne und sichere Weihnachtstage und einen möglichst gesunden, zuversichtlichen Jahreswechsel. Falls Ihr zufällig Örkel seht, sagt ihm bitte, dass er sein Wünschebüchlein bei uns vergessen hat. Wir werden darauf aufpassen, bis er wiederkommt.

Örkel reist im Segelboot

©PaulaRabe

Heute früh hat uns Örkel gebeten, für ihn zwei größere Federn zu organisieren. Das haben wir gerne gemacht und in unserem Garten gesucht. Dabei sind uns zwei kleine Buddellöcher unter der Weide aufgefallen- und jetzt wissen wir auch, wo Örkel und der Maulwurf den Schatz gefunden haben!

Wir brachten Örkel zwei Taubenfedern. Und wir merkten schon, dass es heute soweit sein würde. Da war die ganze Zeit dieser Druck hinter unseren Augen, der Bauch zwickte- wir spürten Abschiedsschmerz.

„Örkel, was machst Du mit den Federn?“

„Ich nehme den Wasserweg.“

„Bitte?“

„Ich reise per Segelboot.“

„Du hast doch gar keins?!“

„Ich baue eins. Danke für die Federn! Super Segel!“

„Und du benutzt die Kiste wie ein Floß?“

„Genau. Und während ich baue, nehmt ihr euch mal den roten Koffer. Das, was da drin ist, legt ihr über Nacht unter meine coole Vintagelampe.“

„Und dann?“

„Werdet ihr schon sehen.“

musikalischer Abschied

©PaulaRabe

Wir haben endlich akzeptiert, dass wir Örkel nicht sehen können und dass sich das auch nicht ändern lässt. Wir haben gelernt ihn zu hören- und das ist ein tolles Geschenk!

Jetzt, wo wir erfahren haben, dass er uns bald verlässt, haben wir uns einen musikalischen Abschied mit ihm gewünscht. Er scheint ja gerne zu singen- und eine kleine Ukulele hat er auch. Da wir wissen, dass er Limonade liebt, haben wir ihm welche organisiert- darüber freut er sich so, dass er richtiggehend in Partystimmung ist.

Und so tönt heute schon den ganzen Tag Musik in unserem Haus. Örkel kennt viele Menschen-Lieder und er hat uns auch schon interessante Wichtelsongs vorgesungen, die uns völlig unbekannt waren.

Im Moment arbeitet er sich musikalisch durch die Charts der Neunziger. Er kann sogar „Die da“ von den Fanta-stischen Vier. :-))

Was würdet Ihr gemeinsam mit Örkel singen wollen?